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28. November 2008, 20:49 Uhr

Kein großer Wurf, der Entwurf!

Nun bekommt Berlin tatsächlich wieder sein Stadtschloss. Ein Italiener soll es bauen, aber die Entscheidung ist ein fauler Kompromiss. Den besten Entwurf mochte aus Feigheit niemand aufs Podest heben. Von Anja Lösel

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Der siegreiche Entwurf des italienischen Architekten Francesco Stella© Rainer Jensen/DPA

Sie wollten ein Schloss. Unbedingt. Thierse und Tiefensee und all die anderen Vorsichtigen und Phantasielosen. Deshalb krönten sie heute den Italiener Francesco Stella aus Vicenza mit dem ersten Preis im Wettbewerb um das so genannte Humboldt-Forum, das in Berlin an der Stelle des 1950 gesprengten barocken Stadtschlosses wieder erstehen soll.

Francesco Who? Wer ist das denn? Fragten sich sogar die Architekturkritiker im Publikum. In der Fachwelt ist Franco Stella, wie er selbst sich nennt, weitgehend unbekannt. Zwar hat der wohlhabende Spross einer Industriellenfamilie bereits 65 Jahre auf dem Buckel, aber in Deutschland kennen nur wenige seine Gebäude wie etwa die Messe in Padua oder ein paar Schulen bei Vicenza.

Warum nur bekam gerade er den mit 100.000 Euro dotierten ersten Preis im Architektenwettbewerb? Außen sieht sein Schloss aus wie es vor dem Krieg war: eintönige Fassaden, mehr als hundert Meter lang, langweilig und öde. Sogar die barocke Kuppel will Stella sorgfältig rekonstruieren. Niemand soll erkennen können, dass hier ein kompletter Neubau entsteht.

Innen immerhin ist Stellas neues Schloss ganz anregend. Er erfand einen neuen Durchgang vom Lustgarten aus quer durch das gesamte Gebäude, der Alt und Neu geschickt verbindet und in seiner Formensprache an Florenz oder Venedig erinnert. Hier können Passanten auch noch abends und nachts mitten durch das Gebäude flanieren wie durch eine Passage. Einer der beiden Höfe, der Schlüterhof, wird überdacht und als Museumsraum genutzt. Im Osten, an der Spree, prangt ein "Belvedere", eine verglaste Loggia, die schöne Blicke aufs Wasser und auf den Alexanderplatz erlaubt und möglicherweise einmal die Bibliothek beherbergen wird. "1000 Interpretationen sind möglich", sagt Franco Stella. "Man muss aber doch die Geschichte wiederfinden" und "weiterbauen".

Preußen: ja gern. DDR: nein danke

Die Erinnerung an den geschichtsträchtigen Volkskammersaal, in dem das Ende der DDR beschlossen worden war, hat er allerdings gestrichen. Barock und Preußen: ja gern. DDR: nein danke. Wäre wohl doch zu peinlich gewesen, zuerst den Palast der Republik abzureißen, dann aber Teile davon wieder im Schloss aufzubauen.

Jurorin Gesine Weinmiller aus Berlin lobt trotzdem: "Stellas Entwurf ist raffiniert. Ich werde mich nicht vor meinen Enkeln verstecken müssen, wenn das Gebäude mal steht." Die Nutzung durch Museen, Bibliotheken und die Humboldt-Universität sei zwar "ein bisschen ein Gemischtwarenladen", Stella habe das aber alles "extrem fein" hingekriegt.

Jurypräsident Vittoria Lampugnani hingegen sieht blass und schmal aus, als er das Wettbewerbs-Ergebnis verkündet. Er hätte sich offenere Vorgaben des Bundestags gewünscht, gab er zu, wenn auch das Ergebnis jetzt "sehr schön, sehr stark, sehr mutig" sei. Offenbar war heftig diskutiert und gestritten worden. Am Ende urteilte die Jury zwar einstimmig, aber offenbar sehen viele das Ergebnis als Kompromiss und "kleinsten gemeinsamen Nenner". David Chipperfield, stets ein kluger und mutiger Verfechter der Moderne, hatte sich der versammelten Presse erst gar nicht gestellt.

Der Bundestag hatte 2003 für die historischen Schloss-Fassaden gestimmt und sich eine Kuppel gewünscht. Auch eine moderne wäre möglich gewesen, vergleichbar der von Norman Foster auf dem Reichstag, die sich zu einem der beliebtesten und meistbesuchten Orte in Berlin entwickelt hat. So oder ähnlich hätte die Schlosskuppel auch aussehen können. Chance vertan.

Sympathie der Jury für freche Alternative

Dabei hätte es durchaus Alternativen gegeben. Den Entwurf der Berliner Architekten Kuehn Malvezzi zum Beispiel. Sie hatten sich frech über einige Vorgaben hinweggesetzt - und bekamen deshalb nicht den ersten, aber einen mit 60.000 Euro extrem hoch dotierten "Sonderpreis": deutliches Zeichen für die große Sympathie der Jury.

Nun stehen die beiden Brüder Johannes und Wilfried Kuehn vor ihrem Entwurf und strahlen. Nein traurig sind sie nicht, der Sonderpreis ist eine Riesenanerkennung. Aber Chancen, ja, Chancen hatten sie sich schon ausgerechnet. "Wir hätten das gern gebaut." Leider hätten sie "rein rechtlich keine Chance" gehabt, sagt Gesine Weinmiller.

Schade eigentlich, denn ihre Idee ist bestechend. Die Fassade wollten sie aus Backstein bauen, so wie der allseits geschätzte Baumeister Schinkel es bei vielen seiner Gebäude vorgemacht hat. Darauf sollten die noch erhaltenen Schlossteile und nach und nach auch neue appliziert werden. Denn im Ernst rechnet niemand damit, dass in nur drei Jahren vom Baubeginn 2010 bis zur Fertigstellung 2013 sämtliche Steinmetzarbeiten für die Fassade fertig sein können.

Der Clou des Entwurfs ist aber die negative Kuppel. Sie reckt sich nicht halbkugelförmig in die Höhe, sondern wölbt sich nach Innen. Und bildet so einen aufregenden Eingangs- und Versammlungsraum: die Agora (griechisch: Marktplatz). Weil die Kuppel aus Glas ist, würde sie nachts wie eine Leuchte über dem Humboldt-Forum prangen.

Gesine Weinmiller ist das "zu viel Ironie" und "eine Provokation dem Bauherrn gegenüber". Aber was eigentlich ist gegen ein wenig Ironie beim Bauen zu sagen? Ist ein bierernstes Schloss besser?

Die Diskussion wird jetzt erst beginnen

Die Diskussion wird ohnehin jetzt erst beginnen: Wie genau sehen die Museums- und Bibliotheksräume aus? Wie die Details und die Materialien? Wie die genauen Grundrisse? Dass das Gebäude tatsächlich 2013 fertig sein wird, glaubt kein Mensch. Und viel zu gering ist der Kostenrahmen von 552 Millionen Euro. Von den versprochenen 80 Millionen für die Fassade, die der Förderverein Berliner Schloss seit Jahren verspricht, ist noch nicht einmal ein Zehntel eingesammelt.

Jury-Präsident Vittorio Lampugnani: "Wir haben heute nicht etwas ausgewählt, was wörtlich so gebaut werden soll, sondern etwas, was einen guten, starken Ausgangspunkt bildet."

Nun denn. Die Diskussion ist eröffnet.

Die Wettbewerbs-Entwürfe sind vom 3. bis 21. Dezember ausgestellt im Kronprinzenpalais, Unter den Linden

Von Anja Lösel
 
 
KOMMENTARE (10 von 34)
 
manesse (29.11.2008, 22:17 Uhr)
@pankratius
Das sehen Sie völlig richtig. Das Schloss ist eine Art Kontrapunkt zum Dom. Aus diesem Grund war der Palast der Republik m. E. gar nicht schlecht. Denn der Dom spiegelte sich in dessen Glasfront sehr schön. Leider hat man den Palast der Republik abgerissen, aus welchen Gründen auch immer; und so hätte ein modernistischer Architekt diese von Ihnen geäußerte Idee eines Kontrapunkts zum Dom entwerfen müssen, dann wäre vielleicht auch eine zeitgenössische Konzeption realisierbar gewesen. Da es eine solche Konzeption von künstlerischem Rang aber offensichtlich nicht gegeben hat, ist die Rekonstruktion die beste Lösung.
pankratius (29.11.2008, 12:55 Uhr)
Ist das Gegenstück zum Berliner Dom
Es scheint vergessen, dass das Schloss der Kontrapunkt zum Berliner Dom ist. Ebensowenig wie der alte "Lampenladen" würde da die Selbstverwirklichung moderner Architekten passen. Der Neubau muss die Schlosssilhouette zitieren.
CeeTo (29.11.2008, 12:14 Uhr)
-.-
Ich bin froh dass es zu diesem Entwurf gekommen ist. Ich mag diese modernen Bauten nicht mehr sehen. Deutschland mit seinen wundervollen Städten die es vor dem WK2 noch gab, sollte soviel wie möglich wieder auferstehen lassen.
Daher bravo an diese Entscheidung.
montero_alex (29.11.2008, 12:03 Uhr)
Sensationalimus
Dieser Artikel ist doch unmöglich! Er versucht bloß jedes Bisschen Wahrheit krampfhaft kritisch zu betrachten. Er lässt z.Bsp. völlig unerwähnt, dass die Jury den ersten Preis wohl einstimmig für so herausragend besser fand, dass es keinen 2. Platz gab. Und der unterschwellige Lob an einen Entwurf, der sich gegen jegliche Vorgaben setzt, zeugt doch auch nur von einer möchte-gern-alternativen Meinung. Sie basiert nicht auf der tatsächlichen Überlegenheit des Entwurfes, sondern auf dem reinen Wille dagegen zu sein.
Der Artikel könnte sich von der neutralen Berichterstattung der Tagesschau zu diesem Thema eine Scheibe abschneiden.
Chipperfield als Verfechter der Moderne? Ich würde gerne wissen wie man darauf kommt.
Mehr Objektivität wäre allemal besser als unfundiertes Meckern.
andre1971germany (29.11.2008, 11:03 Uhr)
Schade das man immer alles ideologisch betrachtet
Ist es in Deutschland eigentlich nicht mehr möglich irgend was unideologisch zu betrachten?
Generell ist es mir eigentlich egal was dort steht... Man könnte natürlich auch einen schönen Park anlegen...wäre billiger
Entscheidend ist, dass es ein Platz wird, wo die Menschen gerne verweilen! Mit so neumodischen "Glaskästen" oder so extravaganten Konstrukten "angesagter" Architekten wird das eher nicht zu erreichen sein. Beispiele davon gibt es genug in Dtl.
utospatz (29.11.2008, 11:03 Uhr)
Eine angeblich halbe Milliarde
ist doch gut als Ersatz für Palazzo Prozzo, wenn hinterher nicht ein Trans-Rapid herauskommt!
Welcher politische Trottel will sich hier ein Denkmal bis zur wiederkehrenden Steinzeit setzen?
Oh Herr, ist er christlich? Oder eventuell Schröder?
leboz (29.11.2008, 10:00 Uhr)
@snort
jaja die Finanzlage!!! Natürlich brauchen die Landesbanken jetzt einige hundert Milliarden für ihre Spielbankallüren. Mit diesen hunderten Milliarden haben unsere Urenkel auch eine gute Hinterlassenschaft - unsere Politiker betonen ja immer so sehr, daß wir für unsere Urenkel keine Schulden hinterlassen sollen - und die Enkelchen müssen eben dann nicht nur im Sand buddeln.
dist-bln (29.11.2008, 09:47 Uhr)
KEIN BEDEUTENDER BAROCKBAU-
"eine der bedeutendsten Barockbauten Deutschlands"- das Stadtschloss war kein bedeutender Barockbau- dazu wurde er erst in der palast-abrissdebatte als argument gegen den palast- man schaue in die architekturhistorischen literatur vor der debatte...
ein architekturhistorisch bedeutendes gebäude von weltgeltung gab es mit der bauakademie schinkels
snort (29.11.2008, 09:44 Uhr)
na klaro
in anbetracht der gesamtdeutschen finanzlage werden auch noch schlösser gebaut !!!!!!!!!!!!
raus mit der knete die eh nicht vorhanden ist.
ne halbe milliarde vorlaufkosten bis 2013 verfünffacht ach wie herrlich-
wir habens ja.
ein kleiner park, in dem kinder mal wieder auf bäume klettern können und erdhöhlen buddeln wäre angebrachter gewesen, aber der gedanke allein an soetwas ist schon anarchie pur.
eure sagrotan-sprösslinge danken euch mit multiplen allergien bis zur neurodermitis, können dafür dann aber im "lustgarten" lustwandeln.
im rollstuhl wahrscheinlich mit asthma-pumpe.
und null knete weil da war dieses hervorragende extraordinäre bauvorhaben das niemand braucht, aber so geplant war.
bundestag auf 10% personalstärke eindampfen und lobbyismus unter höchststrafe stellen das wärs mal gewesen.
Christian2008 (29.11.2008, 09:35 Uhr)
Zum Glück...
sassen die bisherigen Kommentatoren nicht in der Jury... ich freue mich, wenn das Stadtschloss, eine der bedeutendsten Barockbauten Deutschlands, wieder "aus Ruinen auferstanden" ist.
Erfreulich wäre natürlich gewesen, wenn alle Fassadenteile rekonstruiert worden wären, aber da kann jetzt wohl nichts mehr gemacht werden.
Was ich nicht verstehe, ist die Kritik am ausgewählten Projekt. Ob Stelle jetzt "ein Name" ist oder nicht - sein Projekt zählt, es hat die politischen und historischen Vorgaben offensichtlich am Besten umgesetzt.
Auch unverständlich ist mir die "Sympathie der Jury für freche Alternative": Tja, die Vorgaben waren gemacht - ich denke, der politische Wille ist es, das Stadtschloss zumindest aussen zu rekonstruieren. Wenn man sich nicht daran hält, dann sollte man wohl froh sein, doch eine Anerkennung für die möglicherweise kreative Arbeit zu erhalten.
Sind wir also gespannt, ab wann man sich wieder das rekonstruierte Stadtschloss als Haus für das Volk ansehen können. Hoffentlich so bald als möglich!
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