Alle haben ihn gewarnt: "Tu's nicht! Damit hast du schon mal viel Geld verloren". Trotzdem hat sich Hans Neuendorf, 70, einer der ersten Internet-Unternehmer überhaupt, noch einmal an eine Sache gewagt, mit der er 1999 grandios gescheitert war: Kunstauktionen im Internet. Stern.de sprach mit dem Kunsthändler.

Alter Kunst-Hase und Gründer von artnet.de: Hans Neuendorf© artnet
Neuendorf ist ein alter Kunst-Hase: Galerist, Mitbegründer der Kölner Kunstmesse, seit Jahrzehnten Beobachter des Marktes und Gründer der Website artnet.de, die von rund zwei Millionen Kunstfreunden pro Monat genutzt wird. Aber 1999 hatte er sich verschätzt: Es gab noch nicht genügend Internetnutzer unter den Sammlern. "Wir waren einfach zu früh dran."
Jetzt aber ist die Zeit reif, so glaubt er. Deshalb legte Hans Neuendorf am Montag wieder los mit der Versteigerung von Fotos, Grafiken, Gemälden und Skulpturen im Netz. Einer der Stars bei der neuen artnet-Auktion ist Andy Warhols Print "Marilyn". Mit günstigen 10.000 Dollar war sie gestartet und schnell auf 15.000 Dollar gestiegen. Zwei Schwimmerinnen von Alex Katz gingen innerhalb weniger Stunden von 500 auf 900 Dollar. Bei einem Foto von Cindy Sherman steigerten zwei Bieter sich im Ping-Pong-Verfahren vond 3600 auf 4800 Dollar hoch. Überhaupt gehen Fotos am besten: "Marie Antoinette" von Hiroshi Sugimoto zog von 2000 auf 5000 Dollar, ein nacktes Paar von Gregory Crewdson von 800 auf 3200 Dollar. So richtig spannend wird es erst nach 14 Tagen. Neuendorf: "Die wirklichen Interessenten versuchen ihr Gebot am Schluss reinzudrängen."
Jedes angebotene Blatt kann mit ähnlichen Arbeiten verglichen werden. Ein einzigartiger Service, den keiner außer Neuendorf bietet: Wer auf den Button "Vergleichbare Objekte" klickt erfährt etwa, dass Warhols "Marilyn" eigentlich viel teurer sein müsste als bei artnet: Ein fast identisches Blatt wechselte auf einer Auktion für 39.000 Dollar den Besitzer. Manche Perle blieb allerdings am ersten Tag noch unentdeckt - wie etwa ein schönes Bild von Alexander Calder zum Anfangspreis von 25.000 Dollar, das gut das Doppelte wert ist. Aber es fängt ja gerade erst an.
Hans Neuendorf: Wir haben im Moment eine Hausse, wie wir sie noch nie erlebt haben. Der Kunstmarkt ist weit davon entfernt zusammenzukrachen. Es stimmt allerdings, dass es Preisübertreibungen gibt. Aber der große, breite Kunstmarkt ist außerordentlich erfolgreich.
Wir wollen den Kunstkauf verbilligen und beschleunigen. Es gibt ganz viele Händler, die große Lager unterhalten. Sie verkaufen nicht, weil sie wütend sind, dass sie 30 Prozent abdrücken müssen, um die Sachen versilbern zu können. So bleibt die Kunst liegen. Aber es gibt eine große Anzahl von Leuten, die etwas kaufen wollen und die selig wären, wenn sie es zu einem guten Preis kriegen könnten.
Selbstverständlich bemühen wir uns um die besten Sachen. Aber die Einschätzungen sind subjektiv. Viele Dinge, die ich schaurig finde, werden zu hohen Preisen verkauft. Der Kunstmarkt ist riesig.
Das hängt ab von der Einschätzung unserer Experten in New York. Natürlich gibt es Sachen, die nicht interessant sind. Der Unterscheid zu ebay ist ja, dass wir nicht alles nehmen, sondern auswählen. Aber auf jeden Fall wird die Bandbreite dessen, was angenommen wird, viel größer sein als bei den Auktionshäusern.
Dabei gibt es da wunderbare Sachen. Die Auktionshäuser lehnen auch alle Künstler ab, die nicht in Mode sind - weil sie befürchten, dass sie die Sachen nicht verkaufen und dann mit den Kosten dasitzen, die Transport, Versicherung und Ausstellung verursacht haben. Diese Kosten haben wir ja nicht.
Wir können sogar einen Sekundärmarkt schaffen für diese Gruppe von Künstlern, die vollkommen ungerechtfertigt vom Markt gegenwärtig abgelehnt wird. Das ist wie bei Amazon. Da können sie Bücher kaufen, die sie in keinem Buchladen finden, die Extremsten und seltsamsten Dinge. Für alles gibt es einen Markt.
Nein, das wollen wir nicht. Besichtigung ist erst nach dem Kauf möglich. Wenn das Kunstwerk wirklich völlig anders ist, als sie es erwartet haben, können Sie natürlich vom Kauf zurücktreten.
Die meisten Leute kaufen nicht, was sie schön finden. Sie kaufen Marken. Künstler sind Marken. Je berühmter sie sind, desto stärker ist die Marke durchgesetzt. Auch deswegen ist die Besichtigung des Originals oft nicht so wichtig.
Ganz falsch. Gerade die teureren Sachen gehen übers Internet besser. Weil die teureren Sachen die bekanntere Markenware sind.
Nein, wir planen eine permanente online Auktion. Aber natürlich werden wir die Werbetrommel rühren, wenn wir besondere Sachen kriegen. Oder Sie buchen bei uns die Market Alerts, dann kriegen Sie eine email, wenn etwas für Sie Interessantes auftaucht.
Auch nicht mühsamer, als einen Auktionskatalog zu blättern. Wir hoffen sogar, dass es noch richtig mühsam wird durchzuscrollen, weil unser Angebot viel größer wird.
Es gibt die Möglichkeit, zu einem festen Preis zuzuschlagen. Aber normalerweise wird immer das höhere Gebot akzeptiert, und zwar bis zum Ende der Auktion. Die ist zeitlich begrenzt auf 14 Tage. Die wirklichen Interessenten werden natürlich versuchen, ihr Gebot am Schluss reinzudrängen.

Einer der Stars bei der neuen artnet-Auktion ist Andy Warhols Print "Marilyn". Mit günstigen 10.000 Dollar war sie gestartet und schnell auf 15.000 Dollar gestiegen© artnet
Mit dem Original haben wir nichts zu tun. Wir sind ja im strengen Sinn kein Auktionshaus, sondern eine Plattform. Wie ebay. Wir stellen Käufern und Verkäufern einen Bietmechanismus zur Verfügung und lassen sie den Rest selbst abwickeln. Das ist die Dienstleistung.
Das verhandeln Sie mit dem Verkäufer.
Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich glaube, es ist eine andere Form von Handel. Die Leute lieben Kunstmessen ja auch wegen der gesellschaftlichen Komponente.
Nein. Ich bin nur besorgt, dass technisch alles weiterhin glatt läuft und hoffe, dass wir gleich am Anfang viele Gebote haben. Ich bin aber überzeugt, dass unsere Auktionen sich einbürgern. Das ist eine Entwicklung im Kunstmarkt, die fällig ist: praktisch und schnell.
So einfach ist es nicht. Die anderen haben keinen über 20 Jahre aufgebauten Preisdaten-Speicher, keine Statistiken, Charts und Indizes über Preisentwicklungen. Keine 2000 Galerien im Marktüberblick, so dass man das Angebot vergleichen kann und keine Künstler-Werkverzeichnisse. Ein guter Wettbewerbsvorteil.
Interview: Anja Lösel