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"Schlimmer als die schlimmsten Albträume"

Stefan Weber leitet das Museum für Islamische Kunst in Berlin, hat in Syrien gelebt und Familie dort. Mit dem stern sprach er über den IS-Terror und Raubkunst. Und was wir dagegen tun können.

Von Anja Lösel

Bei Kämpfen zerstörte Artefakte auf dem Hof des al-Maraa-Museums in Maaret Al-Numan südlich von Aleppo. Hier konnte man einst die drittgrößte Sammlung römischer Mosaike in der Welt bewundern.

Bei Kämpfen zerstörte Artefakte auf dem Hof des al-Maraa-Museums in Maaret Al-Numan südlich von Aleppo. Hier konnte man einst die drittgrößte Sammlung römischer Mosaike in der Welt bewundern.

Warum zerstören die Terroristen des selbst ernannten Islamischen Staates Ihre eigene Kultur?
Man könnte sie mit den Nationalsozialisten in den 30er Jahren vergleichen. Die redeten ständig von einer deutschen Hochkultur, zerstörten, massakrierten und töteten aber all das, worauf Deutschland stolz sein konnte als Land der Dichter und Denker. Was sie propagierten, war ein Zerrbild der eigenen Kultur.

Und so ist es jetzt auch in Syrien?


Die Radikalen wollen zurück zu einem imaginären Frühislam, der stark konstruiert ist. Viele Dinge lassen sie einfach weg. In Damaskus etwa durften Jahrhunderte lang Kirchen neben Moscheen stehen, es gab Respekt vor einander. Der ist völlig verloren gegangen. Sie verstümmeln die eigene Kultur, um ihre Andersartigkeit herauszuheben. Das geht bis zu einer fast fratzenhaften Darstellung der eigenen Identität und Geschichte, die mit großem Unwissen über die eigene kulturelle Leistung einhergeht. Was im Nahen Osten geschieht, ist für mich und für alle, die dort mal gelebt haben, unvorstellbar. Das ist schlimmer als die schlimmsten Albträume.

Einer der Attentäter des 11. September, Mohammed Atta, hatte eine Diplomarbeit über die Stadtstruktur von Aleppo geschrieben, bevor er ein Flugzeug ins World Trade Center lenkte. Seine Brüder im Geiste, die Terroristen des IS, sorgen nun dafür, dass Aleppo zerstört wird. Wie ist so etwas zu begreifen?


Das kann man gar nicht begreifen. Ich kenne einen guten Freund von Atta, der versucht hat, mit ihm zu diskutieren. Aber wenn Menschen fanatisch werden in Ideologien und Religionen, dann ist Reden extrem schwierig.

Ihre Frau kommt aus Syrien. Haben Sie Kontakt zu Menschen, die dort leben?


Ich habe Verwandte und Freunde in Syrien, für die ist es die Hölle. In dem Viertel von Damaskus, in dem meine Schwiegereltern leben, gab es kürzlich die Meldung, dass der Islamische Staat einmarschieren würde. Man kann sich die Panik vorstellen. Es ist nicht passiert, aber allein diese Möglichkeit vor Augen zu haben, ist der reine Horror.

Was bedeutet das für uns in Europa?


Da wird sicher noch etwas auf uns zukommen. Diese verengte, verstümmelte Wahrnehmung der eigenen islamischen Kultur hat stark mit dem Abgrenzungsprozess zu tun, den wir in Deutschland zulassen und sogar fördern. Man denke nur an die Sarrazin-Debatte. Aus einer negativ besetzten Position wird für solche Menschen auf einmal eine Stärke. Anscheinend ist es der Abgrenzungsprozess zum Westen, der viele anreibt. Und die Aufmerksamkeit, die man durch Gräueltaten erreicht.

Wie könnten wir gegensteuern?


Das ist ein großes Problem, dem wir schnell begegnen müssen. Für viele ist der Zug schon abgefahren. Wie kommen wir dazu, Menschen, die schon seit mehreren Generationen mit uns leben, zu sagen: Ihr gehört gar nicht dazu? Wenn ich heute kein Bier trinken möchte, dann ist das ganz normal. Muslime dagegen müssen sich immer erklären. Immer steht der Verdacht im Raum: Mit euch stimmt irgendwas nicht. Das führt dazu, dass Radikale die Möglichkeit haben, bei uns zu zu fischen und diesen jungen Leuten, die heimatlos sind, eine Heimat zu geben.

Wie steht es um Aleppo, das ja eine der schönsten islamischen Altstädte überhaupt hat?


Hatte, muss man leider sagen. Mit einem wunderbaren Basar, hervorragenden Altstadthäusern. Die Zerstörungen sind enorm, und das wird zum Teil nicht mehr reparabel sein. Es gibt Bombardierungen aus der Luft. Kämpfe in den Altstädten, bei denen Krieger sich durch Häuser graben, um von einem Ort zum anderen zu kommen. Das Schlimmste waren die Tunnelbomben, da haben sich ganze Gebäudegruppen aufgelöst. Die älteste Moschee eines berühmtem osmanischen Architekten ist nur noch ein großer Haufen Steine.

Stefan Peter, Direktor des Museums für Islamische Kunst in Berlin, hat jahrelang in Damaskus gelebt und ist mit einer Syrerin verheiratet.

Stefan Peter, Direktor des Museums für Islamische Kunst in Berlin, hat jahrelang in Damaskus gelebt und ist mit einer Syrerin verheiratet.

Wie leben die Menschen dort?
Das Problem ist, dass mit den Zerstörungen auch die Bevölkerung vertrieben worden ist. Aleppo hatte sich über Jahrhunderte lang durch eine sehr plurale Gesellschaft ausgezeichnet. Christen, Juden, islamische Gruppen lebten zusammen. Neben den vielen Toten und Verletzten, die zu beklagen sind, werden auch die Gesellschaftsstrukturen unwiederbringlich vernichtet.

Warum sind die Zerstörungen in Syrien auch für uns eine kulturelle Katastrophe?


Syrien ist einer der Geburtsorte der Kulturgeschichte. In Syrien wurde das Alphabet entwickelt. Ein Teil unserer Medizin. Hier sind die ersten Städte entstanden, große Thermen, Foren. Über die Jahrtausende sind hier große kulturelle Leistungen gelungen. In Städten wie Aleppo oder Damaskus konnte man über die Jahrhunderte hinweg die verschiedenen Kulturen verfolgen und sehen, wie sie aus einander entstanden sind. Darauf baut auch unser Kulturerbe auf. In Maluna, einem wunderschönen Ort unweit von Damaskus, sprach man noch Aramäisch, die Sprache Christi. Es war eine christliche Enklave, etwas ganz Besonderes, lebendige Tradition. Das ist jetzt weg. Traditionen werden Erinnerung, und damit ist viel vom Reichtum des Landes zerstört. Natürlich haben wir noch die Bücher, in denen das steht, aber es ist keine lebendige Geschichte mehr. Und das ist unser aller Geschichte. Das ist das Katastrophale.

Was noch nicht durch den Krieg zerstört ist, machen brutale Raubgrabungen zunichte. Offenbar finanziert der IS so seinen Krieg.


Ja, und da werden nicht nur irgendwo ein paar Löcher gemacht. Das hat schockierende Dimensionen. Ich habe Luftbilder gesehen - vorher und nachher. Die noch nicht ausgegrabene Metropole Apamea etwa, ein wunderbarer, jungfräulicher Ort, ist jetzt nur noch eine Kraterlandschaft. Dort fanden ganz systematisch Tausende von Raubgrabungen statt, um einzelne Artefakte rauszuholen. Der Ort wurde Stück für Stück zerstört, mit Baggern und Planierraupen.

Der Handel mit Raubkunst ist illegal. Wie werden die antiken Objekte aus dem Land geschafft?


Sehr viel Schmuggel geht über den rechtsfreien Raum in der Südosttürkei. Eigentlich hat die Türkei eine sehr strenge Antikengesetzgebung, aber man kümmert sich wenig darum, was mit Syrien passiert. Da wird kaum kontrolliert. Wahrscheinlich wird auch über den Irak und in die Golfregion hinein gehandelt. Und wenn man in Jerusalem über die Via Dolorosa geht und die Antikengeschäfte ansieht, dann findet man auch dort Objekte aus Syrien. Die Antikengesetze in Israel sind genauso lax wie die in Deutschland.

Woran liegt es, dass bei uns keiner richtig hingucken will?


Wir wissen es nicht so genau. Es fehlte lange der politische Wille. Es gibt wohl Händler-Lobbys, die in die Politik hinein wirken. Ich kann nicht genau sagen wie. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat ja nun eine neue Gesetzgebung angekündigt. 2015 soll verhandelt werden. Ich hoffe, das wird nicht wieder so windelweich gewaschen, dass nachher nichts Handhabbares da ist.

Was sollte da drin stehen?


Ganz einfach: Sobald es keine legale Ausfuhrgenehmigung gibt, also wenn das Objekt ohne Papiere ist, dann darf es nicht reisen. Das würde den Händlern helfen, die sauber arbeiten. Das wäre die Grundlage. Anfang der 70er Jahre ist Deutschland dem Unesco-Kulturerbeschutz beigetreten. Eigentlich müsste seitdem jedes Objekt, das hierher exportiert wird, ein Zertifikat haben. Haben die meisten aber nicht. Da heißt es dann einfach: Das ist aus altem Familienbestand, das ist nicht mehr nachweisbar. Die Kripo in Wiesbaden, die den Antikenschmuggel verfolgt, hat dann keine Handhabe.

Es gibt Forderungen die Auktionshäuser für Antiken zu schließen. Wäre das eine Lösung?


Nein. Es geht um jeden, der in dieser Verkaufskette mit drin steckt - von professionellen Räubergruppen, die mit Waffengewalt Dinge rauben, bis hin zu ganz normalen Leuten in den Ursprungsländern, die sich ein bisschen Geld versprechen. Und über die Händler bis zu den Sammlern.

Wer kauft denn Antiken aus Kriegsgebieten?


Viele Sammler haben sich noch nicht klar gemacht, was sie da tun. Die sind blauäugig. Da müsste wie bei Pelzen und bei Elfenbein ein Bewusstsein entstehen, dass es nicht schick ist, so was zu kaufen, sondern schrecklich. Weil es die Kriegskassen des IS füllt, die schlimmsten Kriegskassen überhaupt.

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