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Teuflische Freiheit

Das Freedom Theatre Dschenin bringt mit seinem neuen Stück in kraftvollen Bildern den Alltag palästinensischer Jugendlicher auf die Bühne. Und stellt Fragen, die töten. Bis Ende Oktober in Deutschland.

Von Sophie Albers

Die Bühne ist so nackt wie die menschliche Tragödie, die auf ihr spielt: Vor einer Betonwand ringen sieben Männer auf blankem schwarzen Boden mit dem Leben der Unterdrückten. Sie werden getreten, sie treten den, der noch schwächer ist als sie. Sie sind so sehr gefangen im Kreislauf von Demütigung und Demütigen, dass sie, als ihnen die Freiheit geboten wird, nichts mit ihr anfangen können. "Sho Kman - Was noch?" heißt das Gastspiel des palästinensischen Freedom Theatre aus Dschenin, das derzeit durch Deutschland tourt. Und es taugt auch als Kommentar zu Mahmud Abbas' Auftritt vor der UN am vergangenen Freitag, als der Palästinenserpräsident für sein Volk die Anerkennung als eigener Staat beantragte.

Junge Männer, aufgewachsen Anfang der 2000er, in der Zeit der zweiten Intifada, zeigen ihre Sicht auf die Realität in der palästinensischen Flüchtlingsstadt Dschenin. Der Anfang sei die einfache Frage gewesen, was sie bewege, sagt Regisseur Nabil Al-Raee. Und die Antworten lauten weniger "Mädchen" und "Musik" als "die Brutalität der israelischen Besatzung", "Existenzangst", "Freiheit", "Hoffnungslosigkeit". "Wie sieht die Zukunft in einem Käfig aus?"

Der Schlüssel zur Freiheit

Auf der Bühne erscheint ein teuflischer Knecht, dessen Gesichtsbemalung an die Panzerknacker erinnert, der mal Israeli, mal das Böse an sich zu verkörpern scheint. Mal scheucht er die Jungen herum, lässt sie tanzen, dann prügelt er auf sie ein, und mal finden sie das Böse in sich ganz allein. Eine der stärksten Szenen ist der Kampf um den Schlüssel zur Freiheit. Weil jeder eine andere Vorstellung von Freiheit hat, wird am Ende der getötet, der den Streit zu schlichten sucht. Dann kommt das Böse und nimmt nicht nur den Toten, sondern auch den Schlüssel mit.

Das Stück ist eine emotionale Tour de Force. Fast ohne Worte kommt es aus, ist mal Tanztheater, mal Pantomime. Es geht darum, was Belagerung, das erzwungene Kreisen um sich selbst und anhaltende Demütigung mit den Menschen machen. Für die Jungen, die alle Schauspielschüler am Freedom Theatre sind, ist das Theater vor allem auch Therapie. Die Kunst als Ort, an dem die Wahrheit gesagt werden darf. An dem das einzelne Schicksal gehört wird. Was an einem Ort, wo auf einer Fläche von knapp einem Quadratkilometer mittlerweile rund 17.000 Menschen leben, nicht zum Alltag gehört. Fast die Hälfte der Bewohner ist im prägenden Teenageralter. "Die Theaterarbeit soll den Teufelskreis des Alltags durchbrechen, der uns umbringt", sagt Nabil.

Theatergründer erschossen

Eben weil das Freedom Theatre ein Ort der Wahrheit ist, hat es viele Feinde - gerade auch in der Westbank. Denn das Theater prangert soziale Missstände in der palästinensischen Gesellschaft - wie die Demütigung der Frau - genauso an wie die Unterdrückung der Bevölkerung durch israelisches Militär. "Sho Kman" ist das erste Stück seit der Ermordung des Theatergründers Juliano Mer-Khamis. Der Sohn einer israelischen Mutter und eines arabischen Vaters hatte es sich zur Aufgabe gemacht, an den vielen Grenzen zwischen Israel und Palästina zu zerren. Er hat provoziert, wann immer sich die Möglichkeit bot, er hat sich gegen die Feindbilder gestemmt - auf beiden Seiten. Am 4. April 2011 ist er keine 100 Meter von Freedom Theatre von Maskierten erschossen worden.

In einem Kurzfilm vor Beginn des Theaterstücks ist Mer-Khamis mit dem hoffnungsvollen Satz zu hören: "Die dritte Intifada soll eine kulturelle sein - mit Kameras, Schauspielern und Zeitschriften". Sein Nachfolger Nabil trägt diese Hoffnung weiter. Nach dem Tod von Mer-Khamis hätten die Theatermacher keine Worte gehabt, sagt er. Um so wichtiger sei es gewesen nicht aufzugeben.

Weitere Vorstellung von "Sho Kman - Was noch?":

26., 27. September, Berlin/ 28., 29. September, Hamburg/ 2. Oktober, Bonn/ 9., 11. Oktober, Kiel/ 24. Oktober, Freiburg/ 25. Oktober, Karlsruhe/ 28. Oktober, Marburg

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