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„Kennenlernen heißt das Geheimrezept“

Flüchtlinge machen uns zu besseren Nachbarn, ist Marina Naprushkina überzeugt. Schon zwei Jahre bevor „Willkommenskultur“ zur Vokabel des Sommers wurde, gründete sie eine Initiative für Flüchtlinge. In ihrem Buch „Neue Heimat?“ erzählt sie von ihrer Arbeit.

Von Larissa Schwedes

  Deutsch für Anfänger: Marina Naprushkina beim Deutsch-Stammtisch in der Moabiter Initiative "Neue Nachbarschaft".

Deutsch für Anfänger: Marina Naprushkina beim Deutsch-Stammtisch in der Moabiter Initiative "Neue Nachbarschaft".

"Um die hier kümmert sich niemand. Ich will das tun. Natürlich ist das vollkommen unrealistisch und verrückt.“ Die Einleitung Ihres Buches entspricht in diesen Tagen nicht mehr der Realität. Was sagen Sie zur neuen Willkommenskultur?

Ich finde es wunderbar, dass die Stimmung umgeschlagen ist. Das ist nicht selbstverständlich. Meine Heimat Weißrussland hat bisher vielleicht 100 Flüchtlinge aufgenommen. Und trotzdem machen sich dort alle Sorgen: Was ist jetzt mit Europa? Total lächerlich.

Ist die Willkommenskultur nur eine kurze Welle der Solidarität oder wird Deutschland tatsächlich weltoffener?

Es ist eine gute Welle. Aber die muss in etwas Langfristiges umgewandelt werden. Das bedeutet viel Arbeit für alle Seiten.

Was muss getan werden?

Es dürfen keine Parallelgesellschaften entstehen! Es ist wichtig, Orte für langfristige Integration zu schaffen. Meine Initiative öffnet jeden Abend unsere Bar, gemischte Teams stehen hinter der Theke. Würden wir das nicht machen, wäre an dieser Ecke ein Hipster-Club und nebenan eine Shisha-Bar. Keine Vermischung.

Rund eine Million Flüchtlinge kommen mutmaßlich in diesem Jahr nach Deutschland. Werden wir dadurch wirklich bessere Nachbarn?

Integration ist nicht nur für Flüchtlinge wichtig. Wir Deutschen müssen uns auch integrieren in diese neue Gesellschaft. Dadurch lernen wir, Deutschland mit anderen Augen zu sehen. Kritischer.

Was ist Ihre Kritik?

Bei den Flüchtlingen vom Balkan versagt die deutsche Politik. Ich begleite diese Mädchen aus dem Kosovo über ein Jahr lang und sehe, wie gerne sie zur Schule gehen und wie gut sie Deutsch sprechen. Plötzlich werden sie abgeschoben, zurück in die Slums. Sie haben keine Zukunft! Dafür muss es andere Lösungen geben.

Ein Blick nach Heidenau oder Tröglitz zeigt: Nicht überall werden die Deutschen zu besseren Nachbarn. Was läuft dort falsch?

Fehlende Erfahrungen sind schuld. Und Vorurteile. Die hat jeder. Ich habe mich durch die Flüchtlingshilfe mit meinen konfrontiert, sie reflektiert und abgebaut.

Wie geht das?

Die Berührungsängste müssen wegfallen, dazu sind Orte der Begegnung wichtig. Demonstrationen gegen Neonazis sind gut und schön, aber das Geheimrezept heißt Kennenlernen.

Sie schreiben: „Es gelingt mir einfach nicht, eine zwanglose Unterhaltung zu führen. Natürlich möchte ich mehr über die Frauen wissen, aber ich weiß, dass hier auch die einfachste Frage nicht leicht ohne eine Offenbarung zu beantworten ist.“ Wie gehen Sie damit um?

Das erfordert Fingerspitzengefühl. Und Zeit. Helfen ist nicht immer nur schön. Manchmal verstehe ich mein Gegenüber nicht, wir sprechen nicht nur wörtlich zwei verschiedene Sprachen. Es gibt auch viele Frustmomente.

Sie sind bildende Künstlerin. Wieso nun ein Buch?

Das musste einfach raus! Ich habe in zwei verschiedenen Welten gelebt. In meinem eigenen Alltag als Künstlerin und in der anderen Realität mit den Flüchtlingen. Um damit klar zu kommen, habe ich Texte geschrieben. Sehr protokollhaft, kurz, wenig Emotionen.

Und trotzdem sehr persönlich. Ihre Ängste und Zweifel stehen in der Öffentlichkeit.

Das muss sein. Ich bin Künstlerin. In jeder künstlerischen Arbeit ist auch eine reflektierte Position über sich selbst enthalten. Vielleicht kann es anderen helfen und Ratgeber sein.

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