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Matthias Schweighöfer setzt auf großes Bildschirm-Kino

Auch die Deutschen wollen vom weltweiten Serienboom profitieren. Allen voran Matthias Schweighöfer, der für den Streamingdienst von Amazon eine Action-Solo-Show hingelegt hat.

Premiere weltweit: Schweighöfer (hier neben Alexandra Maria Lara) will sich international durchsetzen.

Premiere weltweit: Schweighöfer (hier neben Alexandra Maria Lara) will sich international durchsetzen.

Es ist, als nehme er nichts anderes wahr. Seit einer gefühlten Ewigkeit. Nur Monitor, Bilder und seine Gedanken. Matthias Schweighöfer starrt auf den riesigen Bildschirm, darauf eine junge Frau, die Schauspielerin Alexandra Maria Lara. Sie läuft eine Straße entlang, mit Panik im Gesicht. Schweighöfer starrt auf die Bilder und tastet wie ein Blinder nach seinem Kaffeebecher. Der 35-Jährige steht unter Druck. Er muss seine Serie "You Are Wanted" endlich fertigstellen. 360 Filmminuten müssen in sechs Episoden geschnitten werden. Die Erwartungen sind hoch, denn "You Are Wanted" ist keine gewöhnliche Serie fürs Fernsehen. Die Serie, produziert von Schweighöfers Filmfirma Pantaleon gemeinsam mit Warner Bros., ist die erste deutsche Produktion für Amazon Video, einen Ableger des US-Online-Versandhauses.

Wie mächtig Amazon inzwischen auch im Filmgeschäft ist, ließ sich vor zwei Wochen bei der Oscarverleihung beobachten. Da räumte das Unternehmen gleich drei Trophäen für seine Filme ab. Es war eine Zäsur, die alte Gewissheiten in Hollywood erschütterte. Amazon liefert jetzt nicht nur Bücher, Klopapier und Hundefutter, es kann auch Oscarträume wahr machen.

Für Schweighöfer war die erste Zusammenarbeit mit dem US-Konzern zunächst ein Höllenritt. Er wollte zeigen, was er alles draufhat. Deshalb spielte er nicht nur die Hauptrolle, sondern war auch Regisseur und Produzent. Das Budget soll im zweistelligen Millionenbereich liegen. Er hatte nur 56 Drehtage Zeit, um eine Serie fertigzustellen, deren Anspruch es ist, auf internationalem Niveau mitzuhalten. Dafür mussten drei Teams parallel drehen.

"Jetzt weiß ich, wie entspannt es ist, einen Kinofilm zu drehen"

Doch die Anstrengungen haben sich gelohnt: "Wanted" ist rasant erzählt und hat optische Klasse. Das mit der Optik ist deshalb erwähnenswert, weil immer noch so viele Serien im deutschen Fernsehen aussehen wie "Praxis Bülowbogen". "You are Wanted" dagegen hat die großen, satten Bilder, Farben und Kulissen, die das Publikum amerikanischer Serien längst für selbstverständlich hält. Erzählt wird ein moderner Stoff, der in diesem Fall in Berlin spielt, der aber in jede Großstadt der Welt passen könnte. Es ist die Geschichte des Hotelmanagers Lukas Franke (Schweighöfer), dessen erfolgsverwöhntes Leben durch einen mysteriösen Hacker so manipuliert wird, dass Franke zum Terroristen gestempelt wird und fliehen muss, um seine Unschuld zu beweisen. Schweighöfer war clever genug, als Gegenwicht zu seiner Soloshow eine Reihe starker Frauen zu stellen: Neben den Schauspielerinnen Alexandra Maria Lara und Karoline Herfurth überrascht auch das Model Toni Garrn in einer Nebenrolle.

"You Are Wanted" ist eine actiongeladene Parabel über die Macht der digitalen Welt, in der Identitäten erfunden und zerstört werden können. Für Amazon und seinen neuen deutschen Musterschüler Schweighöfer ist es der Versuch, ein Weltpublikum davon zu überzeugen, dass hiesige Serien international mithalten können. Niemals zuvor bekam eine deutsche Produktion so viele potenzielle Zuschauer auf einen Schlag: "You Are Wanted" wird auf allen sechs Kontinenten zu sehen sein. Synchronisiert in englischer, französischer, spanischer Sprache. Indischen Interessenten werden Hindi-Untertitel angeboten. Streamingstart ist der 17. März.

Matthias Schweighöfer: "Eine riesige Ehre"

Warner Brothers Deutschland sei auf ihn zugekommen, sagt Schweighöfer: "Mit Amazon haben wir dann den idealen Partner gefunden. Ich wollte der Erste sein, der so etwas in Deutschland macht." Eine riesige Ehre sei das – und eine große Herausforderung. Man könnte sich über seinen Ehrgeiz wundern, denn Schweighöfer gehört zu den wenigen deutschen Schauspielstars, die noch immer ein Massenpublikum ins Kino locken.

Doch zur Wahrheit gehört auch, dass der deutsche Kinofilm in der Krise steckt. Nur vier heimische Produktionen schafften es 2016, in Deutschland mehr als eine Million Zuschauer für sich zu interessieren. Gleichzeitig wächst das Publikum von Streamingdiensten: Mehr als 90 Millionen Menschen weltweit haben inzwischen ein Abo bei Netflix. Amazon zählt mehr als 60 Millionen Kunden, die auf das Filmangebot zugreifen können. Tendenz in beiden Fällen: stark steigend. Um neue Abonnenten zu locken, investieren Netflix und Amazon zunehmend in deutsche Produktionen. Zurzeit wird in Berlin das Drama „Dark“ gedreht, die erste deutsche Netflix-Serie. Für den Zuschlag kämpften mehr als 80 Filmfirmen mit Serienkonzepten.

Nico Hofmann, Geschäftsführer der Ufa GmbH, einer der größten Filmproduktionsfirmen in Deutschland, hält das neue Geschäftsengagement amerikanischer Streamingdienste für einen Glücksfall. Die von seiner Firma produzierte Serie "Deutschland 83" galt vor zwei Jahren als eine Sensation, weil sie sogar in den USA lobende Kritiken erhielt und in mehr als 20 Länder verkauft wurde. Doch beim Sender RTL, der die Serie um einen Ost-Agenten im Berlin der 80er Jahre ausstrahlte, lief "Deutschland 83" unterhalb der Erwartungen. Kaum mehr als zwei Millionen Zuschauer schalteten im Durchschnitt ein – zu wenig für einen auf Werbefinanzierung angewiesenen Privatsender.

Im vergangenen Jahr konnte die Ufa nun Amazon als neuen Partner für die Mitfinanzierung der nächsten zwei Staffeln gewinnen. Ab 2018 wird die Serie zuerst bei Amazon zu sehen sein. An dem Projekt sind Ufa, Fremantle und RTL beteiligt, die, wie der stern, zu Bertelsmann gehören. Die Kooperation sei ein Meilenstein, so Hofmann. Auch die deutschen Komiker Bully Herbig und Bastian Pastewka haben bei Amazon ein Zuhause gefunden. Herbigs neuer Film "Bullyparade" wird bereits sechs Monate nach dem Kinostart online zu sehen sein. Und die dekorierte Comedy-Serie "Pastewka" wechselt nach sieben Staffeln bei Sat.1 ebenfalls zum amerikanischen Streamingdienst. "Wir wollen unseren Kunden ein Programm anbieten, das unabhängig von Quote funktioniert", sagt Christoph Schneider, der Deutschland-Chef von Amazon Video.

2016 erreichte der Serienboom seinen vorläufigen Höhepunkt: Mehr als 450 Serien gingen weltweit in Produktion – so viele wie niemals zuvor. Ausgelöst wurde das Fieber auch durch die Netflix-Serie "House of Cards" um den korrupten Politiker Frank Underwood und seine Frau Claire, eindrücklich gespielt von Kevin Spacey und Robin Wright.

Künstlerische Freiheit und große Budgets

Selbst Hollywoodstars sind inzwischen zur Internetkonkurrenz übergelaufen: Brad Pitt mit der Kriegskomödie "War Machine" , Angelina Jolie mit dem Kambodscha-Drama "First they Killed my Father" und Winona Ryder mit der Mystery-Serie "Stranger Things" – alle in den Bann gezogen von künstlerischer Freiheit und großen Budgets. Sechs Milliarden Dollar will Netflix allein in diesem Jahr in neue Filme und Serien investieren.

Der letzte Profiteur dieses Geldrausches heißt Martin Scorsese. Anhand seines neuen Filmprojekts lässt sich gut ablesen, wie tief auch das US-Kino zurzeit in der Krise steckt und wie mächtig die Streamingdienste geworden sind. Scorsese fand für sein 118 Millionen Euro teures Mafia-Epos "The Irishman", besetzt mit Harvey Keitel, Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci, kein Hollywoodstudio. Netflix dagegen griff gern zu.

Aus Sicht des deutschen Produzenten Oliver Berben haben Netflix und Amazon ein neues, globales Publikum erschaffen. Es seien vor allem junge Menschen, zwischen 15 und 30 Jahren, die sich für das serielle Erzählen begeisterten. Seine Firma Constantin Film arbeitet zurzeit an einer Serienversion des Bestsellers "Das Parfüm" von Patrick Süskind und produziert außerdem in Amerika für Netflix die rund 50 Millionen Dollar teure Fantasy-Serie "Shadowhunters". Berben sagt, dass auch das deutsche Fernsehen mutiger geworden sei durch die Konkurrenz der Streamingdienste. TV-Experimente wie "Terror" nach dem Stück von Ferdinand von Schirach, an dessen Ende das Publikum über den Ausgang des Filmes entscheide – so etwas, sagt Berben, habe man sich früher nicht getraut.

Sieben Jahre liegt seine letzte Rolle im TV zurück.

Die neue Macht der Streamingdienste führt außerdem zu Allianzen, die vor ein paar Jahren noch schwer vorstellbar waren. So hat sich die ARD mit dem Pay-TV-Sender Sky zusammengetan, um das knapp 40-Millionen-Euro-Projekt "Babylon Berlin" zu stemmen. Die Serie des Regisseurs Tom Tykwer über die Zeit der Weimarer Republik ist die bislang kostspieligste, die je für das deutsche Fernsehen produziert wurde. Der Gewinner steht schon fest: Sky darf die Serie ein Jahr lang vor der ARD seinen Kunden exklusiv zeigen.

Diese Vereinbarung ist auch der Grund, weshalb ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler derartigen Allianzen kritisch gegenübersteht. Himmler will, dass die Serien-Highlights des ZDF seinem Publikum zuerst gezeigt werden. Er weiß, dass zwei Zuschauerwelten entstanden sind, diese aber existierten unabhängig voneinander.

Die Jungen streamen nur noch

Heute steht auf der einen Seite: ein junges, hungriges Publikum, das Lust auf hoch ambitionierte Stoffe hat wie die Serie "Transparent" um einen transsexuellen Familienvater. Auf der anderen Seite aber hält immer noch die übergroße Mehrheit der Zuschauer dem linearen, traditionellen Fernsehen die Treue. 223 Minuten am Tag verbringen die Deutschen im Schnitt vor dem Fernseher – ein Wert, der zwar seit Jahren stagniert, aber im Vergleich zu anderen Ländern hoch ist.

Matthias Schweighöfer hat dieser Welt längst den Rücken gekehrt. Sieben Jahre liegt seine letzte Rolle im TV zurück. Er selbst schaue so gut wie nie Fernsehen, sagt er, aber für die Netflix-Streamingserie "Stranger Things" von Winona Ryder opfere er gern seine Nächte. Und mit "You Are Wanted" hat er jetzt gute Chancen, dass sich Millionen andere Zuschauer auf der Welt die Nächte für ihn um die Ohren schlagen.

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