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Spielen und Schnauze halten

Keine 24 Stunden nach dem Bombenanschlag auf die Spieler von Borussia Dortmund muss die Mannschaft wieder ran: In Sachen BVB hat sich die Uefa mies verhalten. Doch aus dem Mist entstand am Ende etwas Gutes.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Borussia Dortmund

Sokratis (r.) ist nach dem verlorenen Spiel gegen den AS Monaco alles andere als glücklich.

Wie ein Torpedo fliegt er durch den Strafraum und knallt den Ball mit dem Kopf ins Tor. Ein wunderschöner Flugkopfball des BVB-Profis Bender, der nur den Fehler hat, dass der Ball im eigenen Tor gelandet ist. Unter normalen Umständen hätte sich jeder Fan im Stadion gefragt: Was geht nur in seinem Kopf vor? Gestern allerdings hatten alle im Stadion eine Ahnung, was.

Nicht einmal 24 Stunden zuvor wird ein auf den Bus seiner Mannschaft verübt. Gebrochene Scheiben. Gebrochene Knochen. Sein Mitspieler Marc Bartra muss ins Krankenhaus, die Speiche im Handgelenk wird operiert. Insgesamt drei Bomben. Mit Metallstiften versehen. Schrapnelle, die hundert Meter weit fliegen. Eines steckt noch in einer Kopfstütze. Eine Bombe. Eine verfickte Bombe! In Dortmund!

Schwer vorstellbar, dass irgendjemand von uns am nächsten Tag unbeschwert zur Arbeit gehen würde, wäre so etwas kurz vorher geschehen. Manch einer wertet das als Zeichen, bekreuzigt sich, kündigt seinen und geht zwei Jahre auf Weltreise. Aber wir sind ja auch keine Profifußballer, und der hochgezüchtete Power-Zirkus muss weiter gehen.

Also stehen Bender und Co. keinen ganzen Tag später auf dem Platz und spielen, zumindest in der ersten Hälfte, reichlich konfus gegen AS Monaco. Kompliment: ist gestern beherzt gegen einen miesen Gegner angetreten. Und neben der Uefa haben sie auch eine tolle Moral gegen Monaco bewiesen.

Die Borussen werden als "Helden" gefeiert - unfreiwillig

Laut BVB-Trainer Tuchel sei man durch die Europäische Fußball Union lapidar per SMS informiert worden, dass man anzutreten habe. Eine glaubwürdige Darstellung, ist der Mensch im modernen Profifußball doch irgendwo angesiedelt zwischen Rennpferd und hoch bezahltem Kindersoldat.

Nicht einmal zwischen den Zeilen lesen muss man, um zu erkennen, dass sich die BVB-Fußballer gezwungen fühlten, zu spielen. Aussagen von zum Beispiel Nuri Sahin oder belegen dies. Der ansonsten fast androidenhafte Abräumer Sokratis hatte Tränen in den Augen, sagte: "Wir wurden wie Tiere behandelt und nicht wie Menschen."

Diverse Blätter feiern die Borussen heute, schreiben "Ihr seid Helden!" Sie wären gewiss gern gefragt worden, ob sie für den Heldenjob überhaupt zur Verfügung stehen. Was für ein Scheißspiel.

Ja, natürlich, der Spielplan ist eng, die Termine sind knapp, Ausweichmöglichkeiten erfordern viel Kreativität und eine Abkehr vom Protokoll.Wenn aber selbst ein Attentat auf die Spieler nicht mehr ausreicht, um dem traumatisierten Menschen Zeit zum Luftholen zu geben oder zumindest Bedenkzeit einzuräumen, zu entscheiden, ob er sich imstande fühlt, das Trauma mit einem schnellen Wiederauflaufen auf den Platz zu bekämpfen, dann können sich die , die FIFA, der DFB und all die anderen Verbände ihre verlogenen "Respect"-Kampagnen sparen.

Aus der Kacke wurde ein Akt der Menschlichkeit

Geglaubt haben wir sie schon lange nicht mehr. Es geht nicht darum, ob es richtig ist, gestern, morgen oder erst in zwei Wochen wieder aufs Feld zu gehen. Es geht darum, dies frei entscheiden zu dürfen. Wir wissen zur Stunde nicht, wer die Sprengsätze gelegt hat. Irgendwelche Irren, die einen großen Hass auf Menschen haben, und die Messlatte in Sachen Eigen-PR wieder neu definieren wollten.

2017. Die Bekloppten optimieren ihre Beklopptheit, als sei es das neueste Smartphone. Bekennerschreiben sind der neue Kummerkasten. Die Terrororganisationen kloppen sich schon um die Urheberschaft der "Werke" - und die Sender stellen ihre freien Terrorexperten langsam fest an. Etwas mehr Interesse an Menschen allerdings und weniger Zynismus würde ich auch den Entscheidern von der Uefa in der Schweiz empfehlen.

Dass ich gestern am Ende noch nicht komplett an der Menschheit verzweifelt bin, hat zum einen mit der tollen Moral der Dortmunder Mannschaft zu tun. Viel mehr aber noch mit der großartigen Haltung der Fans, die unter dem Hashtag #bedforawaysfans am Vorabend des Spiels dafür gesorgt haben, dass unzählige Anhänger des Gastvereins in Dortmunder Wohnungen übernachten und ein wunderbares Miteinander mit den Gastgebern feiern konnten.

So ist bei all dieser unglaublichen Kacke am Ende doch noch etwas Gutes entstanden. Ein Akt der Menschlichkeit und des Miteinanders. Sozial gegen Asoziale. Initiiert von Menschen, die sich für Menschen interessieren. Gut, dass der Fußball dazu noch in der Lage ist.


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