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Das Volk? Ihr seid die Parallelgesellschaft! - über Clausnitz, Hetze und Wut

Ein aufgepeitschter Pöbel giftet gegen Asylbewerber in Clausnitz, in Bautzen bejubeln die Leute das Niederbrennen eines Flüchtlingsheims. Für Micky Beisenherz bleibt nichts anderes übrig, als weiter gegen die Pogromstimmung anzuschreiben.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Der Schriftzug Reisegenuss zierte den Bus, der Flüchtlinge nach Clausnitz brachte. Micky Beisenherz hat einen anderen Vorschlag.

Ursprünglich zierte der Schriftzug "Reisegenuss" den Bus, der Flüchtlinge nach Clausnitz brachte. Micky Beisenherz hat da einen anderen Vorschlag.

Ich hatte keinen Bock. Ich wollte keine Kolumne dieser Art mehr schreiben. Zu häufig. Zu viel darüber berichtet. Und dieses Gefühl, dass jeder schon alles darüber gesagt hat. Und gerade, als Du Dich fragst, ob das eigene fremdenfreundliche Mantra nicht als linksideologische Pose überreizt ist, fährt ein Bus in Sachsen vor. Und der Mob von ‪#‎Clausnitz‬ reckt sein hässliches Haupt. Sehr zum Jubel einer Organisation namens "Döbeln wehrt sich" und zur kollektiven Scham einer Nation, die sich fragt, was genau mit diesem Teil Ostdeutschlands so fürchterlich schief läuft.

Pöbeln in Döbeln. This sachs. Natürlich darf man da nicht unfair sein. Ich habe ja nichts gegen Sachsen, aber... Und ich meine, ich kenne auch ein paar persönlich. Nette Leute. Also, von daher darf man wegen 100 Idioten da nicht auf jeden dort.... Die müssten jetzt auch mal ein Zeichen setzen, dass nicht alle Sachsen....also...... Aber das wird man ja wohl noch sagen dürfen, dass die alle gefährlich sind! Oder?


Das nächste Mal vor einen fahrenden Bus stellen, bitte

Nein, wirklich. Du kommst ja nur deshalb nicht zum Lachen, weil Dir permanent Wiedergekäutes im Hals stecken bleibt. Der Viererpasch im Schande- Kniffeln.
Der Reihe nach: Da fährt ein Bus vor der Flüchtlingsunterkunft vor. Der aufgepeitschte Terrorpöbel taucht auf. Menschen, deren einzige Auslandserfahrungen der Pizza- Burger und French Nails sein dürften.

Das Grunz- und Gröhlcrescendo versetzt die Insassen des Busses, überwiegend traumatisierte Frauen und Kinder in Angst und Schrecken. (Die Idee der Penner, sich vor einen Bus zu stellen, war ja schon ganz gut. Morgen dann bitte mit 80 km/h)  

Dann kommt die Polizei und geht gegen die Störenfriede vor. Unerfreulicherweise definiert man den Begriff des Störers in Clausnitz offenbar etwas anders als im denkenden Umland, denn plötzlich werden Teile der Flüchtlinge von den Ordnungshütern hart angefasst, am Nacken gepackt und in das Heim geschleift.

Ein starkes Signal gegen rechts

Das alleine reicht schon, um bis 2017 wütend zu sein. Besser wird es auch nicht dann, wenn man hört, dass der Chemnitzer Polizeipräsident das Vorgehen so völlig in Ordnung findet. Das Würgen des Kindes? "Einfacher Zwang."
Schließlich hätten die Businsassen mit "provozierenden Gesten" Mitschuld an den Vorfällen des Abends. Ermittlungen laufen. Also, gegen die Flüchtlinge, klar. 

Ein starkes Signal gegen rechts.

Übrigens: Einem solchen Bus den Schriftzug "Reisegenuss" zu verpassen, ist in etwa so passend, wie ein Flüchtlingsboot "Badespaß" zu nennen.

Derweil twittert man bei der Seite @AfD Neuigkeiten "Lügenpresse hetzt gegen friedlichen Bürgerprotest in Clausnitz."

Womit auch dem letzten klar sein sollte, dass diese Partei unterm Cordsakko gerne das braune Hemd trägt. Nur, dass niemand später behauptet, man habe von nichts gewusst.

Wie kann jemand namens Hetze ein Flüchtlingsheim leiten?

Diese "Neuigkeiten" dürften beim Leiter des Flüchtlingsheimes schnell angekommen sein. Warum? Ach, das wussten sie nicht? Der Mann ist AfD- Mitglied und hat in der Vergangenheit schon öfter Stimmung gegen Immigranten gemacht, sprach "vom ungezügelten 100.000-fachen Einmarsch von Wirtschaftsflüchtlingen" nach "amerikanischem Masterplan". Dass so einer ein Flüchtlingsheim leitet ist fast so absurd, als... ...ja, als würde die Polizei gegen die bepöbelten Businsassen ermitteln.

Oh, halt. Richtig. Den Nachnamen des Heimleiters und AfDers bin ich ihnen noch schuldig: Hetze. Jaja, ich weiß, ich weiß. Wie kann jemand namens Hetze ein Flüchtlingsheim leiten? Müsste er nicht längst Beate Zschäpe anwaltlich vertreten? Der Mann ist seit Clausnitz übrigens bitter enttäuscht. Von den Medien.

"Wir sind das Volk!" Hatte mal den Klang von Freiheit und Aufbruch. Jetzt leiert es als dumpf knisternde Platte von Opas Dachboden, die stoisch irgendwo zwischen ´33 und ´45 entlang rillt. "Wir sind das Volk"? Etikettenschwindel. Lügenmasse.
Diesen traurigen Haufen als Dünnpfiff in der Unterhose der Geschichte zu bezeichnen, verbietet mir allein meine gute Erziehung. Du möchtest ihnen die Höchststrafe verpassen. Bis Du erkennt: Die Höchststrafe, das sind sie selbst.

Ach, man, ey.

Höfliche Menschen, humorbegabte Leute 

Mein Freund Oliver Polak und ich diskutierten am Freitag noch über Sinn und Unsinn eines AfD- Textes. Mittags waren wir zu Gast bei einer syrisch-palästinensischen Flüchtlingsfamilie.
Modern, warmherzig, weltoffen. Verbleib in Deutschland noch ungeklärt. Die drei Kinder gehen bereits hier zur Schule, der 14-jährige Sohn spricht nach vier Monaten schon besseres Deutsch als die meisten besorgten Bürger (keine Polemik. Wahrheit). 

Die Mutter hat mehrmals die Woche Unterricht.
 Die palästinensische Frau brauchte das Messer nur, um den für uns gekauften Kuchen anzuschneiden. Was meinen jüdischen Freund nach eigener Aussage sehr beruhigt hat.

Wir haben höfliche Menschen, humorbegabte Leute kennen gelernt. Ich hoffe, sie können in Deutschland bleiben.

Gegen die Pogromstimmung anschreiben

Die ganzen Scheißgeschichten sind mir nicht fremd. Die ganzen Probleme mit der Integration. Den ganzen Ärger mit den kulturellen Unterschieden. Ich bin nicht blind. Ja, es gibt solche, klar.

Aber es gibt vor allem solche. Ich habe mich an diesem schönen Tag lediglich einmal massiv unwohl und fremd im eigenen Land gefühlt. Als ich ihn mit Bildern aus Clausnitz beschließen musste. Verstört und angewidert.

Eine Kolumne über dieses Thema zu schreiben, ich hatte keine Lust mehr dazu. Just in dem Moment brennt in Bautzen ein Flüchtlingsheim. Die Leute applaudieren. Und behindern die Löscharbeiten. Die Feuerwehrleute können froh sein, wenn am Ende nicht noch die Polizei gegen sie ermittelt. Wegen Behinderung der Feierlichkeiten.

Es muss wohl sein, weiter gegen diese Pogromstimmung anzuschreiben. Weil alles andere Gewöhnung wäre. Und an diese Scheiße will ich mich nicht gewöhnen. Die Parallelgesellschaft gibt es bereits. Aber sie ist vor dem Bus. Und nicht darin.









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