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Insta-Angie, Cliff Schulz und das Kreuz mit der Wahl

Am Sonntag ist endlich alles vorbei. Mit allzu heftigem Wahlkampf ist niemand von uns Bürgern behelligt worden. Dennoch sollten wir unbedingt wählen gehen. Micky Beisenherz sagt, warum.

Angela Merkel

Nach Lena, Thomalla und Hummels: #Merkel wird Influencer. Für ein Land, in dem wir gut und gerne taggen.

Ich habe wirklich keine Ahnung, wie ich in Zukunft durch die Straßen gehen soll ohne den gütigen Blick von , der mich vom Plakat anlächelt. Schulz. Dem kann man ja noch nicht einmal 'nen Bart malen.

Am Sonntag ist dann endlich alles vorbei. Wobei das jetzt so dramatisch klingt. Mit allzu heftigem ist niemand von uns Bürgern behelligt worden. Im Gegenteil: Spätestens beim TV-Duell waren die ersten so weit, sich nochmal die alte Blue Ray von Hillary vs Trump anzugucken.

Aber was sollen Merkel und Schulz auch machen? Man ist sich in zentralen Fragen doch einig. Ihre Parteien haben sich im Laufe der Jahre so sehr in die Mitte des Tanzbodens bewegt, dass am Rande jetzt plötzlich ihre hässlichen Geschwister stehen. Die SPD hat die Linkspartei, und die Linkspartei der CDU heißt AfD. In Bayern übernimmt diesen Part die CSU, logo.

Ich selber bin ebenfalls ratlos, wenn ich an den Wahlsonntag denke und werde das Ganze wohl so angehen, wie ich Hausarbeit angehe: Das Unangenehmste lasse ich zuerst liegen - bis ich mich dann des kleinsten Übels annehme.
Bei der Gelegenheit: Man kann nur mutmaßen, welch körperlichen Schmerz empfunden haben muss, als sie sich auf Geheiß ihres Wahlkampfteams plötzlich mit Influencerinnen auf einen Matcha Tee treffen musste.

Martin Schulz jedenfalls rechnet stündlich damit, von seiner Agentur zu Sami Slimani geschickt zu werden. Dabei hat er doch gerade erst die Pflege als Thema für sich entdeckt, nachdem ein junger Mann bei Markus Lanz so bewegend davon erzählt hatte. Könnte allerdings auch daran liegen, dass auch ihm aufgegangen ist, dass es vor den Wahllokalen seit Jahren aussieht wie am Einlass vom ZDF-Fernsehgarten. Ein Kessel Beiges. Kurz vor den Wahlen entdecken die Parteien gerne mal die Alten - da gerät das Programm dann schnell mal zum Enkeltrick.

Merkel mit Lena und Co.

Tatsächlich bewegen sich vor allem die Alten vornehmlich zur Urne. Also, die Wahlurne. Großes Interesse wiederum zeigen auch die Erstwähler. Schon beim zweiten mal nimmt die Beteiligung aber deutlich ab. Man kann also durchaus behaupten: Politik hat etwas Abtörnendes.

Dummerweise hat Merkel mit Lena, Cathy und Co. den ganzen Erstwählerinnen vorgemacht, dass sie so etwas wie cool sei und schon im nächsten Jahr mit Blümchenkranz vorm Riesenrad auf dem Coachella-Festival heruminstagramt. Die sind also auch schon mal weg, liebe SPD.

Der Cliff Barnes der SPD

An dieser Stelle übrigens mal ein Kompliment an Schulz, den Cliff Barnes der Sozialdemokraten, dass er so tapfer weiterkämpft und es billigend in Kauf nimmt, sich mit Sätzen wie "Ich werde Kanzler!" in der nach unten offenen Premiumtrottel-Skala irgendwo zwischen Walter Ulbricht und Thorsten Legat zu verewigen.

Dass derzeit in den sozialen Netzwerken eine ganze Reihe von Menschen ihre Profilbilder dahingehend ändern, dass sie ihr Foto mit dem Namen einer Partei versehen, die sie NICHT wählen wollen, das kann man für ein schönes Statement halten. Man könnte aber auch behaupten, dass man durch diese Penetration des Namens der Partei ebendieser erst eine unverhältnismäßige Aufmerksamkeit zukommen lässt. Keine Ahnung. Wahrscheinlich schadet es genau so wenig, wie es nutzt.

Vermutlich wird sich der ein oder andere auch denken, dass die Aufrufe so vieler, wählen zu gehen sich anfühlt wie die Hochphase der Ice Bucket Challenge: Ein digitales Accessoire für gelangweilte Internetnutzer.

Andererseits: Damals wussten plötzlich auch eine Menge Menschen mehr Bescheid über ALS - es besteht also durchaus Hoffnung, dass die Filterblase permeabel ist und all die Aufrufe mehr sind, als eine nette Promoplattform für C-Promis, die statt neuen Sneakers halt mal ihren Wahlzettel posten wollten.

Ich für meinen Teil zumindest werde mich am Sonntag ins Auto setzen und 350 km fahren, um es noch rechtzeitig ins Wahllokal zu schaffen. Hab ich nur wenig Bock drauf, aber: Wär mir peinlich, nicht wählen gegangen zu sein.

Und wenn Angela Merkel sich mit Cathy Hummels über Goji Beeren Smoothies unterhalten kann, dann werden Sie ihren Arsch ja wohl zur Urne bewegen können.


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