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Zum Tod von Basty Radke: "Eines Menschen Herz"

Radiomoderator Sebastian Radke ist im Alter von 40 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. In einem persönlichen Nachruf nimmt unser Kolumnist Micky Beisenherz Abschied von seinem Freund.

Sebastian Radke, Radio-Moderator, verstarb völlig überraschend im Alter von 40 Jahren

Radio-Moderator Sebastian Radke verstarb völlig überraschend im Alter von 40 Jahren

Und plötzlich schaltet kurz vorm Elfmeterschießen irgendein Arschloch den Strom ab.

Lieber Basty,
ich würde Dir gerne sagen, dass ich pausenlos heule.
Das kann ich nicht. Es sickert erst ganz langsam ein, was ich immer noch nicht fassen kann: Du bist nicht mehr da. Und auch, wenn irgendetwas in meinem Kopf mir einreden will, dass Du nur im Urlaub bist, brüllt mir Dein leerer Platz entgegen: Er ist nicht mehr da. Er wird auch nicht mehr wieder kommen. Nie mehr. Du wirst nicht mal diese Zeilen lesen.
Plötzlicher Herztod. Mit vierzig. Während der Show. Juhnke hätte sich so einen Abgang gewünscht. Auch so ein waschechter West-Berliner.

Dieses dumpfe Gefühl, als hätte einer bereits die Party verlassen, mit dem man später doch eigentlich noch total lange an der Theke stehen wollte.

Heute würden wir wieder gemeinsam unsere Radiosendung aufzeichnen. Die Sendung, zu der DU mich angestiftet hast. Streng genommen hast Du mich damals betrunken gemacht und Dir mein Okay ergaunert. Zum Glück. Scheiße, was haben wir einen Spaß gehabt. Vor dem Mikrophon. Vor allem auch dahinter.
Das war's. Kein Abschied. Nix. Weg.
Du bist mir sehr ans Herz gewachsen. Umgekehrt war es genauso. Zum Glück war es uns nicht zu doof, uns das wissen zu lassen.
Zu Lebzeiten.
Von allen Menschen, die mir nahe stehen und zu früh gegangen sind, bist Du der Jüngste. Glückwunsch. In unserem Alter ist man das immer seltener. Der Jüngste.
Es ist bedrückend. Unwirklich.
Vor allem aber: Erschreckend. Ich bin 38. Also, fast.

Im Zuge der Germanwings-Tragödie zitierte ein sehr kluger Mensch unlängst Jonathan Safran Foers "Extrem laut und unglaublich nah", und genau so fühlt es sich an. Wir verlieren den Unbesiegbarkeitsnimbus. Plötzlich wird der akute Verlust geliebter Menschen eine realistische Variante. Wer ist als nächstes dran? Und warum nicht gleich ich? Ist ja nix mehr sicher. 37, Nichtraucher, Sportler. Und? Soll das was heißen?
Warst Du doch auch.

Das Leben ist kein Wartezimmer

Wir fühlen uns betrogen um das Mindesthaltbarkeitsdatum unserer Existenz. Ist das ungerecht? Und ob es das ist! Gibt es einen Sinn? Wenn, dann höchstens den, dass wir unsere knappe Zeit nicht mit Sinnsuche vergeuden sollten. Es heißt gern volkstümlich, das Beste kommt zum Schluss. Dummerweise weiß nur keiner, wann genau dieser Schluss ist. Deshalb ist es an uns, das Beste sofort an uns zu reißen. Nicht morgen. Jetzt.
JETZT.

Das Leben ist kein Wartezimmer. Getreu dem Motto von Udo Jürgens "Los, Leute. Lasst uns Erinnerungen schaffen". Auch der ist "plötzlich und unerwartet" aus dem Leben geschieden. Gnadenvoll, mit satten und erfüllten achtzig Jahren. Basty, Du wurdest nur halb so alt. Gerade mal vierzig. Lächerlich, eigentlich. Dein Sender hat Dir einen wunderbaren, rührenden Abschied bereitet#. Die Anteilnahme war gewaltig. Herzerwärmend. Man hat gespürt, wie vielen Menschen Du etwas bedeutet hast. So etwas hätte ich auch gern. Hätten wir das nicht alle? Und doch wurde all die öffentliche Würdigung nicht der Tiefe gerecht, die Du hattest.

Deine klugen Gedanken. Wie kritisch Du Dich mit Dir selbst auseinander gesetzt hast. Wie liebevoll Du über Deine Freundin gesprochen hast. Wie kultiviert Du warst. Ein Connaisseur geradezu. Du hast Frankreich geliebt. Gut, niemand ist perfekt. Wie wir uns via WhatsApp gestritten haben wie 14-Jährige. Herrlich.
Wie belesen Du warst und dennoch: Dieser PS-Prollfetisch. Himmel, hattest Du einen miesen Autogeschmack! Kein Zuhälter hätte da je mithalten können. Zum Glück hast Du Dir nicht diesen Nissan GT-R gekauft. Stell Dir vor, das wäre das letzte Foto von Dir gewesen. Du in so einer Karre. Du meine Fresse.

Du hattest eine Lache, dreckig wie die Stadiontoilette der Berliner Hertha, deren Fan zu sein Du Dich öffentlich zu sagen getraut hast. Mutig. Mein Bruder hat unsere Show eigentlich nur wegen Deiner Lache gehört. Er hätte am liebsten eine gehabt, in der Du die volle Stunde nur lachst. Dann hätten allerdings Deine klugen Zwischenfragen gefehlt, die immer wieder haben aufblitzen lassen, was für ein gescheiter Mensch Du doch bist. Warst.

Lebensqualität duldet keinen Aufschub

In einer der letzten Sendungen war der Journalist Hajo Schumacher zu Gast und sprach über sein aktuelles Buch "Restlaufzeit". Darüber, wie wir unser Leben gestalten sollten. Dass Lebensqualität keinen Aufschub duldet. Dass wir die Dinge sofort tun müssen. Das Leben genießen. Unseren Lieben sagen, was sie uns bedeuten. Unaufgeräumtes bereinigen. Er hat wie so häufig recht.

Wenn wir doch schon auf die Quantität keinen Einfluss haben, dann müssen wir doch umso heftiger an der Qualität schrauben. Glauben wir denn ernsthaft, dass am Ende des Lebens, kurz vor der Ziellinie einer mit nem Präsentkorb auf uns wartet? "Hier, Klaus Hermann, für Dich, weil Du so schön gespart und auf Urlaube verzichtet hast!" Am Arsch!

Hätte ich mal - der traurigste Satz, den ein Mensch sagen kann. "Müsste ich irgendwann auch mal" ist ein Trickbetrüger, der uns die schönsten Momente aus der Tasche zieht.

Vielleicht ganz gut, dass Du den pathetischen Schrott hier nicht mehr lesen kannst. Du hättest klügere Zeilen verdient. Als Literat, der Du warst. Als Zeichen der Zuneigung hast Du mich kürzlich in Deinen Buchclub aufgenommen. Was mich - als freundschaftlich Zugezogenen - sehr stolz gemacht hat. Tut es noch. Das Prinzip Buchclub ist einfach: Deine beiden besten Freunde und Du kauft Euch alle dasselbe Buch, und einen Monat später trefft ihr Euch, um abends gemeinsam darüber zu reden. Eigentlich geht es dabei nur ums gemeinsame Saufen, klar, klingt aber kultivierter. Zum Einstieg in den Zirkel hast Du mir mein Einstiegsbuch geschenkt: "Sterben" von Karl Ove Knausgard. Den prägnantesten Satz des Werkes findet man gleich auf dem Buchrücken: "Für das Herz ist das Leben einfach: Es schlägt, solange es kann."
Vielen Dank für das Buch, Basty.
Die Pointe hättest Du Dir trotzdem sparen können.

P.S.: Ich glaube immer noch, dass Du das lesen wirst.

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