HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

Ich weiß, was du letzten Sommer getragen hast

Hansaplastfarbene Dreiviertel-Cargohose und schorfrot-kariertes Kurzarm-Trekkinghemd: Bei Bundeskanzlerin Angela Merkel greift das alte Mantra "Im Sommer nur Wiederholungen". Da hat Waldimir Putin seinem Volk deutlich mehr zu bieten.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz und Angela Merkel

Modisch ist Micky Beisenherz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Augenhöhe.

wusste unlängst wieder einmal zu erregen. Das tut sie für gewöhnlich jetzt nicht im pilcherschen Sinne, noch hat sie gerade das Supertalent gewonnen, in dem sie mit den Achseln die Marseillaise flatuliert hat. Wenn die Kanzlerin herausragt, dann, indem sie neue Highlights der Gewöhnlichkeit setzt.

So war ihr Urlaubsoutfit, mit dem sie bereits seit dem Pleistozän nach Südtirol zu reisen pflegt, dermaßen überraschungsarm, dass sich selbst Menschen wie genötigt sahen, mittels lustiger Bildercollage zu belegen, dass sich bei Merkel seit fünf Jahren modisch nix getan hat.

Fairerweise muss man sagen, sollte man das aus irgendeinem Grunde vorhaben, man könnte schnell beweisen, dass der Prada-Sozialist Augstein seinerseits schon mit weißem Hemd, blauem Anzug und Elfenbeinturm-Mine zur Welt gekommen ist.

Zurück zur Regierungschefin: Da greift das alte Mantra "Im Sommer nur Wiederholungen". Die hansaplastfarbene Dreiviertel-Cargohose und das schorfrot-karierte Kurzarm-Trekkinghemd, nebst dem immergleichen Accessoire, einem stillgelegten Physikprofessor.

Dass Angela Merkel einen Look umhergondelt, den sogar schon der damals noch lebendige Ötzi etwas mutlos fand, ist natürlich ein großes Plus. Wenn "Gala" oder "Bild" Fotos veröffentlichen, die aussehen wie der Leitartikel im TCM-Katalog, dann berührt das zutiefst die deutsche Seele: "Guck mal, der Urlaub der Merkel ist genauso scheiße wie unserer. Klasse!" Der Durchschnittsdeutsche liefert sich ja ein spannendes Aussitzen mit sich selbst, teils über Jahrzehnte hinweg. Was wird wohl zuerst gewechselt: Der Urlaubsort - oder die speckige Erima-Badebuchse, in der er zwischen Blässhühnern und alten Damenbinden durch den Schilf zu waten gedenkt.
"24 Jahre Texel." Es klingt schon wie Höchststrafe.

Helmut Kohl musste noch einen draufsetzen

In einem Volk, in dem niemand herausragen darf, fängt der Mittelmäßigste die Herzen. Das hat ein Gerhard Schröder natürlich nie begriffen. Der, kaum dass er Kanzler war, regelmäßig in die Toscana flog, wild umherpulsierte, sich mit Überfünfeuro-Weinen erwischen ließ und den Pullover so provokant über die Schulter legte, wie es sich selbst ein Sigmar Solbach nie getraut hätte. Und der ist immerhin Arzt! Logisch, dass er 2005 wieder gehen musste. Arsch vivendi.

Da waren volksnahe Urlaube am Wolfgangsee den Menschen schon näher. Wenngleich die spektakulär inszeniert waren. So musste der Kanzler selbst stundenlang mühsam Text lernen - "der Dicke heißt also Walther, der andere Peter, aha, soso, interessant" - während Hannelore schon weit vor dem ersten Sonnenstrahl Schnittchen für die Fotografen, Requisiteure und Lothar Späth im Hirschkostüm schmieren musste. Das funktionierte lange gut. Bis Kohl mit der Einheit unbedingt noch einen draufsetzen musste.

Immer schon haben Politiker ihre Ferien genutzt, um den Bürger zu bezirzen. Man denke nur an Sarkozy beim romantischen Strandspaziergang mit Carla Bruni, was bei seiner Körpergröße allerdings unfreiwillig an eine Mutter-Kind-Kur erinnerte. Barack Obama wiederum wurde vornehmlich beim Eis essen gesehen oder lässig den Schläger schwingend beim Golfen. Solche Bilder gibt es natürlich auch haufenweise von dessen Nachfolger- keines davon allerdings stammt aus dem Urlaub.

"Brokeback Wladi" beim Angeln

Königsklasse sind die spontanen Schnappschüsse von Wladimir Putins Angel-Vacation, die von einer derart hohen Oberkörperbefreiung künden, dass man fast nicht glauben mag, dass der gesamte russische Raum frei von jedweder Homosexualität sein soll. Mehr Nacktheit gibt's nicht mal im Karpfenkalender. Fisch und Busen. Lechz.

Mein Kompliment gilt den fünf Tauchern, die es geschafft haben, pünktlich vorm Auslösen der Kamera "Brokeback Wladi" einen kapitalen Hecht unter Wasser an den Haken zu hängen.

Und was macht Martin Schulz eigentlich? Dem würde ich generell von Freizeit-Impressionen jedweder Art abraten, stand er zuletzt eh schon im Ruf, etwas zu lange abgetaucht zu sein. Sollte er planen, sich in irgendwo Badekleidung ablichten zu lassen, müsste er mindestens schon übers Wasser laufen.

Und selbst dann würden die Leute - in bester Berti-Vogts-Manier - behaupten, er sei zu blöd zum Schwimmen.


Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo