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Vermiss mich! Von schlauen Kondomen und dummen Menschen

Immer mehr Menschen sind bereit, jedes Detail ihrer Existenz zu erfassen und mit der Allgemeinheit zu teilen. Jüngste Errungenschaft: das sogenannte Smart-Kondom. Praktisch die Stasi zum Überziehen, findet Micky Beisenherz.

Micky Beisenherz

Gelatschte Kilometer, ein Intellekt, knapp unter der PS-Zahl meines , Schnecke oder U beim Morgenschiss - mittlerweile sind wir bereit, jedes Detail unserer Existenz zu erfassen und mit der Allgemeinheit zu teilen.

Vor wenigen Tagen wurde mir eine weitere sensationelle Neuerung im Bereich der Datenerfassung zugespielt, die demnächst den Markt erobern soll: das sogenannte Smart-Kondom. Dieses trackt den Kalorienverbrauch, die Anzahl und Geschwindigkeit der Stöße, sowie Größe und Temperatur des Penis. Darüber hinaus natürlich die Dauer des Sex und die Anzahl der unterschiedlichen Positionen (am Bettrand sitzen und warten, bis die Alte das Bier geholt hat, mal nicht mit gerechnet). Das ist natürlich klasse. Praktisch die Stasi zum Überziehen.

Wer von uns ist nicht versucht, sein Haushaltsbuch neben der Kosten für Frolic, Schmierkäse und um eine Kategorie zu erweitern, die da heißt: geleistete Bumserchen. Da kann jeder Schrittzähler einpacken, und Papa hat es schriftlich, dass er sich vom ersten zum zweiten Quartal auf Mutti eindeutig gesteigert hat.

Der Ergo-Mitarbeiter kann nach einem Ficki-Ficki-Teambuilding-Wochenende in Budapest seinem Chef ein paar stolze Zahlen vorlegen und ihm zeigen, dass in dem Frühverrentungskörper noch reichlich Suppe kocht. RTL2-Gucker kommen auf diese Art doch noch zu einer späten Begegnung mit Mathematik, andere wiederum verweigern sich dem Gummi jetzt noch vehementer. Ausreden wie Latexallergie oder "macht weniger Bock" weichen jetzt politisch aufgeladenen Argumenten wie "das ist meine Auflehnung gegen den Überwachungsstaat".

Es werden spannende Zeiten: Kreisten auf der Rückbank von 3er BMWs früher wackelige Handyvideos von Wodka-Energy-betankten Provinz-Siffredis, werden in dunklen AMG-Mercedes demnächst Balken- und Tortendiagramme diskutiert wie bei der Saarland-Wahl.

Der Kopulant kann sich in sozialen Netzwerken messen

Gut möglich aber auch, dass die Daten mit einer App verknüpft sind und der Kopulant sich in den sozialen Netzwerken mitteilen oder mit anderen messen kann. "Jörg hat soeben eine fuctastische Aktivität hingelegt: 3000 Mal innerhalb von anderthalb Minuten auf Sandy eingehämmert. Los, sende ihm Motivation!" Es ist herrlich.

War der Schrittzähler noch eine sympathisch harmlose Begründung für Onkel Heinz, nach circa 4000 Metern das mehr als verdiente Käse-Fondue aufzusetzen, trieb die Moppelsekte von Weight Watchers bereits eine ganze Bevölkerung vor sich her: Plötzlich fing eine ganze Nation panisch an, aus jedem Kotelett die Nährwerte rauszuanalysieren und reihenweise Kartoffeln wegzukippen.

Punkte zählen - eine Unsitte, die bis nach Flensburg rüber schwappte und braven Bürgern nachhaltig den Spaß daran vergällte, mit 130 durch die Spielstraße zu kacheln.

Was ist das nur für ein Land. Bürger legen sich freiwillig ein Gummiarmband um den Arm, das ihnen Aufschluss liefert über Herztätigkeit oder geleistete Bewegung - und ihrer Versicherung dabei hilft, den nächsten Antrag auf Kostenübernahme abzulehnen, weil die von Apple übermittelten Daten belegen, dass man die letzten 15 Wochenenden komplett mit schwerem Netflix in der Bude gelegen hat.

Alles wird erfasst, ausgeleuchtet, katalogisiert

Dank Google Street View weiß heutzutage jeder Nutzer, hinter welchem Stein links von der dritten Bucht im Industriegebiet von Khao Lak welcher Lurch hockt, nur: Ist das wirklich von Nutzen? Hätte Magellan Google Maps gehabt - wäre er überhaupt noch losgefahren? Die schönsten Jahresurlaube nach Castrop-Rauxel sind schon storniert worden, weil der Abenteuerlustige beim Google-Studium der Europastadt im Grünen entdeckt hat, dass nicht jeder Winkel des Emscherflorenz prachtvoll blüht.

Die Vermessung der Welt. Alles wird erfasst, ausgeleuchtet, katalogisiert. Liebesfördernde Dinge wie gnädige Blindheit oder die Sexiness des Ungefähren bleiben komplett auf der Strecke. Orte wie Rimini oder Dornumersiel haben wir uns schön getrunken und waren ihnen noch Jahrzehnte später dankbar, unseren Alkoholismus zu rechtfertigen. Und ein simples "das kann doch jedem mal passieren" hat immer gut getan.

Daran möchte ich auch in Zukunft gerne glauben dürfen.

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