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Beisis Reklamation, heute: Chantré

Ach, wie schön waren die 80er Jahre, als der hart arbeitende Mann abends von seiner Frau mit einem Chantré empfangen wurde. Micky Beisenherz begeistert sich für die alten Werbefilme. Darauf einen Dujardin!

Weinbrand

Die Realität ist nicht immer so schön wie in der Werbung. Weinbrand kann auch Kopfschmerzen machen.

Immer wieder gern erinnere ich mich an die Chantré-Reklame aus den 80ern. Sagt sie doch viel aus über das damalige Beziehungsmodell und zeichnet zudem ein zutiefst deutsches Gesellschaftsbild.

Da kommt also der Mann nach Hause in seine Eicherustikalhölle. Die Frau hat natürlich schon den ganzen Tag daheim auf ihren Höchstleister gewartet und alles soweit behaglich gemacht. Im Hintergrund läuft Richard Clayderman.

Er hat den ganzen Tag schon gebuckelt und natürlich nix Besseres zu tun, als den Druck direkt nach unten, also an sie weiterzugeben, indem er ihr aufträgt, gefälligst Chantré zu besorgen, weil - Obacht! -: "Der Chef kommt zu Besuch."

Der "Chef" war damals noch so etwas wie gutmütiger Sklaveneigner, Jugendamtsleiter und Großvater in einem, hatte also ein Anrecht darauf, auch ohne Schlüsselgewalt einfach plötzlich im Wohnzimmer der Leute aufzutauchen und Weinbrand, bzw. Kaffee zu trinken (siehe dazu auch Albert Darboven/Idee Kaffee).

Es war also sehr wichtig, einen guten Eindruck zu machen, um künftige Einbußen in Sachen Lebensqualität zu vermeiden, mindestens aber eine Gehaltserhöhung für den Freizeitpark Efteling rauszuschmieren. Brav lächeln, loben (Chef natürlich mehr), Fusel einschenken.

In der Folgeszene hat das brave Frauchen den kostbaren Weinbrand also herangeschafft, der Boss macht einen zufriedenen Eindruck und schwenkt das edle Destillat, begleitet von einem gönnerhaften "Mmhmmmm... Chantré, mein Lieblingsweinbrand".
Erleichterung beim Mann. Vielmehr noch bei der Frau, die bei Nichtgefallen mit einem dreifachen Kellertreppensturz, zumindest aber mit blauen Flecken unterhalb der Rollkragenlinie hätte rechnen dürfen.

Ooooooh, am Geschmack erkannt?"

Wohlgefallen allerseits. Um ihn als Connaisseur ersten Ranges auszuzeichnen, bohrt sich der Ehemann raketenwurmartig noch tiefer ins Rektum seines Arbeitgebers. "Ooooooh", heuchelt er Erstaunen, "am Geschmack erkannt?"

Das plumpe Kompliment zündet. Der Chef - nicht einen Jota schlauer als sein Untergebener und lediglich durch das SpeichelleckernachobenundnachuntenTretersystem und zweimal rechtzeitig Aufzeigen zwei Etagen höher als der Fragesteller gespült - fällt tatsächlich auf die Frage herein und entblödet sich nicht, den Edelgaumen zu geben. "Mein Lieblingsweinbrand".

Lieblings... weinbrand. Jedes normale Gegenüber wäre hier gestorben vor Lachen und Verachtung, ist Weinbrand selbst für weniger verhornte Synapsen kaum besser als das, was man als blaue Flüssigkeit am Boden frisch gereinigter Dixi-Klos bestaunen kann.

Ach, die 80er waren auch schön

Genauso gut hätte er von seiner Lieblingsbeschneidung oder der favorisierten Hisbollah-Dependance schwärmen können. Ein Polyesterhirn wie das des Zweigstellenleiters aber ist dann wohl doch zu sehr verführt von der Vorstellung, bei seinem Adlatus als so etwas wie ein Kosmopolit durchzugehen.

Angebrachter wäre es natürlich gewesen die Frage korrekterweise zu beantworten mit: "Nicht am Geschmack, du Tonto. Nur ein elendiger Arschkriecher wie du konnte es fertig bringen, mir so ein frühzeitliches E10 in einem ausgespülten Senf-Glas darzureichen und auch noch SELBER zu glauben, mir da tatsächlich etwas Kostbares hingestellt zu haben."

Gut, sind wir ehrlich: Der Spot wäre heutzutage schon daran gescheitert, dass der Weinbrand nicht glutenfrei ist, der Mann keinen Chef mehr hat, sondern in einem Szenecafé mit dem Blag und dem Notebook auf dem Schoß freiberuflich an vier uneinträglichen Projekten herumstartupt.

Die Lebensgefährtin schreibt an ihrem Arbeitsplatz in der Agentur nebenbei ein wesentlich einträglicheres Kinderbuch, während sie sich dann und wann ein wenig 43er in die Thermoskanne mit Chai Tee kippt. Bevor sie heimlich den Chef datet. Ach, die 80er waren auch schön.

Darauf einen Dujardin.

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