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Elektronische Überwachung

Ja, Smartphones machen manches leichter. Aber der Preis ist hoch – spätestens seit es bei Whatsapp diese Lesebestätigung gibt.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Angstfrei auf die Toilette gehen ist doch schon eine wundervolle Sache. Die moderne Technik macht es möglich.

Sie sind ja so alt wie ich, Sie erinnern sich gewiss: War man in der prädigitalen Zeit im Bad, während man auf einen wichtigen Anruf wartete, so war man permanent in der großen Sorge, ebendiesen Anruf nicht zu hören. Ein ständiges Phantomklingeln im Ohr. Das ist mit dem natürlich anders.

Es erspart einem überdies die peinliche Prozedur, mit der Zeitung unterm Arm vor aller Augen auf dem Klo zu verschwinden – oder in Ermangelung textlicher Alternativen die Inhaltsstofflisten auf Badreinigerflaschen zu lesen.

Dafür bleibt man jetzt natürlich noch einmal zehn Minuten länger weg.

"Sie haben Ihr Essen ja gar nicht fotografiert."

So viel zur Kür. Aber viel häufiger nehmen einen diese Geräte natürlich in die Pflicht. Wo früher ein Tischgebet gesprochen wurde, müssen heute erst einmal die Pancakes fotografiert und behashtaggt werden. Die ersten Kellner fragen in Restaurants schon, ob es womöglich nicht geschmeckt hat. "Sie haben Ihr Essen ja gar nicht fotografiert."

Urlaube werden mit der Welt geteilt, jeder Felsen, jeder Klappstuhl, jeder platt getretene Lurch. Hinaus in die Welt gehen Impressionen, auf denen eigentlich nur das verbrannte Gesicht des Postenden zu sehen ist. Irgendwo im Hintergrund, da kann man das Reise ziel erahnen. Rom oder Raqqa – das ist im Grunde nicht auszumachen.

Nicht wenige Menschen haben zuletzt die Konzerte von Phil Collins, Aerosmith oder U2 besucht, ohne auch nur eine Minute davon mitzubekommen, weil sie viel zu beschäftigt damit waren, das Ganze für Facebook live zu streamen oder Videos aufzunehmen. Kleiner Tipp: Oft gibt es Konzerte auf DVD.

Richtig unangenehm aber ist, dass uns die zu einer Art elektronischer Fußfessel geworden sind, nur eben an der Hand.

Ernsthaft: Als ich meiner Mutter ihr erstes iPhone schenkte, wusste ich schon: Das ist ein Fehler. Das Tor zur Hölle war aber erst aufgestoßen, als sie für sich entdeckte.

Aber lassen wir das. Außerdem hat meine zehnjährige Nichte jetzt ebenfalls Whatsapp

"Warum schreibst du deiner nicht mal zurück? Ich seh doch, dass du online bist." Ich bin mir sicher, hätte Norman Bates ein Smartphone gehabt, es wäre ihm kaum anders ... Aber lassen wir das. Außerdem hat meine zehnjährige Nichte jetzt ebenfalls Whatsapp. Und das ist auch nicht leicht.

Gott, ich hatte ja keine Ahnung! Man kann nur mutmaßen, wie stark die Emoji-Plantagen bereits gerodet sind.

Ich selbst bin inzwischen in Whatsapp-Gruppen, in die ich nie wollte: Kita-, Nachbarschafts-, ja sogar Tupperware-Verkaufsgruppen! Gut, ich könnte diese Gruppen auch einfach verlassen. Aber dazu bin ich zu höflich. Und zu neugierig, natürlich.

Spätestens, als bei Whatsapp die Lesebestätigung eingeführt wurde, drehte die Gesellschaft endgültig durch. Nicht nur, dass Partner/innen sich fragten, warum "das Schwein noch um 2.39 Uhr online" war – plötzlich "seh ich doch, dass er die Whatsapp gelesen hat, warum antwortet er nicht!"

Wie schön war doch damals die gnadenvolle Unwissenheit. Die Hoffnung, dass SIE vielleicht einfach nur krank war oder die SMS übersehen hatte.

So wie ich mir jetzt einfach vorstelle, dass Sie diese Kolumne gelesen und goutiert haben. Schicken Sie mir bitte einfach keine Lesebestätigung.


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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo

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