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Trump, Steine, Scherben

Pünktlich zum G20-Gipfel leidet Hamburg an einer Art infrastruktureller Vollphimose: Nix geht mehr, alles dicht. Micky Beisenherz ist schon jetzt genervt - und hat ein paar Alternativ-Vorschläge.

G20

Leistungsschau der Natodraht- und Absperrgitterindustrie: In Hamburg findet der G20-Gipfel statt.

Manch einer mag es ja schmeichelhaft finden, mit vierzig noch nach dem Ausweis gefragt zu werden. Spätestens aber, wenn man beim Fahrradfahren angehalten wird, weil man hier nicht lang dürfe und obendrein der Rock zu kurz sei, fragt man sich schon, ob wir hier jetzt innerhalb von wenigen Tagen in Manila sind.
Und ja, auch wenn mir das mit dem Rock jetzt nicht persönlich passiert ist: Dit is ne wahre Geschischte.

Genau wie die von den Anwohnern, die von nervösen Polizisten was auf die Fresse gekriegt haben. Sorgt auch nicht gerade für deeskalierende Grundstimmung.

Der -Gipfel steht vor der Tür. Wobei das so nicht stimmt. Gefühlt tritt er sie ein, so charmant kommt dieses Treffen der 20 "wichtigsten" Staatschefs für die Deutschen, die Hamburger, ja, vor allem die Anwohner daher. Es ist jedem geläufig, dass die Hamburger Verkehrsplanung ganzjährig in den Händen zugekokster Schimpansen zu liegen scheint. Baustellen, Sperrungen, Kanalarbeiten. Drama, Drama, Drama.

Seit ein paar Wochen, ach was, Monaten gesellen sich diverse Straßensperrungen durch spontane Polizeiübungen rund um Innenstadt und Messe dazu, die jetzt, pünktlich zum Gipfel in einer Art infrastruktureller Vollphimose münden. Nix geht mehr. Alles dicht.

Kitas haben zu, Geschäfte sind mit Brettern verschlagen, Gastronomien geschlossen. Selbstverständlich ohne jegliche finanzielle Entschädigung. Die Stadt sieht aus, als würde Snake Plissken aus dem Film "Die Klapperschlange" hier gleich mit 'nem Segelflieger landen. Beim Gang zur Eisdiele wäre ein Helm nicht verkehrt.

Schaulaufen internationaler Hassfiguren

Allerdings käme ich mir dann vor wie Paul Ronzheimer. Und das möchte ich nicht. Dass einem die unablässig kreisenden Helikopter auf die Nüsse gehen oder man beim Gang zum Stammitaliener mit dem Wasserwerfer weggeblasen wird - geschenkt.

Günstiger ist in an Wasser bekanntermaßen kaum zu kommen, nur: Warum diese Stadt? Warum die Schanze? Macht's doch gleich in Kreuzberg, ihr Idioten!

Was wirklich ärgerlich ist, ist die Borniertheit, mit der entschieden wird, dieses Schaulaufen internationaler Hassfiguren, diese Leistungsschau der Natodraht- und Absperrgitterindustrie mitten im Herzen der europäischen linken Szene zu veranstalten. Nur Dummheit, Ignoranz oder schon Provokation?

Nur, dass wir uns nicht missverstehen: Es ist absolut richtig, gegen einen Trump zu demonstrieren. Allein schon, um zu zeigen, dass man sich an Agent Orange nicht gewöhnen will. Es ist gerechtfertigt, aus Protest gegen die Ausbeutung Afrikas durch den Westen zu protestieren, (die Heuchelei in Sachen) Waffenhandel oder Umweltverschmutzung. Erdogan, Putin, die Saudis, die Chinesen, ach, sucht euch was aus.


Trump pennt im Hotel um die Ecke - nur einen Steinwurf entfernt

Aber, und das ist ein Aber mit der Größe einer Sperrfläche von 38 Quadratkilometern: Muss das ausgerechnet hier sein? Was will man uns mit der Verlagerung in ebendieses Hamburger Viertel demonstrieren? Volksnähe? An den Einzelnen heranrücken, um durch intensiven Kontakt sein Herz gewinnen - obwohl der das streng genommen gar nicht will. Das Konzept kennt man. Nennt sich Stalking.

Ist doch super! Trump pennt hier im Hotel gleich um die Ecke - nur einen Steinwurf entfernt. Dass ein Macron in der Raucherpause mit Guste von gegenüber plaudernd mit einer Gauloises im Mund an der Barriere steht, ist ja nun auch nicht wirklich zu erwarten.

Paradoxerweise will man die Distanz zwischen den Oberen und "denen da unten" verringern - und schottet sich komplett ab, macht diese weltoffene Stadt zur Festung. Was aus sicherheitstechnischen Gründen sogar nachvollziehbar ist, da man ja unbedingt genau dahin gehen musste, wo man auch sonst nur ungern seinen Mercedes abstellen würde.

Als würde man förmlich um Versehrte und Zerstörung betteln, ist die Hansestadt rund um die Rote Flora am 1. Mai doch schon sowas wie das Coachella des (inter)nationalen Eskalationstourismus. Die Welt zu Gast bei Feinden.

"Eskalation auf Entenwerder" klingt wie eine Komödie mit Jan Fedder

Einen ersten Vorgeschmack gab es schon, als es zu Tumulten in einem G20-Protestcamp zwischen der Polizei und Protestlern kam. Polizeigewerkschaftspromi Rainer Wendt ließ es sich natürlich nicht nehmen, das Vorgehen der Beamten öffentlich gutzuheißen. Klar, die Polizei möchte ihre Existenz natürlich auch berechtigt wissen. Und Rainer Wendt sowieso. Hoffentlich musste er das Interview nicht kostenlos geben. Der Mann muss doch so aufs Geld gucken.

Und ja, es kratzt natürlich auch an meiner hanseatisch-Kosmopolitischen Eitelkeit, dass Schlagzeilen wie "Eskalation auf Entenwerder" wie eine Komödie mit Jan Fedder klingen. "Welcome to hell" klingt da doch schon bedeutend weniger drollig und lässt wenig Positives erahnen, was die pazifistische Gesinnung der linksradikalen Organisatoren des für heute angekündigten Festes der Völker angeht.

Die meisten der 20.000 (!) eingesetzten Polizisten haben übrigens auch keinen Bock auf den ganzen Mist. Es sei denn natürlich, sie kommen aus Berlin und machen aus dem Schanzen- den Megapark. Scheiß drauf, G20 is nur einmal im Jahr.

Tatsächlich gibt es einige wenige, die diesen Zirkus als tolle Werbung für die Stadt ansehen. So saß ich unlängst mit einem NDR-Fernsehkoch zusammen, der G20 mit dem Verweis "es sind doch nur drei Tage!" pries, als seien die Harlem Globetrotters in der Stadt. Es sei "doch toll, dass Trump und die anderen kommen. Sonst gehen die demnächst nach China oder so!" Ein Aufmarsch der internationalen Injustice League einzig und allein, um sich als Hamburger wichtig zu fühlen.

Gut, der Mann zieht sich fürs Fernsehen eine froschgrüne Hose an, hat also noch ganz andere Probleme. Hamburg braucht gewiss keinen G20-Gipfel, um in der Welt von Bedeutung zu sein. Hätten wir Olympia gekriegt, hätte Trump ja als Golfer antreten können.

G20? G kacken

Ja, klar, es ist natürlich prima, wenn die Führer der Weltmächte überhaupt noch miteinander reden, anstatt zu tweeten. Dennoch dürfte das, was am 7. und 8. Juli dabei herumkommen wird, wie gewohnt genau gar nix sein: Zwanzig Staatenlenker, vergleichsweise wenig Zeit, ein strammes Protokoll - wer nimmt denn ernsthaft an, dass auf dieser Grundlage irgendetwas Entscheidendes angeschoben, geschweige denn verabschiedet wird?

Bei der derzeitigen diplomatischen Großwetterlage und Figuren wie Putin, Erdogan oder Trump dürfte es wohl eher eine Art International Staredown, ein mehrtägiges gegenseitiges Niederstarren werden. Also, warum hier?

Um Merkel kurz vor der Wahl ein paar schicke staatsfrauliche Bilder zu garantieren? Damit Trump daraus ein "G1 und die 19 Loser" macht, mit seinem "Beast" durch die Stadt brettert wie libanesische Clanbosse um Neuköllner Eisdielen, bis es im Schritt mal wieder kribbelt? Ein verdammt hoher Preis. G kacken.

"Ja, aber irgendwo müssen die doch hin!" Warum treffen die sich nicht im Gebäude vom BER? Das Licht brennt eh immer und die S-Bahn muss auch ständig pendeln, damit die Schienen nicht vermoosen. Dann wär das Ding wenigstens mal wirtschaftlich.

Hamburg ist das Tor zur Welt

Okay, wenn es unbedingt Hamburg sein muss: Geht doch in die Hafen City! Das Viertel ist so artifiziell und antiseptisch - die Saudis werden sich direkt wie zuhause fühlen. Trump wird die Elbphilharmonie vermutlich für eine Mall halten, okay. Linke sind hier seit 15 Jahren nicht gewesen, die infrastrukturelle Anbindung ist da - und kein (normaler) Mensch wohnt dort. Und falls ein, zwei Wohnungen beschädigt werden, werden es die Oligarchen oder Emiratis, denen die gehören, entweder lange nicht bemerken oder den Schaden lässig reparieren lassen.

Ja, Hamburg ist das Tor zur Welt - aber muss denn wirklich jeder da auch gleich durchgehen? Es ist wirklich ärgerlich. Ausgerechnet in dem Moment, in dem die Weltpolitik am dichtesten an das Volk heranrückt, zeigt sie, wie weit sie sich von den Interessen und Bedürfnissen der Leute bereits entfernt hat. Und das ist fast schon tragisch.

Sind wir ehrlich: Im Grunde genommen bin ich eigentlich nur sauer, dass mein Stammcafé dicht hat.


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