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"Newtopia"-Candy muss bleiben!

Das TV-Experiment "Newtopia" ist gescheitert. Micky Beisenherz weiß warum: Die Show ist von Reality so weit entfernt wie Charlotte Roche von Epilation.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Candy (r.), oraler Amokläufer

Candy (r.), oraler Amokläufer

Die Gründung einer neuen Gesellschaft scheitert für gewöhnlich an den Dilettanten, die sie bilden sollen. Schönen Gruß auch an die Piraten. Wenn es Ihnen bei "Herr der Fliegen" etwas zu geordnet zuging, dann dürfte "Newtopia" genau das Richtige für Sie sein. Zumindest, wenn Sie sich dafür interessieren, wie Fernsehen funktioniert. Oder eben genau nicht.

"Newtopia". Mit diesem Mega-Projekt wollte Sat1 den deutschen Vorabend revolutionieren. Kleiner hatten sie es nicht. Es wurde: langweilig. Ein Lowlight des Primatfernsehens. Ein Freigehege für Leistungsökonomen.

Vor gut zwei Monaten konnte man in ostdeutschen Wäldern plötzlich wieder Pioniere beobachten. 15, um genau zu sein. Diese hatten in Königs Wusterhausen den nicht tieftrabenden Auftrag, eine neue Gesellschaft zu gründen. Grundsätzlich muss man ja schon mal fragen, ob man eine neue Gesellschaft ausgerechnet auf Menschen aufbauen muss, auf die schon die eigenen Freunde, Verwandten, Arbeitgeber problemlos ein Jahr verzichten können.

Allen voran ist da wohl Candy (der sich unerklärlicherweise "Sandy" spricht) zu nennen: Ein frühverfilzter Mittvierziger, der aussieht wie eine Mischung aus Hans-Hermann Tietje, Catweazle und dem, was man nach dem Waschgang vom Fusselsieb kratzt. Beim Einzug gab er als täglichen Leistungsnachweis an: "Ich laufe nackt durch die Wohnung, höre bis mittags Musik und überlege dann, was ich mit dem Tag anfange". Ehm, Sat1, solche Leute muss man im Osten nicht extra ansiedeln - die gibt es da schon! Aber zu Candy gleich mehr.

Die Aufgabe der Pioniere war es, in ihrer neuen Gesellschaft, die Wirtschaft anzukurbeln, eine funktionierende Infrastruktur zu schaffen, Strom zu legen. Mit ein bisschen Mühe hätten sie also den Standard Brandenburgs innerhalb von einer Woche überholt. Dummerweise war es so dermaßen furzlangweilig dem Untreiben zuzusehen - die WM im Pfahlsitzen wirkte dagegen wie "The Fast and the Furious". Das ehemalige Millionenpublikum schmolz gletscherartig dahin.

Gesucht: knatterfreudige Kopulationsfachkraft

Richtig witzig wurde das ganze dann aber doch noch: Als nach wenigen Wochen eine betrunkene Producerin (der es offenbar nur mit Druckbetankung gelang, sich die Show schön zu saufen) die Einsiedler besuchte, sich nachts mit ihnen an einen Tisch setzte und den Avengers der Untätigkeit diktierte, was sie künftig machen sollen, damit das ganze spannender wird. Blöderweise hatte die Produktionsfirma dabei vergessen, die Kamera des Internet- Livestreams abzuschalten, und plötzlich wusste die Fernsehnation: Die Show ist von Reality so weit entfernt wie Charlotte Roche von Epilation. Was im Netz umgehend für den beispiellos ungelenken Hashtag #Faketopia sorgen sollte. Denn was in Deutschland wichtig ist, verdient einen #Hashtag.

Seit diesem denkwürdigen Abend kann man dabei zugucken, wie die Produktion ALLES dafür tut, die Open Airbärmlichkeit für die Restzuschauerschaft noch irgendwie guckbar zu gestalten. Plötzlich sollte die Neugemeinde ein Tattoo-Studio eröffnen, dann ein Restaurant und dann tauchte auf einmal - hoppla, na, guck an! - die unermüdliche Genitalrapperin Lady Bitch Ray auf, um der lahmen Truppe die nötige Krawallinfusion zu verpassen. Selbstverständlich wurde auch zwischenzeitlich wieder mal der Livestream abgeschaltet. Nicht eben eine Vertrauen schaffende Maßnahme.

Als gar nix mehr half, ließen sie als Neu-Kandidatin eine knatterfreudige Kopulationsfachkraft auf den erschreckend unterkoitierten Candy los, die sich publikumswirksam mit dem Mund an seiner knittrigen Althippieflöte zu schaffen machte. Der Anblick dieser sexuellen Einmaligkeit stellte bei mir nachhaltig den Sinn von Augen infrage. Alf beim Oralverkehr. So geht spektakuläres Fernsehen. Genau SO.

Geholfen hat's nix. Außer Candys ledriger Aubergine vielleicht. Aber er war durch das kleine orale Glück so hypersexualisiert, dass er verbal ab sofort ausschließlich südlich des Äquators unterwegs war und Mitnewtopistinnen auf eine Weise anging, dass sich selbst Lady Bitch Ray danach duschen müsste. Mit weselskyesker Chuzpe war es ihm schlicht egal, der Arsch der Gemeinde zu sein. Fast schon beeindruckend. Das wilde vor sich hin Tourettieren steigerte sich dahingehend, dass die Security den oralen Amokläufer am Ende aus dem Streichelzoo geleiten musste.

Wie bei Honecker '89

Mir ist ehrlicherweise nicht ganz klar, warum die jemanden aus der Show schmeißen, nur, weil sein gesamtes Repertoire ausschließlich auf der Nennung von Geschlechtsteilen beruht: Vor nicht allzu langer Zeit hat Sat1 Cindy aus Marzahn für eben dieses noch viel Geld bezahlt. Jetzt ist der Unterhaltsamste aus der Runde also auch noch weg. Neben diversen anderen Pionieren. Mittlerweile haben schon dermaßen viele fluchtartig die ostdeutsche Einöde verlassen - die Produzenten müssen sich vorkommen wie Honecker 1989. Ein einziger großer Exodus. Was nicht nur phonetisch nah an Exitus ist.

Liebe Leute von Sat1! Wenn ihr wirklich eine unterhaltsame Show haben wollt: Lasst die toten Augen von Brandenburg da unten vor sich hinvegetieren - zeigt stattdessen täglich live das panische Produktionsmeeting! Dafür würde ich sogar Geld zahlen. Wie hieß das noch gleich mit dem toten Pferd. In diesem Falle muss man der Produktion sagen: Ihr reitet bereits auf Aas. Aber warum dieser Defätismus. Es werden ja umgehend neue, spannende Menschen einziehen. Und machen dann richtig viele, ganz, ganz dolle Sachen! Oder?

Gestern hat mich meine Frau gefragt, was da denn gerade "so abgeht, bei 'Newtopia'". Ich habe ihr erklärt, dass die bei diesem Format "gerade am offenen Herzen operieren". Sie war ein wenig erstaunt. Hat aber tatsächlich angenommen, dass die Pioniere da wirklich wen live auf dem Tisch liegen haben. Ich finde, das sagt eine Menge über das Format aus.

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