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Der 40. Geburtstag

Seien Sie live dabei, beim Rückbau Ihres Körpers! Micky Beisenherz zieht anlässlich seines 40. Geburtstags eine Bilanz seines bisherigen Lebens - und macht sich Gedanken über die Zukunft.

Micky Beisenherz

Micky Beisenherz ist 40 geworden

Wer an seinem Geburtstag allein bei 18 Grad und Nieselregen in aufwacht, obwohl man noch Stunden vorher in Palma war, zieht nicht zwingend ein euphorisches Zwischenfazit seines Lebens.
Der Mittwoch ist ein Werktag. Und er kann auch nix dafür, dass ich heute Geburtstag habe. Auch noch der Vierzigste. Ohnehin zieht dieser Tag mit einer fast aufdringlichen Normalität dahin. Ein Phänomen, das mich schon damals mit 18 gestört hat.

Morbus Silvester. Du begegnest dem Datum mit größtmöglicher Gelassenheit - und bist dann doch heimlich enttäuscht, wenn nix Besonderes geschieht. Nicht mal eine Meldung in der "Tagesschau", die man geschmeichelt abwinken könnte.

40. Als meine Freunde Björn, Marc und Co. vor fünf Jahren so alt wurden, war ich noch erstaunt. Wahnsinn. So junge Typen. Und dann so alt. Ich hatte fünf Jahre Zeit, mich in diesen Zustand hineinzuleben und bin gefühlt schon seit zwei Jahren dort. Genau wie ich jetzt auch noch zwei Jahre hier bleiben werde. Davon ab sah ich schon seit Jahren so alt aus, wie ich jetzt bin. Man könnte also sagen: Mein Personalausweis hat mein Gesicht jetzt endlich eingeholt.

Vielleicht ist der Umstand, dass man Vorsorgeuntersuchungen heutzutage nicht mehr zwingend mit dem Finger, sondern mit einem Ultraschallgerät erledigen kann schon das Positivste, das ich über diesen Geburtstag sagen kann.

Das Ehrlichste ist, dass meine Laune nach dem Wachwerden bereits im Keller ist, weil dieser Schaum, den ich mir zur Erhaltung des Haupthaares immer auf die Rübe schmiere, irgendwo liegt, wo ich ihn vergessen habe und mir jetzt spontane Vollverglatzung droht. Glaub ich.

40. Seien Sie live dabei, beim Rückbau Ihres Körpers! Vielleicht schwänze ich auch einfach meinen Termin und setze mich direkt in die "Hopfendolde", die Pinte gegenüber vom Hauptbahnhof und betrinke mich. Ich befürchte nur, das haben die Stammgäste dort alle so gemacht und sind dort einfach nie mehr wieder raus gekommen. Außerdem habe ich morgen um neun schon wieder einen Termin in , weshalb ich wohl um sieben werde aufstehen müssen. Ein "Feier schön!" seitens des Terminstiftenden kann ich also nur als Hohn begreifen. Was für ein ausgesprochener Scheißgeburtstag.

Der Jugendlichkeitsnimbus ist weg

Ich mein, für nen normalen Mittwoch ist es ne 2-. Für 'nen runden Geburtstag... komm, lassen wir das. 40. ‪Was spätestens mit dem Umklappen von der 3 auf die 4 weg ist, ist dieser Jugendlichkeitsnimbus. Wenn ich mit 13 bereits Sympathien für oder Peter Gabriel äußerte, erntete ich zumeist Anerkennung für musikalische Frühreife. Heute guckt man mich an, als sei ich mit denen zur Schule gegangen.

Auch das Lob, im jungen Alter von, sagen wir mal, 22 schon so kluge Dinge zu sagen, werde ich vermissen. Wird ohnehin immer schwieriger, kluge Dinge zu sagen. Ich weiß, wie kluge Dinge klingen. Bei mir hört sich das oft anders an. Ich bin zu alt, um noch als Wunderkind durchzugehen. Anerkennung ernte ich derzeit noch für eine stabile Physis. "Oh, du bist aber fit - für dein Alter." Mal abwarten, bis Aufwand und Ertrag da auch in keinem gesunden Verhältnis mehr stehen.

Mein Freund Olli wird 50. Mein Freund Skippy geht stramm auf die 60 zu. Ich werde mir die beiden künftig genauer anschauen. So wie die Geister der Zukunft bei Dickens' Weihnachtsgeschichte.

Wann beginnt die Transformation zum Altherrenkörper? Wann ist man nicht mehr, nun ja, fuckable? Bis vor kurzem hab ich Fotos, auf denen ich müde aussah, noch auf dem Smartphone gelöscht, nur um jetzt festzustellen: Das bin ich. So seh ich aus. Immer.

Man fühlt sich schlicht wie ein Zivilfahnder

Zumindest macht der Körper bis jetzt noch keine Kapitulationsanstalten. Wobei, was red ich. Immer häufiger gucke ich beim Fußballspielen auf die Uhr, wie lange ich noch muss. Das wäre mir früher gewiss nie passiert. Mal ganz davon abgesehen, dass die Anzahl der schlechten Spiele signifikant steigt. Wenig verwunderlich - sind die meisten Mitspieler im Schnitt 21. Könnten also nicht nur rein biologisch meine Söhne sein. Netterweise lassen sie noch mitspielen. Gut, ich hab ja auch den Schlüssel für den Platz.

Mit Mitte 20 war ich Wellenreiten und damals schon der Älteste im Surfcamp. Stand jetzt dürfte ich altersbedingt nicht einmal mehr dort einen Kurs machen. Würde es aber wohl auch nicht wollen.

Ich gehe ja auch schon seit Längerem nicht mehr in Clubs. Es ist ja nicht so, dass der jugendliche Ungestüm der Besucher auf einen selbst abstrahlt. Man fühlt sich schlicht wie ein Zivilfahnder.

Hab ich was verpasst? Muss ich eine Bucket List anlegen? Bungeespringen? Motorradfahren? Klavierspielen? Eine Kampfsportart lernen? Spanischkurs? Mehr lesen wäre gut. Mehr reisen sinnvoll.

Ein Generalist der Mittelmäßigkeit

Ich kann so wenig. Zumindest wenig richtig gut. Ein Generalist der Mittelmäßigkeit. Soll ich mich tätowieren? Wenigstens ein Longboard kaufen und in kurzen Hosen mit Cro auf dem Ohr durch die Schanze cruisen? Muss ich die Snoopy-Caps wegschmeißen?

Ich trage Mützen wie ein 14-Jähriger, aber knibble die Aufkleber vom Schild, weil DAS ja albern aussieht. Nun denn... Ist es zu spät für den neuen Selbstentwurf? Mit neuem Logo nochmal Gas geben? Und warum überhaupt?

Willst du dich alt fühlen? Google mal wie Krist Novoselic, der Bassist von Nirvana heute aussieht. Take That sehen auch schon langsam aus wie die Flippers. Versuch mal deine persönlichen Daten im Internet einzugeben und beobachte mal, wie lange es dauert, weiterzuscrollen, bis dein Geburtsjahr angezeigt wird.

Und ja, Menschen, deren Autokennzeichen auf "99" enden, dürfen ein KFZ bewegen. ‪40 ist ein geiles Alter. Ernsthaft. Du hast dieselbe Scheiße im Kopf wie mit 20. Aber deutlich mehr Geld, sie auch umzusetzen.

Brauche ich einen Psychiater?

Andererseits hat sich auch schon eine Menge Besitz angehäuft, der in irgendeiner Form bewirtschaftet werden will. Besitz? Ballast? Brauche ich einen ? So, um aufzuräumen. Was ist, wenn der mir hilft, zu mir selbst zu finden - und es mir am Ende dort gar nicht gefällt?

Klingt ja ganz schön, Mauern einzureißen. Was aber, wenn es eine tragende Wand war. Reicht es nicht, sich mit sich anzufreunden? Wie ein etwas sonderbarer Beifahrer, dessen Anwesenheit aber recht erträglich ist. Man hat es miteinander bislang ja schon ganz gut ausgehalten. Warum bohren? Mir geht es doch gut. Meistens. Das Leben besteht ohnehin nur aus Projektion und Ablenkung. Netflix your life.

Und es sind doch eh nur nochmal 40 Jahre. Nehme ich an. Kann aber auch gut sein, dass das letzte Lebensachtel bereits eingeläutet ist - und ich mache mir was vor. Allein in diesem Jahr habe ich eine ganze Handvoll Gleichaltriger erlebt, die von Zukunftsängsten nicht mehr behelligt werden. Teilweise freiwillig. Häufiger aber auch nicht. Traurig ist beides.

Brad Pitt hat mit 55 noch ein Sixpack

Letztens habe ich wegen einer Nagelbettentzündung Antibiotika genommen. Wäre mir mit 30 gewiss nicht eingefallen. Jetzt aber scheint mir eine Herzmuskelentzündung wegen einer solchen Lappalie nicht mehr gänzlich unrealistisch. Ich wäre beileibe nicht der erste, der sich mit vierzig verabschiedet.

40. Kassensturz. Vieles war großartig. Manches dumm. Weniges richtig scheiße. Glaube ich, dass die Zukunft gut wird? Aber ja doch.

Und doch muss der geschichtsbucheintragsfreudige Narzisst in mir feststellen: Der Spielraum für Großtaten wird langsam kleiner. Macron ist mit 39 französischer Präsident geworden. Buffon erneut ins Champions-League-Finale eingezogen. Ich wiederum habe gerade mit einem Scheuerschwamm erfolgreich eine verkrustete Pfanne freigerubbelt. Immerhin.

Precht musste mit 39 annehmen, sein Auftritt bei Jauchs "Wer wird Millionär" würde DAS Highlight seines Lebens bleiben. Es kam anders. Irgendwie. Martin Suter hat erst mit Ende 40 angefangen, Bücher zu schreiben. Brad Pitt hat mit 55 noch ein Sixpack.

Ich denke an Altersvorsorge

Der Silberstreif ist nicht nur an der Schläfe, sondern auch am Horizont. Ich glaube, dass das Leben noch richtig geil wird. Aber stimmt das? Vielleicht habe ich den Zenit bereits überschritten - und keiner hat's mir gesagt.

Schnettelker, für mich 40 Jahre lang der Spielzeugladen in meiner Heimatstadt, hat dicht gemacht. Als habe man buchstäblich meine Kindheit final abgewickelt und zugeschlossen. Helmut Kohl ist tot. Gottschalk eröffnet jetzt Möbelhäuser. Der Typ von Jamiroquai hat nen Bandscheibenvorfall.

Ich mache Dinge, für die ich mich vor 20 Jahren ausgelacht hätte. Ich gehe nicht gern auf Partys, sondern essen. Ich stehe gerne früh auf und freue mich auf den ersten Espresso des Tages. Ich denke an Altersvorsorge. Und "Markus Lanz" beginnt um 23.15 Uhr.

Gerade ist nichts Großes geplant. Und das ist eigentlich das beste Zeichen von allen. "Niedergelassen" - wie kann etwas reizvoll erscheinen, das schon mit "nieder" beginnt. 

Was sehr hilft: Ich hatte eine glückliche Kindheit

Vor kurzem war ich beim zwanzigjährigen Abitreffen. Einige wirkten geradezu alterslos. Als seien sie in so einer Cryo-Box eingefroren und pünktlich zum Begrüßungssekt aufgetaut worden. Die zwei Dekaden sah man ihnen nicht im geringsten an. Matthias, Tino, Esther. Bin ich einer von denen - oder einer von denen? Nicht leicht, einzuordnen, auf welcher Seite der Alterung ich denn jetzt gerade stehe. So wie die Typen bei Frauentausch, die erst bei der Ankunft vor der Villa erkennen, dass sie in dieser Ausgabe die Asis sind. 

Andererseits: Wenn aus einer gealterten Hülle auch in 30 Jahren noch der kleine Junge hervor blitzt, dann ist das schon in Ordnung. Eine jugendliche Seele kann man sich nicht zusammenbotoxen. Gott, jetzt klinge ich schon wie Körzdörfer von der "Bild". Wahrscheinlich Autosuggestion oder sowas.

Was sehr hilft: Ich hatte eine glückliche Kindheit. Bis heute. Die Familie ist vollzählig. Alle fit und gesund. Das zählt. 

Das Leben ist schön

Alles richtig gemacht? Bestimmt nicht. Aber man bleibt ja immer Lehrling. Und hat man den biologischen Auftrag erst einmal erfüllt, können einen die Träume von damals sowieso am Arsch lecken. Gedanken eines Wohlstandsgebeutelten aus Mitteleuropa.

Ich freu mich auf das, was kommt. Das Leben ist schön. Vor allem für den, der noch mitmachen darf.

Auf die nächsten vierzig. Und mehr lange Hosen ab jetzt.

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