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Helm-Beisi, Kult-Promi Original!

Warum heißt "Helm-Peter" eigentlich "Helm-Peter"? Und ab wann darf man "Promi-" oder "Kult-" als Vorsilbe benutzen? Unser Kolumnist Micky Beisenherz klärt auf über Spitznamen, die allgegenwärtig sind.

Micky Beisenherz

Unser Autor Micky Beisenherz war in seinem Leben schon vieles, aber "Promi-Inder" wird er nicht mehr

Vor wenigen Tagen ereilte die Stadt ein schlimmer Schlag. Nein, nicht dass Sie denken, eine akute Steppjacken-Knappheit bedrohe die Hansestadt. Ganz so verheerend war es nicht. Eine lokal sehr beliebte Postille berichtete darüber, dass der - Zitat - "Promi-Inder schließen muss". Da stellt sich natürlich die Frage, was genau ein Promi-Inder ist.

Allein in Indien leben rund 1, 3 Milliarden Inder, da muss man sich schon ein wenig bemühen, um herauszuragen. Deutschland beherbergt an die 50.000, davon entfallen zirka 3000 auf die Alstermetropole, sodass der Performance-Druck schon etwas geringer wird. Das Präfix "Promi-" stammt offenbar daher, dass er in seinem Restaurant regelmäßig Prominente, aber zum Beispiel auch Carsten Spengemann verpflegte. Was wiederum erklärt, weshalb der Laden schließen musste.

Prominenz endet immer dort, wo Helena Fürst sich aufhält

Die Vorsilbe "Promi" hat in den 2000ern einen beispiellosen Siegeszug angetreten, Boulevardblätter oder Shows aller möglichen Sender wären heutzutage ohne undenkbar.
Von der großen "Promi-Beschneidung mit Jörg Pilawa" bis hin zum "Promi-U-Bahn-Treten der Stars" ist eigentlich nix ausgeschlossen. Die Demarkationslinie, wo Prominenz endet, verläuft übrigens immer dort, wo Helena Fürst sich gerade aufhält. Eine Nachmittagsprogramm-Diva, die von RTL systematisch zur Kratzbaumprominenz aufgepäppelt wurde und die intellektuelle Lücke, die Naddel nach der Frührente gerissen hat, lässig zu füllen vermag.

Wer es nicht zum Promi geschafft hat, der kann immer noch mühelos "Kult" sein. Wer Kult ist, steht relativ selten auf roten Teppichen oder vor Sponsorenwänden, zum Beispiel bei der River-Cola-Alltars-Night oder dem Sommerfest des "TV-Maklers" (ein Makler, der im TV zu sehen ist). Wer Kult ist, tut sich schwer mit Anzügen (sofern sie nicht aus Ballonseide sind) und würde selbst dort, wo beispielsweise ein Silva Gonzalez medienwirksam gut drauf ist noch irgendwie befremden.

Kleiner Tipp für die Wahlkampfveranstaltungen der SPD

"Helm-Peter" Dietz ist so einer. Anfang siebzig, strammer HSV-Fan und sogenannter "Trainingskiebitz". Soll heißen, er ist immer dort zugegen, wo irgendeine Mannschaft des Hamburger Sport Vereins gerade trainiert. A-Mannschaft, U-21, U-19, U13, ja, angeblich soll er schon in Kreißsälen gesichtet worden sein, um den schenkelwarmen Nachwuchs eines frisch ervaterten Rautekickers aus dem "Spielertunnel" (verzeihen Sie) zu peitschen.

Dieser Mann ist ein Faktotum, ein Maskottchen im Menschengewand.

Gegen Peter Dietz ist der durchschnittliche Schalke-Anhänger ein Phlegmatiker im feinen Zwirn, ergo ist er "Kult-Fan". Und weil er den Helm, den er auch Stunden nach dem Absteigen von seinem Elektrofahrrad nie abnimmt, so konsequent weiter trägt, heißt er im Volksmund nicht nur "Helm-Peter", sondern "Helm-Peter Kult-Fan". Die Sympathiewerte sind im Übrigen dermaßen hoch, dass Martin Schulz vielleicht darüber nachdenken sollte, Wahlkampfveranstaltungen der künftig als behelmter Zaungast zu besuchen, um als "Helm-Schulzi Kult-Sozi" das Feld von ganz hinten aufzurollen. In Anbetracht der aktuellen Umfragewerte eine nicht mehr so abwegige Idee.

Wo kommen diese Spitznamen her?

Nochmal einen unter Kult ist das "Original". Wer ein Original ist, ist in die normalzivile Gesellschaft im Grunde genommen gar nicht mehr einzugliedern. So gibt es "Ruhrgebiets-Originale", die eigentlich nichts anderes machen, als bei Bratwurst und Senf auf einem Campingplatz in Hamm in ein Regionalmagazinsmikrofon zu rülpsen oder als Kölsches Original zwischen dem siebten und achtzehnten Kölsch in schlaganfallverdächtigem Singsang einem Ziegenbock die Gesamtverantwortung für die Geschicke der Domstadt durch den architektonisch interessanten Schnäuzer hindurch zu übertragen.

Die oben bereits kurz erwähnte Nadja Abd el Farragh hat es unlängst sogar schon zum "Promi Original" gebracht, was vermutlich dem Umstand geschuldet ist, weil es keinem Redakteur mehr möglich war, ihr auch nur das geringste Spurenelement von Beruf zu unterstellen. Wo genau kamen diese eigentlich her? Vermutlich da, wo manch einer sich noch was ganz anderes geholt hat, als ein neues Image: Der Kiez.
Irgendwann in den Jahren nach Toiletten-Thommy, Inkasso-Henry und der Nutella- Bande muss sich ein Geist verbreitet haben, dass es in unserer hektischen Zeit schnell gehen muss und niemand Lust auf lange Erklärungen hat, um wen es sich da jetzt gerade wieder handelt.

"Pleite-Boris" braucht jetzt mindestens 17 Dschungelcamp-Teilnahmen

So wurde der Name zu einer Art Wikipedia-Artikel und diese Neologismen längst Teil unseres Sprachgebrauchs: Wer erinnert sich nicht an "Lotto-Lothar", "Franzi van Speck" oder "Turbo-Rolf", diesen fahrerisch etwas unbegabten Mercedes-Mitarbeiter, den man bitte nicht mit "Florida-Rolf" verwechselt.

Es waren tolle Jahre mit Schumi II und Schumi I, der zwischenzeitlich auch unter "Schummel-Schumi" firmierte, was zwar unschön war, aber längst nicht so nachhaltig wie die Baisse von Boris Becker, den man in den nächsten Jahrzehnten nur noch als "Pleite-Boris" kennen dürfte. Es sei denn natürlich, er befreit sich mit der Teilnahme an zirka 17 Dschungelcamps aus dem gröbsten finanziellen Schlamassel.

Hier geht's um Schmerzabbau!

Dass die Vorsilbe "Pleite" jetzt einfach so an eine Einzelperson vergeben wurde, mag die Griechen erleichtern, die bis dato singulär für Misswirtschaft standen, während Begriffe wie "Suff-Briten" oder "Gaga-Türken" streng genommen Tautologie sind, machen wir uns nichts vor. Warum ich Ihnen all das erzähle? Es geht hier schlicht um Schmerzabbau. Immerhin firmiere ich in Print- und Bewegtbilderzeugnissen entweder unter "Dschungelautor", "Bürgermeisterneffe" oder - ja, auch das gab es schon - "Ruhrpott-Original". "Promi-Inder" werde ich in diesem Leben nicht mehr werden.

Falls Sie einen Vorschlag für ein nachhaltiges Attribut haben - nur her damit! Bis dahin werde ich mich ein paar mal auf der A1 blitzen lassen, um bis Ende September mein Power-Image zu zementieren.

Herzlichst, Ihr Turbo-Beisi


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