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Zeit für einen Wechsel oder: Schöner erpressen

Autor Micky Beisenherz guckt Fußball nur noch, weil es seinem Leben Struktur verleiht. Das Millionen-Geschachere um die Spieler verhindert, dass der Sport noch berührt. Jüngstes Beispiel: der Fall Ousmane Dembélé.

Hat er es also endlich geschafft: Ousmane Dembélé wechselt zum FC Barcelona. Und dafür musste er gerade einmal zwei Wochen streiken. Glückwunsch. In Dortmund sagt man Tüss.
Sportlich ein wenig schade, aber dieser Verein hat zuletzt mehr Menschen kommen und gehen sehen als so mancher Bahnhof. Es wird zu verkraften sein, und der gemeine Fan denkt sich insgeheim: Wenn wir schon gef***t werden, soll man uns wenigstens schön was auf den Nachttisch legen.

Der BVB hat alles richtig gemacht: Den Spieler suspendiert, hart geblieben - und zumindest finanziell das Beste aus der Situation gemacht. Eine Situation, in der dem Club sportlich die Hände gebunden waren. Den Spieler Dembélé jedenfalls hatten sie bereits längst abschreiben müssen, die Handelsware Dembélé hingegen nicht. Oder wie es der geschätzte Kollege Lucas Vogelsang unlängst so schön ausdrückte: Normalerweise wirst Du erpresst und zahlst 150 Millionen - hier zumindest bekommst du sie.

Eine geisteskranke Branche ist vergiftet

Hoffentlich legen sie das Geld beiseite und warten, bis die Szene wieder zur Besinnung kommt. Vielleicht sind 150 Millionen bald wieder etwas wert. Zur Zeit erinnert das, was auf dem Markt los ist, alles mehr an den Simbabwe-Dollar. Plötzlich musst Du sogar für einen Spieler aus Mainz oder Freiburg 20 Millionen abdrücken.
Katar hat Neymar als sein außenpolitisches Symbol. Die Kohle ist auf dem Markt - und vergiftet eine ohnehin geisteskranke Branche vollends.

Nicht, dass der Fußball früher ein Geheimklub internationaler Ehrenmänner gewesen sei (man erinnere sich an den Skandal 1971), aber was gerade passiert, lässt den durchschnittlichen Fan schon etwas ratlos zurück. Dembélé streikt sich zu Barcelona, Barcelona will Coutinho von Liverpool, woraufhin der auch keine Lust mehr auf seinen Verein hat, und Monacos Mbappé ist seit dem Angebot der Kataris von Paris auch zu nichts mehr zu gebrauchen. Teilweise wurden nicht einmal mehr die Wappen geküsst.

Dabei mache ich den Spielern noch den geringsten Vorwurf. Aufgewachsen als irgendetwas zwischen Rennpferd und Kindersoldat werden sie in einen Tunnel namens Fußballerjugend geschickt. Dort wird ihnen alles abgenommen, was irgendwie noch einen Bezug zum normalen Leben herstellen könnte, dafür hängen ihnen pausenlos Berater, Scouts oder im schlimmsten Falle überambitionierte Väter in den Ohren, die ihnen einreden, dass sie bereits die Größten seien und im Grunde genommen woanders viel mehr wertgeschätzt würden.

Mancher Jungspieler führt sich auf wie eine Mischung aus Klaus Kinski und Mariah Carey

Die Selbstdefinition abseits des Feldes entsteht fast ausschließlich über die Größe des Wagens auf dem Parkplatz oder den Kabinentalk über Gehälter und die jeweilige Ablösesumme. Die Position auf dem Rasen bestimmt der Trainer - die auf dem Affenfelsen exakt diese traurigen Parameter. Bevor man sich zum Playstation spielen in irgendeinen karg eingerichteten, sterilen Neubau zurückzieht.

Wenig verwunderlich also, warum sich so mancher Jugendspieler bereits aufführt wie eine Mischung aus Klaus Kinski und Mariah Carey. Es ist ein Jammer. Dass Siebenjährige mittlerweile schon jeden Torjubel beherrschen, bevor sie überhaupt einen Ball stoppen können, ist da nur eine traurige Fußnote.

41 Millionen für Tolliso? Das is ja gerade mal die Kniescheibe von Neymar

Vielleicht haben die Bayern ja auch recht, dieses internationale monetäre Schwanzlängemessen nicht mitmachen zu wollen. Wenn man bedenkt, dass gerade Spieler für bis zu 100 (!) Millionen über Marktwert gekauft werden, durchaus nachvollziehbar. Dann sollte man sich allerdings darauf einstellen, dass die nächsten Jahre in der Champions League im Viertelfinale Feierabend ist. Um ehrlich zu sein fände ich es auch ganz witzig, würden die Bayern in der Gruppenphase Paris auseinander nehmen - quasi als Vertreter des "alten Europa".

(Dass ich den Bayern bei IRGENDWAS die Daumen drücke, habe ich natürlich nie gesagt.)

100 Millionen in ein Leistungszentrum für die Jugend zu investieren halte ich jedenfalls für den richtigen Schritt. Zu lesen wiederum, dass Tolliso mit 41,5 Millionen bereits der teuerste Transfer der Bundesliga ist, beschämt mich als Deutscher schon fast. Das ist gerade mal die Kniescheibe von Neymar.

Ronaldo? Schnarch!

Aber was willst Du auch machen. Das berühmte und fast schon sagenumwobene Festgeldkonto des sympathischen Manufactum-Vereins aus dem Süden gibt auch gar nicht mehr genug her, um mit den Großen mitzuhalten. Es sei denn natürlich, man will die Kasse komplett leeräumen für einen (!) Spieler.

Richtig blöd finde ich, dass ich mitunter schon gar nicht mehr weiß, welcher Spieler gerade mit wem wo wann bei welchem Verein spielt - oder womöglich schon längst in China ist. Natürlich weil er schon als Kind in Bettwäsche von Guangzhou Evergrande geschlafen hatte. Es lässt mich leider auch erschreckend kalt, dass "mein" BVB in der Champions League Gruppenphase auf Real Madrid trifft. Ronaldo? Meh. Der kommt hier regelmäßig her.

Um ehrlich zu sein, gucke ich Fußball nur noch, weil es meinem Leben Struktur verleiht.

Kein Wunder, dass die Fans zu den Bratwurstligisten ziehen

Richtig berühren? Das gelingt ihm nur noch selten. Vielleicht, wenn ich sehe, wie Klopp sich freut, wenn Liverpool in die Champions League einzieht. Aber in Klopp bin ich ja eh verliebt.
Wenig verwunderlich, dass sich mehr und mehr Fans in die gefühlsechteren Regionen zurückziehen. Die Bratwurstligen, irgendwo zwischen Wattenscheid 09 und Altona 93, wo Vereinstreue noch ein Wert ist. Und sei es nur deshalb, weil einfach keine Angebote reinkommen.

Und Barcelona? Die können sich jetzt erst einmal über einen zumindest sportlich herausragenden Spieler freuen - zumindest, bis im nächsten Jahr Manchester City anklopft und ihm auffällt, dass er schon lange nicht mehr gestreikt hat. Aber vielleicht erbarmt sich ja auch Paris St. Germain und kauft ihn da raus. Mehr als 300 Millionen Ablösesumme werden es ja kaum sein.


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