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11. Dezember 2004, 07:17 Uhr

Der Traum des Maestros

Der Dirigent und die Zigeunerin: Daniel Barenboim mit Hauptdarstellerin Marina Domashenko in einer Probenpause zu George Bizets "Carmen"© Ute Mahler

Überhaupt - das ganze Leben ist eine Frage des richtigen Tempos, in der Musik wie in der Politik. Inhalt und Geschwindigkeit müssen zusammenpassen. Daran sei auch der Friedensplan im Nahen Osten gescheitert: Die Vorbereitung sei zu knapp gewesen, die Umsetzung zu langsam, sodass alles zerfiel. Das sei so, wie wenn er eine Beethoven-Einleitung ganz schnell spiele und den Hauptteil schleppend, und keiner könne die Musik mehr verstehen.

Sein eigenes Lebenstempo ist von Anfang an druckvoll, molto presto gewesen. Vielleicht hat es auch daran gelegen, dass die Berliner Philharmoniker ihm 1999 Simon Rattle als Chefdirigenten vorzogen, dass ein Jahr später Berlin drauf und dran war, sich von ihm zu trennen und einige Pressevertreter ihm bereits hämische Abschiedskränze flochten.

Für Berlin wäre das musikalisch allemal ein Verlust gewesen. Barenboim hat seine Schlüsse gezogen: 2002 gab er die künstlerische Leitung der Lindenoper ab, die er zehn Jahre lang innehatte, und ist jetzt "nur noch" Generalmusikdirektor. Ende der Spielzeit 2005/2006 wird er auch in Chicago aufhören. Er braucht diese Zeit. Er will wieder mehr Klavier spielen und sich verstärkt dem "West-Östlichen Diwan" widmen können. 1999 hat er dies Orchester, in dem 80 junge Musiker zwischen 15 und 27 aus Israel, den palästinensischen Gebieten, aus Syrien, Jordanien, dem Libanon und Ägypten gemeinsam musizieren, mit seinem palästinensischen Freund Said in Weimar gegründet.

Er ist einer der wenigen Musiker, die auch politisch dezidiert Stellung beziehen. "Die Besatzung ist das Krebsgeschwür der israelischen Gesellschaft," sagt er etwa und: "Der Zaun ist ein Fehler. Wir müssen keine Mauern bauen, sondern Brücken." Sein jüngstes und vielleicht wichtigstes Projekt ist der Aufbau eines Jugendorchesters und eines Musik-Kindergartens in Ramallah. Er glaubt, dass es für den Nahostkonflikt eine militärische Lösung nicht geben kann. Eine musikalische gewiss auch nicht, aber allein die Tatsache, dass dieses Jugendorchester existiert, ist eine Sensation. Jede Stunde Musikunterricht ist eine Stunde weg von Hass, Gewalt und Fundamentalismus. "Sie sind das Erste, was aus Israel kommt und kein Panzer oder Soldat ist", sagte ihm eine 14-Jährige in Ramallah.

Als Barenboim im mai in der Knesset den renommierten Wolf-Preis erhielt, nutzte er die Gelegenheit für einen scharfen Angriff auf Israel: Kein Volk habe das Recht zu erobern und zu besetzen, "am wenigsten das jüdische Volk". Seine Rede löste in Israel Empörung aus, er sei "ein großer Künstler, aber ein kleiner Mann", ließ sich Erziehungsministerin Limor Livnat vernehmen. Unterdessen orderte Barenboim in Hamburg einen Steinway für Ramallah. "Wir sind doch keine Statisten auf der Bühne der Politik", sagt er. "Als Musiker können wir schon heute mit dem Frieden anfangen." Man müsse es einfach machen, "man schläft dann nachts besser". Unlängst träumte er da, er sei der Ministerpräsident Israels und habe endlich Frieden mit den Palästinensern geschlossen. Der Frieden habe gehalten, bis er aufgewacht sei.

Christine Claussen

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