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2. April 2006, 06:53 Uhr

Der Zivi der Nation

Der Junge mit der Harmonika: Florian Silbereisen in der Magdeburger Bördelandhalle© Erik Weiss

Leute verarschen? Kann der Raab besser. Harmlose Mitbürger beleidigen? Soll der Pocher machen. Interessiert Silbereisen nicht. Könnte er auch gar nicht. Sein Vorbild ist Peter Alexander.

Nach dem Erfurter Auftritt sitzt Silbereisen an der Hotelbar vor einem Glas Rotwein, weil Weißwein ihm Sodbrennen macht, und steckt sich eine Marlboro Medium an. Das Rauchen möchte er sich auf der Tour abgewöhnen. Und abnehmen. Aber wenn dann nachts wieder der DJ Ötzi mit einer Tüte von McDonald's ankommt wie neulich, wird das schwierig.

Die Bedächtigkeit seiner Bühnensprache ist einer jugendlichen Lockerheit gewichen, und er gibt sich auch nicht mehr so viel Mühe mit dem Hochdeutschen. Er lacht über Witze, die gar nicht rentnerfrei sind, und wenn ihn etwas erstaunt, sagt er nicht "Mein lieber Freund!", sondern ruft: "Leck mi nieder!" Er erzählt vom Tauchen und vom Tennisspielen, und irgendwann hat man das Gefühl, einem ganz normalen 24-Jährigen gegenüberzusitzen. Wenn man ihm dann aber sagt, dass viele junge Menschen angesichts einer jodelnden 86-Jährigen schreiend davonlaufen würden, kann er das nicht so richtig nachvollziehen. Silbereisen würde sich auch nie abfällig über sein Publikum äußern, nicht einmal nach dem dritten Wein. "Es ist schön, wenn man einen guten Draht hat zu älteren Leuten", sagt er. "Ich hab großen Respekt vor ihnen."

Stellt man sich die ARD als Altersheim vor und die Zuschauer als Bewohner, dann ist Silbereisen der Zivildienstleistende, der den bunten Abend veranstaltet. Bevor er zum Zivi der Nation wurde, war er Zivi im niederbayerischen Vilshofen, im Haus der Senioren. Morgens las er den Bewohnern aus der Zeitung vor - und dachte sich bei öder Nachrichtenlage auch mal einen Banküberfall aus.

Autogramme für Leipzig: Ins Hotel geht's erst, wenn alle Fans glücklich sind© Erik Weiss

Das Haus der Senioren ist aus Backstein, dahinter liegt ein Park. In einem Rollstuhl auf dem Flur sitzt Therese Niedermaier, 78; ihr Aschenbecher quillt fast über. Zivi Silbereisen und sie, das war wie Omi und Enkel. "Schön war er!", sagt die Frau Niedermaier, und dass er mit ihr einkaufen gegangen ist. Das Sprechen bereitet ihr Mühe, aber ihre Augen glänzen. Zweimal hat er ihr auf der Harmonika ein Konzert gegeben, nur ihr, auf ihrem Zimmer. Ein weiterer Bewohner schaltet sich ein: "Der Silbereisen hat an' Charakter! Der kann den Leut' in d' Augen schaun! Aber er hat sich hier lang nimmer sehen lassen." Und der Heimleiter, der Herr Lechner, sagt, das müsse man verstehen, "der ist jetzt nicht mehr unser Florian, der gehört jetzt vielen".

2003 kaufte das ZDF der ARD Carmen Nebel weg, die Moderatorin der beliebten "Feste der Volksmusik". Programmdirektor Günter Struve, also so was wie der Heimleiter der ARD, gab die Parole aus: Nachfolgen müsse eine wie Nebel: Frau, blond, aus dem Osten. Stefanie Hertel zum Beispiel. Udo Foht, Unterhaltungschef des für die Show zuständigen MDR, schlug Silbereisen vor. Wen?, fragte Struve. Na, den Jungen mit der Harmonika. Ach der, sagte Struve, ohne zu wissen, von wem die Rede war.

Manche sagen, nicht mal Silbereisens damaliger Manager Hans R. Beierlein sei von der Wahl überzeugt gewesen. Was der freilich bestreitet. Beierlein, 76, hat Udo Jürgens groß gemacht und Gilbert Bécaud nach Deutschland geholt. Heute produziert er noch Silbereisens Platten, das Management hat Michael Jürgens, 38, übernommen, der Erfinder der "Feste der Volksmusik". Bei ihm fühlt Silbereisen sich besser aufgehoben.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 13/2006

 
 
 
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