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4. Oktober 2008, 07:13 Uhr

Amoklauf zu bayerischer Musik

Matti Juhani Saari tötete bei seinem Amoklauf in Finnland zehn Menschen. Er nannte sich im Internet "Wumpscut86"© AFP

"Elektro-Industrial" wird genannt, was Ratzinger mit Hilfe des Computers zusammen mixt. Manche bezeichnen diese Stilrichtung des melancholisch-düsteren Gothic-Rock als "Endzeit-Industrial". Warum, ist kaum zu überhören: Die Musik ist monoton, hart und aggressiv. Sporadisch streut Ratzinger Textzeilen wie "Tot tot tot, ich mach dich tot, tot tot tot, von Blut alles Rot" ein. Seinen Alben gibt Ratzinger Namen wie "Cannibal Anthem" (das im Jahr des zweiten Gerichtsverfahrens gegen den Kannibalen von Rotenburg erschien), "Music for a Slaugthering Tribe" oder "Blutkind". Die Lieder heißen "Untermensch" oder "Totmacher", die CDs zieren Bilder von schrägen Comicfiguren, aber auch Verbrechern, Leichen oder Skeletten.

Die Gothic-Szene wehrt sich

Bluttriefende Texte und hämmernder Bass. Reicht das alleine aus, um aus einem jungen Menschen einen Mörder oder gar einen Amokläufer zu machen? Nein, sagen übereinstimmend Soziologen, Musikexperten und Gothic-Fans. "Man kann dafür nicht die Musik oder die Musiker verantwortlich machen", sagt Philip Akoto, Autor einer soziologischen Untersuchung über die Gothic-Szene und selbst Rock-Musiker. Es sei wie bei Gewalt-Computerspielen, meint Akoto. "Bei einer solchen Tat stecken andere psychische Störungen dahinter." Ähnlich argumentiert Torsten Schäfer vom Szenemagazin "Sonic Seducer". "Die allermeisten Gothic-Fans sind ganz normale friedliche Menschen. Die Musik alleine wird niemanden zu Gewalttaten anstiften." Aber der Soziologe und Akato gibt zu: "Die Musik und die Texte von Bands wie Wumpscut sind darauf angelegt, missverstanden zu werden. Und das muss nicht sein."

Dem Magazin "Zillo" sagte Ratzinger nach dem Satansmord von Witten: Er könne "nichts oder nur sehr wenig dafür,“ wenn sich Fans wie das Paar von Witten "derartig versteigt". Auch seine Anhänger wollen keinen Zusammenhang zwischen der Wumpscut-Musik und den Gewalttaten sehen. "Alle Schwarzträger, Gothics und Metalfreaks sind potentielle Amokläufer. Ich kanns nicht mehr hören", schrieb ein Fan einige Tage nach dem Zehnfachmord von Finnland auf der Myspace-Seite von Wumpscut. "Weiter so und fuck the Mainstream" schreibt ein anderer.

Verbindungen ins rechte Milieu

Rudy Ratzinger kann sich auf das Verständnis seiner Anhänger verlassen. Eine Unterstützung, die allerdings einem Mann gilt, der offen mit Neonazi-Symbolik kokettiert. So hat Ratzinger mit der Band "Blutharsch" zusammengearbeitet, die nach einem Urteil des Landgerichtes Frankenthal als Neonazi-Band bezeichnet werden darf. Auch hat Ratzinger nach Angaben des Magazins "Sonic Seducer" für seine Lieder Sprachausschnitte von NS-Richtern verwendet. In einem Wumpcut-Song sagt eine Kinderstimme deutlich hörbar: "Eines Tages werden wir die ganzen dreckigen Nigger und Juden töten und dann wird alles sauber sein." Einem seiner Alben hat Ratzinger den - auf Menschen bezogen - historisch belasteten Namen "Schädling" verpasst, eine andere Wumpscut-CD heißt "Music for a german tribe".

Worte, die bei Rechtsextremismus-Experten die Alarmglocken klingeln lassen. "Was Herr Ratzinger betreibt, riecht nach Verherrlichung des Nationalsozialismus. Das geht in den Bereich der Volksverhetzung", sagt Anton Maegerle, der seit vielen Jahren die rechte Szene beobachtet. Auch der Name "Wumpscut" ist Maegerle ein Begriff. Unter den bekennenden Fans seien Neonazis aus Deutschland und Großbritannien.

Ratzinger selber ließ auf seinen CDs verlauten: Wumpscut sei weder faschistisch noch rassistisch und auch sein Freund aus der Jugendzeit sagt: "Rudy ist ganz bestimmt nicht rechts." Doch das reicht dem Magazin "Sonic Seducer" nicht, sagt Thorsten Schäfer: "Wir boykottieren Ratzinger, weil er sich nie wirklich glaubwürdig von der Band Blutharsch und den Rechtsextremismus-Vorwürfen distanziert hat."

Überhaupt scheint Ratzinger nichts von offensiver Öffentlichkeitsarbeit zu halten. Eine Interview-Anfrage von stern.de ignorierte der Wumpscut-Macher. Fragen beantwortet Ratzinger grundsätzlich nur per email, heißt es in der Szene. Unangenehme Nachfragen schließt er so aus. In den email-Interviews liebt es Ratzinger aber, das Ekel zu geben: Auf die Frage des Webmagazins "ragazzi.com" warum er denn gerne mit einem Präparator in der Pathologie sein Frühstücksbrötchen essen will, antwortet er: "Weil geronnenes Blut eine ähnliche Konsistenz wie Nutella hat".

Derweil spukt der schreckliche Rudy weiter durch Gangkofen, wenn auch nur virtuell. Auf der Wikipedia-Seite, die Gangkofen gewidmet ist, wird unter der Rubrik "Söhne und Töchter der Stadt" ein einziger Name aufgeführt: "Rudolf Ratzinger, *1966, Musiker"

Von Malte Arnsperger
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