
Der deutsche Rapstar Sido© Sascha Schuermann/DDP
In der Heimat des Rap, den Schwarzen-Ghettos der USA, war die Musik immer auch stark von der Kirche beeinflusst. Für Teile der christlichen Religion gilt Homosexualität bis heute als Sünde. HipHop und Rap als stärkste Stimme der schwarzen Kultur hätten diesen Glauben angenommen und weitergegeben, schreibt Dean. Auch die Geschichte der Sklaverei hat Einfluss genommen: Homosexualität gilt vielen als Instrument der "weißen Unterwerfung", als Werkzeug des Rassismus, denn männliche Sklaven wurden mit Vergewaltigung erniedrigt. Diese Erklärung wird unter anderem auch als Grund für die jamaikanische "Mördermusik" angeführt - den zum Teil extrem homophoben Dancehall eines Beenie Man oder Bounty Killer. Und schließlich findet sich auch noch ein eher praktischer Grund: Ihr Lebensstil führe Rap-Musiker immer wieder ins Gefängnis. Wenn dort nicht von vornherein klar sei, dass es sich um einen ganz harten Kerl handelt, bestehe die Gefahr des Missbrauchs, meint ein amerikanischer Konzertmanager. Homophobie als Präventivmaßnahme? Hetero von Berufs wegen Auf jeden Fall funktioniert Homophobie als Abwehr der ultimativen Bedrohung für die Männlichkeit. "Je mehr hetero jemand ist, desto mehr wird er akzeptiert", schreibt Dean. Heterosexualität ist also eine Berufsanforderung für Rapper. Und die würden einige sogar trainieren, behauptet der Autor. Wer hat eigentlich gesagt, dass Rap eine progressive Jugendkultur sei?
Die traurige Wahrheit ist, dass es unter anderem wegen der Popularität dieser Musikrichtung heute für junge Schwule in Deutschland schwieriger geworden ist, ein angstfreies Coming Out zu haben, wie die "taz" jüngst feststellte. "Dieser Hass hat großen Einfluss auf die Jugendkultur", bestätigt die Sprecherin des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland. Die schlechte Nachricht ist, dass es rein gar nichts bringt, die Künstler und ihre Musik verbieten zu wollen, so wie es Politik und Interessenverbände immer wieder fordern. Eminem wusste bereits vor acht Jahren: "Je mehr ich angegriffen werde, desto mehr Alben verkaufe ich." Der Warnaufkleber auf CDs gilt als Adelsschlag. Denn wie Sido 2003 schon bemerkte: "Als Jugendlicher hast du keinen Bock auf positive Vorbilder".

Ein Interview mit dem Rapper Bushido finden Sie im neuen stern. Vorwürfen, er sei sexistisch und homophob, begegnet der Rapper mit dem lapidaren Hinweis: "Gehen Sie mal auf einen x-beliebigen Schulhof in Berlin. Da sprechen die Kids so."
Die gute Nachricht: Die große Aggressivität des Pöbelpersonals spricht dafür, dass die Gesellschaft ein gutes Stück weiter gekommen ist. Die Hassraps wären demnach das verzweifelte Aufbäumen der Zurückgebliebenen, die fürchten, von der liberalen Gesellschaft überholt zu werden. Angstbeißen als Reaktion auf die zunehmende Gleichstellung von Homosexuellen, den Wandel des klassischen Rollenbildes und dessen Femininisierung. Also Hände in den Schoß legen und aufs Ende der populären wie gefährlichen Dummheit hoffen? Wenn auch keine Selbstkorrektur, so ist doch eine auch von langsam einbrechenden Zahlen im Rap-Geschäft befeuerte Besserung in Sicht: Die Hoffnungsträger kommen wieder aus Amerika, nennen sich HomoHopper und bedienen sich des guten alten wie auch schwulen Popwerkzeugs Travestie: Ihr bekanntester Vertreter ist Deadlee. Er sieht zwar aus, als sei er der beste Kumpel von 50 Cent, doch steht dieser tätowierte Fleischberg offen zu seiner Homosexualität. Die Helden seiner Songs sind schwul. Er dreht die Bedeutung des Wortes ins Positive um. Richtig, genauso wie die Ur-Rapper N.W.A. das einst mit "nigga" gemacht haben, um dessen rassistische Bedeutung ad absurdum zu führen. Seitdem ist es in fast jedem Rap-Text zu hören. Demzufolge wäre ein Erfolg des HomoRap nur logisch. Und dann ist die "schwule" plötzlich auch die "coolste Sau" auf dem Schulhof.
Mitarbeit: Christian Weiß