Und auch noch acht Jahre nach seinem Tod zerren sie an der Legende, kämpfen um das musikalische Erbe. Nach einem Gerichtsstreit haben sich Cobains Witwe Courtney Love und die Nirvana-Mitglieder Dave Grohl and Chris Novoselic kürzlich darauf geeinigt, eine Nirvana-Best-of-Platte auf den Markt zu werfen, die als ein garantierter Millionenerfolg gilt. Höhepunkt: das bisher unbekannte Stück »You Know You're Right«, das der Sänger ein paar Monate vor seinem Tod aufnahm. Anfang November werden weltweit seine Tagebücher veröffentlicht. »Kurt Cobains Macht aus dem Grab war nie größer«, freut sich das britische Musikblatt »Q«. Der tote Cobain wird auch heute noch als Rock-Messias gefeiert. Als ein Star, der niemals einer sein wollte.
Doch Kurt Cobain war anders.
Er war kein Antiheld, sondern ein vom Wunsch nach Anerkennung Getriebener, der jeden Schritt auf dem Weg zum größten Rockstar seiner Generation pedantisch plante. Ein Mann, der Volvo fuhr, weil er gelesen hatte, dies sei der sicherste Wagen der Welt, und sich gleichzeitig Unmengen von Heroin in die Adern jagte, was ihn regelmäßig an den Rand des Todes brachte. Wer die schizophrenen Abgründe des Kurt Cobain verstehen will, der muss weit zurück in seine Kindheit blicken.
Kurt Donald Cobain wird am 20. Februar 1967 in Aberdeen, einer Kleinstadt im nordwestlichsten Zipfel Amerikas, geboren. Er ist das Kind einer stürmischen High-School-Liebe. Vater Don, 21, ist linkisch und schlank, trägt eine Buddy-Holly-Brille, Mutter Wendy, 19, ist eine Schönheit, die alle nur »Breeze« (Brise) nennen. Ihre Eltern sind gegen diese Liebe. Wendy und Don müssen heimlich nach Idaho fahren, wo man auch ohne Einwilligung der Eltern heiraten kann.
Das Geld ist knapp. Don macht für einen Hungerlohn Überstunden als Automechaniker an einer Tankstelle, während Wendy sich im winzigen Hinterhof-Bungalow um den kleinen Kurt kümmert. Der aufgeweckte blonde Junge ist bald das einzige Bindemittel ihrer Beziehung, die von Alltagssorgen erdrückt wird.
Für Kurt spielen sie heile Familie. Sie fahren nach Disneyland, kaufen ihm ein Mickymaus-Kinderschlagzeug, auf das der Kleine zu jeder Tageszeit eindreschen darf, und filmen jeden seiner Schritte mit einer Super-8-Kamera, die sie sich eigentlich nicht leisten können. Doch langsam beginnt die Fassade zu bröckeln. Don und Wendy verstecken ihre Wut aufeinander nicht mehr hinter verschlossenen Türen. Sie hassen sich jetzt offen. Schreien und schlagen sich. Und im Februar 1976, eine Woche nach Kurts neuntem Geburtstag, kommt der endgültige Bruch. Die Scheidung.
Kurt fühlt sich verraten, ins Abseits geschoben, um seine Zuneigung betrogen. »Ich hasse Mom, ich hasse Dad. Dad hasst Mom, Mom hasst Dad. Man möchte einfach nur traurig sein«, schreibt er an die Wände seines Schlafzimmers.
Vielleicht ist das der Augenblick, in dem Kurt Cobain beginnt, sich ein zweites Ich zu schaffen. Eine Ersatz-Identität, die ihn schützen soll gegen die Welt da draußen, die er zu hassen beginnt. In seinem Tagebuch wird er sich von nun an »Kurdt Kobain« nennen.
»Ich werde der größte Rocksuperstar, bringe mich um und mache einen flammenden Abgang. Ich möchte reich und berühmt werden und mich umbringen wie Jimi Hendrix.« (Kurt Cobain zu einem Schulfreund)
In der Schule lässt er sich nur selten blicken. Er versteckt sich in seinem Zimmer, wo er Marihuana raucht und LSD schluckt. Er ist 14 und hat seine erste Gitarre, ein billiges Ding aus Japan. Er spielt, bis die Fingerkuppen schmerzen. Punkrock. Viele Stunden, jeden Tag.