In erster Linie glaube ich an die Feier der männlichen Sexualität. Ich glaube aber, dass auch Frauen eine eigene Sexualität haben und sich ihrer bedienen sollten - dass sie sich Männern so bemächtigen sollten, wie die Männer es mit Frauen tun. Frauen sollten eine selbstbewusste, freie, aus sich selbst heraus kommende Sexualität verfolgen, in der Männer wie Spielzeuge sind. So was finde ich gut. Ansonsten erkenne ich die Verdienste der Frauenbewegung aber durchaus an.
Dass wir alle unsere Wunden zur Schau stellen, die Schadensprofile, die das Leben in unseren Seelen und unseren Körpern hinterlassen hat - ob wir wollen oder nicht.
Erst mögen Sie meine Kostüme nicht, dann befremdet Sie meine Sexualität - und jetzt wollen Sie mich auch noch als verzogene Göre verkaufen? Warum interviewen Sie mich überhaupt, wenn Sie mich nicht leiden können?
Gut, ich werde das Interview fortsetzen. Ich weiß nicht, ob ich mich richtig erinnere, aber in den Essays von Montaigne gibt es ein Mädchen, das ständig Fragen stellt. Irgendwann kommt dieses Mädchen auf die Idee, dass man die Welt anhalten oder sie verändern kann, wenn alle Menschen an die gleiche Stelle gehen oder die Luft anhalten. Als diese Art Mädchen möchte ich in Erinnerung behalten werden: Als jemand, der die Welt verändern wollte. Und der sie vielleicht sogar verändert hat.
Die Menschen sollen in der Illusion leben, dass sie gaga sein können, wenn sie es nur wollen, dass schräg sein nicht schlimm ist, sondern gut - egal, ob sie ein stoisches deutsches achtjähriges Mädchen sind oder eine fettleibige Dragqueen aus La Crosse. So etwas in der Art hat eben auch Montaigne gesagt: Menschen sollen freundliche Felsen sein, die dem Meer aus Langeweile trotzen, der Gleichförmigkeit - und dem, was die Gewöhnlichen real nennen.
Sie sollen sich selbst belügen, jeden Tag aufs Neue sollen sie sagen: "Mein Traum kann Wahrheit werden!" Irgendwann wird aus der Lüge dann Realität, ganz automatisch. Bei mir hat es jedenfalls funktioniert, ich lebe und atme gaga, ich mache keinen Unterschied, ob ich auf der Bühne bin oder mich mit jemandem unterhalte, etwa jetzt, in diesem Augenblick. Mein Leben ist ein Auftritt, der nie zu Ende geht. Jeder Moment ist mit allen anderen Momenten verbunden, und alle werden gaga sein. Jeder kann das tun. Jeder ist frei, sich zu erfinden.
Warum hat Piet Mondrian quadratische Flächen gemalt? Weil er von der Schönheit einfacher Dinge besessen war! Warum hat Andy Warhol Tomatendosen gemalt? Weil ihn die Vereinigung von Trash und bildender Kunst faszinierte! Aus diesen Gründen ist meineMusik einfach und für alle zu genießen. Ich bin aber viel mehr als meine Songs: Lady Gaga, das sind meine Bühnenshows, das werden die Künstler sein, die ich berühmt mache ...
Warum denn nicht? In "Pokerface" geht es um eine Frau, die einen Mann trifft, aber eigentlich lieber mit einer anderen Frau schlafen würde. "Just Dance" thematisiert die totale Selbstvernichtung in einem Club. Das Lied spiegelt die Zerrissenheit meiner Seele, denn wie die meisten Künstler trage ich einen Aufruhr, einen Sturm in mir herum. Man muss die Dinge, an denen man täglich zu scheitern droht, wirklich gut kennen. Erst dann kann man sie zu etwas Schöpferischem werden lassen. Diese spezifische Dunkelheit in unseren Herzen ist aber für uns Künstler ein Geschenk, sie definiert, wer wir sind, und sie erlaubt es uns erst, überhaupt zu sprechen.
Von den Göttern. Ich bin nämlich ein Tier. Ein Gaga-Tier. Und dieses Tier hatte drei Nummer-eins-Hits in Amerika, es hat schon jetzt Geschichte geschrieben. Und wird es weiterhin tun.
Das Interview stammt aus der neuen Ausgabe von "Neon", die ab Montag, 17. August im Handel erhältlich ist. Mehr Infos unter www.neon.de
Lady Gaga plaudert aus dem Nähkästchen Das Interview stammt aus der aktuellen Ausgabe von "Neon", die ab Montag, 17. August, im Handel erhältlich ist. Mehr Infos unter www.neon.de