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16. Dezember 2006, 16:56 Uhr

LaFee Wie ein Star gemacht wird

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Die Musik donnert, die Fans kreischen, LaFee-Konzerte sind vor allem laut© Thomas Rabsch

Auch wenn es nicht so aussieht, aber LaFee ist eine Reißbretterfindung. Sie ist Konzept, und zwar eines, das eine gut beobachtete Marktlücke in Teenagerseelen ausfüllt. Ermüdet und gesättigt von fernen Britney Spears und immer gleich klingenden Girlie-Gangs, sucht eine schneller erwachsen werdende Zielgruppe nach Figuren, die nicht allmählich, sondern schlagartig Ernsthaftigkeit liefern. Anders als früher sehen sich zehn- bis zwölfjährige Mädchen heute zügiger im wirklichen Leben als zu Milchschnitten-Zeiten. Viele von ihnen sind Scheidungskinder aus Hartz-IV-Haushalten, sie leben in Wohnsilos, in denen Fernseher den ganzen Tag laufen und Meldungen von Kindesentführungen und Missbrauch in ihren Alltag hämmern. Sie wissen einfach, dass das Leben nicht Kuschelpop ist. Man versteht das an einem Nachmittag in Düsseldorf, wenn 400 Kinder, meist Mädchen, vor einer Bühne auf LaFee warten. Es kann noch nicht lange her sein, dass sie den Kinderkanal schauten und zu Tanzalarm herumhopsten, jetzt donnern kriegerische Gitarrenriffs durch die Halle, es ist verdammt laut, und das Schlagzeug dröhnt wie ein Abrissunternehmen. Und mitten in diesem Metal-Inferno LaFee wie ein Phönix aus der Asche einer bitteren Pubertät.

Wie Phönix aus der Asche einer bitteren Pubertät

Sie singt vom Sterben, vom tyrannischen Vater, vom Mobbing an der Schule, vom ersten Mal und vom Missbrauch, "Nacht - es ist Nacht, sie liegt vor Angst, schon so lange wach, dann kommt wieder er, sie spürt den Atem, er will immer mehrÉ" In jeder Minute eines LaFee-Konzerts sieht man das Konzept siegen, Elfjährige kreischen für eine Beichtschwester, die sie in ihrem Plattenbauleben gern hätten. Und LaFee hat noch die Nähe zu ihnen, die man hat, wenn man das alles erst seit einem halben Jahr macht. Sie bewegt sich wie eine, die viele Shakira-Auftritte gesehen hat, sie kann in ihr Publikum schauen, und jede Einzelne glaubt, sie sei gemeint. Sie spielt mit der Düsternis des Gothic, aber sie spielt eben nur damit. Nutella mit Rammstein-Geschmack, so einfach ist das. Man muss die Szenen gesehen haben, wenn Zwölfjährige nach dem Konzert den verschwitzten Gitarristen der Band fragen, ob er sich mit ihren Jacken oder Schals den Schweiß abwischen könne. Er macht es, auch das ist Konzept.

Um das Konzept LaFee noch besser zu verstehen, muss man nach München in die Redaktion der "Bravo" fahren. Hier bekommt der Fahrplan "Star" seine Vollendung, denn LaFee ist auf eine Art Eigentum des Teenie-Blattes. Hier, sagen sie, haben sie aus Christina Klein LaFee gemacht, hier drucken sie jede Woche eine Geschichte über sie, hier machen sie die biografische Tapete, auf der Fans jede Woche lesen können, dass Christina Klein eine von ihnen ist. Es sind banale Geschichten, die sich als Nachrichten verkleiden. LaFee in ihrer alten Schule, LaFee bei ihren Großeltern in Griechenland, LaFee lässt sich ein Tattoo machen. Jede Woche brüten "Bravo"-Redakteure und LaFees Manager über Nachschub. Christina Klein sagt auch mal was, aber entscheiden tun andere.

LaFee ist Teil des "Bravo"-Konzeptes

Tom Junkersdorf ist "Bravo"-Chefredakteur, für ihn ist LaFee auch Teil eines neuen Blattkonzeptes. "'Bravo' macht wieder Stars. Wenn wir jemanden wie LaFee entdecken, dann investieren wir viel Arbeit und viele Seiten in sie, weil wir an sie glauben. Das sind Investitionen, die so keiner in Deutschland macht", sagt er, "das hat mit der neuen Linie der "Bravo" zu tun. Wir wollen nicht mehr jedem Sternchen folgen, das in den USA einmal aufgeht und dann, wie Britney Spears, ein für unsere Leser nicht nachvollziehbares Leben führt." Dass derart publizistische Investition auch zu medialer Leibeigenschaft führt, verneint er natürlich. Dennoch ist es ihm wichtig, LaFee bitte nur in der "Bravo" zu sehen.

Zu sagen hat Christina Klein wenig

Es ist so wie immer im Leben, der Misserfolg ist ein Waisenkind, und der Erfolg hat viele Väter. Bei Christina Klein will jeder ein bisschen miterfunden haben. Bob Arnz, der Produzent, die "Bravo"-Macher und natürlich auch die Emi, die Kölner Plattenfirma. "Uns wurde das einmalige künstlerische Potenzial schon beim ersten Treffen deutlich, wir hatten sofort eine klare Vision für die Künstlerin", sagt Emi-Chefin Birgit Adels etwas gestelzt, "sie passt in ein bestimmtes Teenie-Segment: 80 Prozent ihrer Fans hätten LaFee gerne als große Schwester. Doch darüber hinaus verbindet sie mystische Fantasy-Erlebniswelt mit frecher Sprache und schafft damit ein vollkommen neues, eigenes Genre." Ein paar Tage mit der kleinen LaFee-Fabrik unterwegs zu sein heißt, immer wieder ähnliche Szenen zu sehen: Bob Arnz sagt etwas, irgendjemand von "Bravo" sagt etwas, jemand von der Plattenfirma sagt etwas. Nur Christina Klein sagt wenig.

Ein katapultartiges Leben führt zum Kindheitsverlust

Und wenn sie dann, wie nach einem Auftritt in Leipzig, ein Dutzend Interviews geben muss, sitzt einer aus der Fabrik immer dabei. Zur Kontrolle und zum Schutz gleichzeitig, denn manche Fragen nach dem Authentischen ihrer Texte über Missbrauch oder das erste Mal müssen glaubhaft retourniert werden. "Ich kann leicht darüber singen, weil mir so etwas zum Glück noch nicht passiert ist", sagt Christina Klein dann.

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Familie Klein in der Küche: Mutter Koula, Vater Bernd, Christina und Bruder Andreas© Thomas Rabsch

Also, keine Probleme? Christiane Papastefanou, Entwicklungspsychologin an der Uni Mannheim, sieht sehr wohl welche. Ein derart katapultartiges Leben in der Show- und Prominenzwelt führe fast immer zu einem Verlust normaler Kindheit. "Beziehungen brechen ab, der Alltag tritt in die Hintergrund und macht einer Scheinwelt Platz", sagt sie. Teeniestars, so das Problem, entfernen sich aus ihrer Welt und werden doch nie Teil einer anderen Welt, "weil sie von einer Industrie nur benutzt werden", sagt Papastefanou. Aber ist der Erfolg einer LaFee nicht auch die Botschaft, dass es jeder schaffen kann? "Natürlich nicht, es kann ja nicht jeder schaffen, dann gäbe es ja 10 000 Popstars. Die Illusion ist gefährlich, weil sie zu Neid und Minderwertigkeitsgefühlen bei denen führt, die es nicht schaffen." Aber auch der Erfolg sei eine Illusion, "er macht einsam, und die Öffentlichkeit raubt die Intimität".

Noch, sagt Christina Klein, finde sie das nicht schlimm. Doch das "noch" wird leiser, wenn sie erzählt, wie das ist mit den Jungs. "Ich treff schon Jungs, die ich klasse finde. Aber es ist besser, nichts mit denen anzufangen, denn ich kenn die ja nicht, und wer weiß, ob sie am nächsten Tag der "Bild"-Zeitung erzählen, "ich hab mit LaFee geknutscht"." Also erst mal nix mit Jungs. Auch das ist Konzept.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 50/2006

Von Jochen Siemens
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KOMMENTARE (3 von 3)
 
bR4iNST0RM (18.12.2006, 14:03 Uhr)
LaFee.. aha.
LaFee a.k.a. Mrs. Klein wird ähnlich wie "Blümchen" (Jasmin Wagner) ihre "Bestform" (wenn überhaupt) mit 18 oder 19 wohl ausgereizt haben und vor dem realen Leben mit allen Mitteln versuchen zu flüchten. "Normales" arbeiten ist hier undenkbar. Schliesslich sind die Leutz ja "Stars"! (solang der Rubel rollt)
Erinnert mich an heisse Kartoffeln.
Swen (17.12.2006, 22:22 Uhr)
Scheinwelt
Es ist nahezu traurig wie alle von einer Industrie belogen und benutzt werden, das fängt bei der Sängerin an und hört bei den Fans auf.
Ich bin ehrlich gesagt gespannt wie lange es La Fee geben wird, denn ich bin mir fast schon sicher bei der ersten finanziellen Flaute wird sie auf den Prüfstand geschickt sei es von EMI oder von der Bravo.
Wobei sich jetzt schon mir die Frage stellt wie ein Mensch damit zurecht kommt wenn er eines Tages vor der Wahrheit steht, nämlich der nichts erreicht zu haben und eigentlich nur als Melkkuh gedient zu haben.
Des weitern finde ich es persönlich als geschmacklos das man hier von Missbrauch singt denn scheint es doch hierbei mehr um den kommerziellen Gedanken zu gehen und darum Fans vorzugaukeln das man sie, ihr erlebtes und deren Schmerz versteht.
Und wenn man sich den Text des Liedes Mitternacht zu Gemüte führt kann man nur mit dem Kopf schütteln, da habe ich von anderen Interpreten zum Thema Missbrauch schon besseres gehört.
Nichts de trotzt, es bleibt und ist eine weitere wunderbare Scheinwelt in der Popkultur und wer weiß vielleicht werden wir ja eines Tages von La Fee lesen das sie ein nicht nachvollziehbares Leben führt.
Maddy91 (16.12.2006, 21:19 Uhr)
Toller Artikel
Noch nie so gut bei einem Artikel amüsiert :D Großes Kompliment an Jochen Siemens! Weiter so und bitte schnell mehr!
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