
Einsame Spitze: Keine andere klassische Sängerin verkauft in Deutschland derzeit mehr CDs als Anna Netrebko© Ethan Hill
Villazón: Ich bin leider ein bisschen verrückt und rede oft wie ein Schlagzeugsolo. Ich sollte viel öfter meinen Mund halten und meine Stimme schonen. Aber ich mache Fortschritte beim Stillsein - zum Beispiel singe ich nicht mehr, wenn ich auf der Toilette sitze.
Netrebko: Der Unterschied zwischen uns ist, dass Rolando nicht zwischen Bühne und Leben unterscheidet. Er spielt immer und genießt den Hype um sich wie eine Sauerstoffdusche. Er ist wie eine Kerze mit einem Dutzend brennender Dochte. Er rennt durch Abflughallen, weil er wie immer zu spät ist, schmettert dabei die Titelmelodie von "Indiana Jones" und telefoniert gleichzeitig. Mich erschöpft schon, ihm dabei zuzusehen.
Villazón: Wir Latinos sind nun mal extrovertierte und positive Menschen. Zu viel Ruhe und Entspannung würde uns fade machen - und das kannst du unmöglich wollen, Anna!
Netrebko: Warum telefoniert ein positiver Mensch wie du eigentlich mehrmals in der Woche mit seinem Psychoanalytiker in Mexico City?
Villazón: Meine Frau ist Psychologin. Sie hat mir vor zehn Jahren vorgeschlagen, eine Psychoanalyse zu beginnen. Ich war erst mal geschockt und fragte, ob sie mich etwa für psychisch krank halte. Ihre Antwort war: "Nein, aber du bist jetzt 24, und ich beobachte seit Jahren, dass du so ziemlich alles tust, um deine Gesangskarriere zu sabotieren." Inzwischen kann ich meinem Analytiker Dinge erzählen, die ich privat für unsagbar halte. Das hilft mir, mich besser zu verstehen. Wer weiß, ob ich ohne diesen Mann überhaupt hier sitzen würde. Man singt einfach besser, wenn einem die störenden Seiten des eigenen Ichs nicht so quer im Magen liegen. Mein Analytiker sagt, dass mein Beruf sehr gut zu mir passt: Ich kann jeden Abend ein anderer sein!
Villazón: Nein. Maestro Domingo war erst mein Vorbild, dann mein Mentor und Freund. Durch seine Schallplatte "Perhaps Love" habe ich die Oper für mich entdeckt. Mit 27 habe ich einen Preis bei seinem Nachwuchswettbewerb Operalia gewonnen. Und bei meinem ersten Auftritt in Europa rief er mich acht Minuten vor Beginn der Vorstellung an, um mir Glück zu wünschen. Ich muss keinen Vatermord begehen.
Domingo: Luciano und ich haben 1968 an der Met debütiert, und ich gebe zu, dass es lange eine gewisse Eifersucht und Rivalität zwischen uns gab. Aber irgendwann überwogen Respekt und Kollegialität. Wir sind beide nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden. Luciano hat meines Wissens früher Lebensversicherungen verkauft.
Domingo: Die Bühne lehrt uns auch Demut. Bei einer "Carmen"-Aufführung in Tel Aviv ist mir mal mitten im Duett die Hose geplatzt. Villazón: Bei einer Aufführung von "La Bohème" in Paris hatte uns der Regisseur angewiesen, auf der Bühne Hähnchen zu essen. Irgendwann rutschte mir ein Stück Hähnchen in die Gurgel. Mein Gesang klang, als würde man eine bellende Hyäne erwürgen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 14/2006
Anna Netrebko Seit sie auf der Bühne steht, ist Oper wieder sexy: Anna Netrebko, 1971 in Krasnodar im Süden Russlands als Tochter eines Geologen geboren, schaffte ihren Durchbruch zum Weltstar bei den Salzburger Festspielen 2002, als sie als Donna Anna an der Seite von Thomas Hampson in Mozarts "Don Giovanni" brillierte. Ihre Karriere begann in St. Petersburg, wo sie bis 1995 als Sopranistin ausgebildet wurde und am berühmten Mariinskij-Theater debütierte. Ihre großartig zu vermarktende Ausstrahlung - eine Verbindung aus makelloser Stimme, natürlicher Erotik und frappierender Bühnenpräsenz - riss seitdem Kritiker, Publikum und Plattenkäufer zu Begeisterungsstürmen hin