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2. August 2008, 16:53 Uhr

Das Leben ist eine Oper

Paul Potts signiert seine CDs bei einer Autogrammstunde© Francis Dean/dpa

Erster Akt: 17. März 2007, Cardiff, Wales. Der britische Fernsehsender ITV zeichnet eine Folge seiner Casting-Show "Britain's Got Talent" auf, in der ein Haufen Nobodys ähnlich wie bei "Deutschland sucht den Superstar" ihre Fähigkeiten demonstrieren darf. Paul Potts betritt die Bühne. Sein neuer Anzug, den er heute trägt, hat umgerechnet 45 Euro gekostet. Er ist nervös, er schwitzt. Seiner schiefen Zähne wegen versucht er mit geschlossenem Mund zu lächeln, was seinem Gesicht den Ausdruck eines geprügelten Hundes verleiht. Man muss keine Gedanken lesen können, um zu ahnen, was in den Köpfen der drei Juroren vorgeht: Bitte schafft uns ganz schnell diesen geborenen Verlierer weg!

Mehr als 50 Millionen Mal bei Youtube angeschaut

Zweiter Akt: "Paul, warum bist du heute hier?", fragt Jury-Mitglied Amanda Holden, und Paul Potts antwortet mit seinem Hundegesicht: "Um Oper zu singen." Die Jury wirft sich mitleidige Blicke zu. Oper? Auch das noch! Das Publikum, 2000 Menschen, tuschelt. Oper? Dieser kleine Wicht? Vom Band setzt die Orchesterbegleitung ein, die Arie "Nessun Dorma" aus Puccinis Oper "Turandot". Und dann öffnet Paul Potts seinen Mund. Er singt. Und jeder, wirklich jeder Mensch im Saal ist wie vom Donner gerührt. Was für eine Stimme! Juror Simon Cowell starrt ungläubig zur Bühne, Kollegin Amanda Holden kämpft mit den Tränen. Das Publikum erhebt sich von den Sitzen, jubelt, klatscht, schreit. Das war sie, jene Chance, die sein Leben für immer veränderte. Ein paar Monate später gewinnt er mit großem Vorsprung den Wettbewerb. Das Leben meint es gut.

Dritter Akt: Das Video seines großen Auftritts wird bei Youtube mehr als 50 Millionen Mal angeschaut. Seine CD "One Chance" stürmt von Großbritannien bis Südkorea die Charts und verkauft sich mehr als zwei Millionen Mal. Auf seiner Welttournee sehen Paul Potts mehr als 200.000 Menschen. Er singt vor der Queen und dem Premierminister und ist dabei, Amerika zu erobern. Aber erst jetzt, mehr als ein Jahr nach dem Triumph von Cardiff, erstrahlt der Stern des Paul Potts auch in Deutschland: Der Telekom-Spot, der zeigt, wie Potts' unvergesslicher Auftritt in aller Welt die Menschen verbindet, berührt erneut Millionen von Zuschauern. Für das Unternehmen ein Glücksfall: Vergessen scheinen plötzlich Spitzelaffäre und Beschwerden über schlechten Service - ein ehemaliger Handyverkäufer heilt das Image eines angeschlagenen Telefongiganten.

Epilog: Paul Potts sitzt in jenem winzigen Häuschen, in dem er schon vor seinem Erfolg zusammen mit seiner Ehefrau Julie-Ann lebte. Noch immer kann er nicht begreifen, was ihm widerfahren ist. Und wie viel Geld er plötzlich besitzt. Viel hat er sich nicht geleistet bisher. "Zwei Laptops, damit meine Frau und ich miteinander chatten können, wenn ich unterwegs bin. Wissen Sie, telefonieren ist so viel teurer als chatten." Aber wie fühlt es sich an, das neue Leben als Star? Er ist irritiert. "Meinen Sie mich? Meine Frau sagt, ich sei noch immer dieselbe alte Nervensäge wie früher." Trotzdem haben sich die Dinge verändert. Ein Gönner spendierte Paul Potts neue Zähne. Er lacht jetzt viel. Mit offenem Mund.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 31/2008

Von Tobias Schmitz
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KOMMENTARE (10 von 37)
 
deinemama (06.08.2008, 01:22 Uhr)
Rechteinhaber ist...
...Sony BMG. Braucht eigentlich keine weiteren Worte, oder?
Ich bezweifle, dass Herr Potts da großartig was zu sagen hatte... :( Auch wenn ich mich - wie bereits erwähnt - sehr über seinen Erfolg freue, so hoffe ich doch, dass er jetzt nicht mit allen Mitteln hochgepusht - und dann nach ein paar Wochen, wenn die Bosse die Taschen ausreichend gefüllt haben, eiskalt fallen gelassen wird...
MarthaMuse (04.08.2008, 21:28 Uhr)
Dreist?
Die Telekom wirbt mit einem Sympathieträger und das finden Sie dreist? So ein Blödsinn, hevosenkuva, die Telekom hat, darauf können Sie sich verlassen, für diesen Ausschnitt mit Sicherheit eine Menge Geld gezahlt. Sie denken doch nicht im Ernst, dass die Rechteinhaber tatenlos zugucken würden, wenn die Telekom den Ausschnitt geklaut hätte oder ihn widerrechtlich verwenden würde.
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Die Telekom hat mit Sicherheit auch nicht vor, aus den Zuschauern bessere Menschen zu machen.... auf die Idee, dass so etwas vorgesehen wäre, muss man erst mal kommen!
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Und wofür die Telekom wirbt? Welche Leute kennen Sie denn, dass die nicht wissen, wofür die Telekom wohl wirbt. Wohl nicht für Kaugummi oder Slipeinlagen, sondern? Na? Sie haben es gleich! Richtig: Für die Telekom wirbt die Telekom, ganz einfach.
Asteriskina (04.08.2008, 09:26 Uhr)
@gaga007
lesen sollte man schon können. Ich habe in keiner Weise Potts kritisiert, bezweifle lediglich, dass die Telekom ähnliche Wunder vollbringt.
dasisbadso (03.08.2008, 20:45 Uhr)
@hevosenkuva
Mit solchen Dreistigkeiten kann ich sehr gut leben. Bin beruflich andere gewöhnt. Mir gefällt die Geschichte von Paul Potts. Ich freue mich für ihn. Mir gefällt auch die Werbung der Telekom. Hochemotional. Ich mag das.
Bin im übrigen schon aus der für die Werbewirtschaft interessante Altersgruppe rausgewachsen.
Dasisbadso
augustin900 (03.08.2008, 16:12 Uhr)
@nanesse
Ich darf Ihnen empfehlen, sich Ferrucio Taglavini, Gedda, Björling: DAS sind die Maßstäbe; nicht aber unkultivierter Sprechgesang von Stimmen, denen die Höhe nicht erschlossen wurde (auch wenn eine Stimme da wäre, die man ausbilden könnte).
hevosenkuva (03.08.2008, 14:59 Uhr)
Die Zauberflöte...
Es ist schon eine unglaubliche Dreistigkeit, mit der die Telekom versucht aus diesem Video - über ein Jahr nach seiner Veröffentlichung - Kapital für sich zu schlagen. Macht die Telekom aus den Menschen bessere Sänger? Oder bessere Menschen? Trägt die Telekom dazu bei, aus der Welt eine bessere zu machen? Ich überlasse die Beantwortung dieser Frage jedem selbst.
Zum Glück geht die Rechnung nicht auf - niemand den ich gefragt habe, konnte sich daran erinnern, wofür denn eigentlich Werbung gemacht wird in diesem sündteuer erkauften Stück heile Märchenwelt :o)
rolling_stock (03.08.2008, 12:22 Uhr)
die britische Talentshow
bei der Potts gewonnen hat, was "Britain's got talent". Und da sind nicht nur Sänger sondern auch andere "Talente" zu sehen. Ziel ist ein Auftritt bei Königs *g*.
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Das Äquivalent zu DSDS heißt hier "X-Factor"
rolling_stock (03.08.2008, 12:19 Uhr)
@ manesse
Musik, und damit auch Opern und Komponisten, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Ich persönlich mag Mozart nicht, ganz einfach. Und mir gefallen auch seine Opern nicht. Noch einmal die Kleine Nachtmusik und ich brauche einen Eimer ;-)
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Aber wie schon einmal gesagt, es ist eine Frage des persönlichen Geschmacks und wenn die Meinung vieler Allgemeingültigkeit bekommt, kommen wir zu dem Vergleich mit dem Fliegen und... na, Sie wissen schon ;-) . Das einzige Stück von Mozart, das mir gefällt, ist das Ave Verum .
sophisticated (03.08.2008, 11:28 Uhr)
Man sollte aber hier vielleicht auch eines nicht vergessen:
gesiegt hat hier vielleicht nicht nur der Sänger, sondern diese wunderschöne Puccini-Arie aus Turandot! - Neben manchem seichten Song, hätte mit ihr wahrscheinlich jeder Sänger, der einigermaßen singen kann, gesiegt. Gesiegt hat also letztlich Puccini...
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Leider, wird exakt diese Arie gerade zu Tode genudelt, überigens wie zuvor schon durch Pavarotti.
tricky_dude (03.08.2008, 11:07 Uhr)
Typisch
Manche in DE scheinen einfach nicvht zu kapieren das man auch ohne herkömmliche Ausbildung was werden kann. Wenn es stimmt das der Junge auf eigene Kosten und Risiko nach Italien fuhr und Unterricht nahm, dann nötigt mir das höchsten Respekt ab. Dann ist Paul Potts beileibe kein Amateur der zufällig in einer Castingshow gewonnen hat. War halt sein Sprungbrett.
Macht das erstmal nach, also auf eigene Kosten, ohne die Hand aufzuhalten etwas neues zu lernen. Da kenne ich nur wenige hier.
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