
Paul Potts signiert seine CDs bei einer Autogrammstunde© Francis Dean/dpa
Erster Akt: 17. März 2007, Cardiff, Wales. Der britische Fernsehsender ITV zeichnet eine Folge seiner Casting-Show "Britain's Got Talent" auf, in der ein Haufen Nobodys ähnlich wie bei "Deutschland sucht den Superstar" ihre Fähigkeiten demonstrieren darf. Paul Potts betritt die Bühne. Sein neuer Anzug, den er heute trägt, hat umgerechnet 45 Euro gekostet. Er ist nervös, er schwitzt. Seiner schiefen Zähne wegen versucht er mit geschlossenem Mund zu lächeln, was seinem Gesicht den Ausdruck eines geprügelten Hundes verleiht. Man muss keine Gedanken lesen können, um zu ahnen, was in den Köpfen der drei Juroren vorgeht: Bitte schafft uns ganz schnell diesen geborenen Verlierer weg!
Zweiter Akt: "Paul, warum bist du heute hier?", fragt Jury-Mitglied Amanda Holden, und Paul Potts antwortet mit seinem Hundegesicht: "Um Oper zu singen." Die Jury wirft sich mitleidige Blicke zu. Oper? Auch das noch! Das Publikum, 2000 Menschen, tuschelt. Oper? Dieser kleine Wicht? Vom Band setzt die Orchesterbegleitung ein, die Arie "Nessun Dorma" aus Puccinis Oper "Turandot". Und dann öffnet Paul Potts seinen Mund. Er singt. Und jeder, wirklich jeder Mensch im Saal ist wie vom Donner gerührt. Was für eine Stimme! Juror Simon Cowell starrt ungläubig zur Bühne, Kollegin Amanda Holden kämpft mit den Tränen. Das Publikum erhebt sich von den Sitzen, jubelt, klatscht, schreit. Das war sie, jene Chance, die sein Leben für immer veränderte. Ein paar Monate später gewinnt er mit großem Vorsprung den Wettbewerb. Das Leben meint es gut.
Dritter Akt: Das Video seines großen Auftritts wird bei Youtube mehr als 50 Millionen Mal angeschaut. Seine CD "One Chance" stürmt von Großbritannien bis Südkorea die Charts und verkauft sich mehr als zwei Millionen Mal. Auf seiner Welttournee sehen Paul Potts mehr als 200.000 Menschen. Er singt vor der Queen und dem Premierminister und ist dabei, Amerika zu erobern. Aber erst jetzt, mehr als ein Jahr nach dem Triumph von Cardiff, erstrahlt der Stern des Paul Potts auch in Deutschland: Der Telekom-Spot, der zeigt, wie Potts' unvergesslicher Auftritt in aller Welt die Menschen verbindet, berührt erneut Millionen von Zuschauern. Für das Unternehmen ein Glücksfall: Vergessen scheinen plötzlich Spitzelaffäre und Beschwerden über schlechten Service - ein ehemaliger Handyverkäufer heilt das Image eines angeschlagenen Telefongiganten.
Epilog: Paul Potts sitzt in jenem winzigen Häuschen, in dem er schon vor seinem Erfolg zusammen mit seiner Ehefrau Julie-Ann lebte. Noch immer kann er nicht begreifen, was ihm widerfahren ist. Und wie viel Geld er plötzlich besitzt. Viel hat er sich nicht geleistet bisher. "Zwei Laptops, damit meine Frau und ich miteinander chatten können, wenn ich unterwegs bin. Wissen Sie, telefonieren ist so viel teurer als chatten." Aber wie fühlt es sich an, das neue Leben als Star? Er ist irritiert. "Meinen Sie mich? Meine Frau sagt, ich sei noch immer dieselbe alte Nervensäge wie früher." Trotzdem haben sich die Dinge verändert. Ein Gönner spendierte Paul Potts neue Zähne. Er lacht jetzt viel. Mit offenem Mund.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 31/2008