Aber in dem Song "Hey Du!" heißt es doch: "Ich war ein stolzer Pionier".
Ich war ein stolzer Pionier, aber das heißt ja nicht, dass du in der Schule gut bist. Du musstest ein stolzer Pionier sein, du musstest morgens aufstehen und den sozialistischen Gruß machen. Pioniere sind immer stolz. Ich war keiner von denen, die kein Pionier sein wollten. Aber trotzdem war ich der am meist Beobachtete in der Klasse. Der Typ, dessen Mutter alle zwei Wochen in die Schule musste wegen irgendwas. Und dann hat die Mutter noch mit Ärger gekriegt. Und die Mutter sitzt da und kämpft wie eine Löwin. Das habe ich schon mitgekriegt.
Warum erzählen Sie das alles jetzt erst?
Am Anfang - in der Zeit im Asylantenheim - ging es dir im Westen nicht gut, wenn Leute wussten, dass du aus dem Osten kommst. Da hattest du als Jugendlicher auf jeden Fall ein Problem in deiner Klasse.
Wie lange waren Sie in dem Asylantenheim?
Ein halbes, dreiviertel Jahr. Danach sind wir nach Lübeck gezogen. Auch da hat es sich schnell rumgesprochen, und es ging mir nicht gut. Du musst dich immer behaupten, das bedeutet viele Schlägereien und die ganze Scheiße. Dann sind wir wieder umgezogen. Das sind wir zum Glück sehr oft. Von Lübeck zurück nach Berlin, und in Berlin noch drei Mal.
Wie lange waren Sie in Lübeck?
Die ganze dritte Klasse. Als wir dann wieder nach Berlin gekommen und in den Wedding gezogen sind, habe ich es niemandem mehr erzählt. Und plötzlich gab es auch kein Problem mehr. Ich war wie alle ein Wessi, und wir haben uns über die Ossis lustig gemacht.
Und da haben Sie sich nicht schlecht gefühlt?
Natürlich habe ich das. Aber ich habe trotzdem mitgemacht. Ich wollte keiner von den Unterdrückten sein. Dann haben wir irgendwann Musik gemacht, wo wir auch darüber gerappt haben, dass wir aus Westberlin kommen. Wir haben Westberlin gepriesen, was auch damit zu tun hatte, dass es in Ostberlin Rap-Jams gab, die wir Scheiße fanden. Also haben wir das einfach in Osten und Westen eingeteilt. Das war nicht politisch gemeint, das war ein Rap-Ding. Wir haben T-Shirts mit "Westberlin"-Aufdruck gemacht. Ich war einfach zu tief drin, um die Wahrheit zu sagen. Ich konnte doch nicht als einer der Anführer von diesem ganzen Westberlin-Hype plötzlich zugeben, dass ich eigentlich ein Ossi bin.
Hatten Sie je das Gefühl, sich selbst zu verraten?
Osten, Westen, ich komme von beiden Seiten. Mir konnte doch scheißegal sein, was ich da nehme.
Aber noch mal: warum jetzt?
Weil ich die Idee zu diesem Lied hatte. Ich kannte den Film "Linie 1" aus der Schule, und das Lied von Maria "Du bist schön, wenn du weinst" fand ich immer am besten. Irgendwann saß ich gelangweilt zuhause, habe mir das Lied noch mal angehört und dachte: "Geil, daraus machste nen Song". Im Chorus sagt sie aber: "Ick will dir mal wat erzähln von mir/ dat hab ich noch nie jemacht, außer bei dir". Also musste ich was erzählen, wat ick noch nie jemacht hab... Das war das Thema prädestiniert. Und ich dachte "Es ist an der Zeit, komm. Wenn einer was sagen sollte, ist es auch egal."
Was hätten sie denn sagen sollen?
Irgendwas Peinliches. Denn mittlerweile ist alles, was du gegen Ost und West sagen kannst, nur noch peinlich.
Wie hat Ihre Mutter auf die jahrelange Selbstverleugnung reagiert?
Meine Mutter hat auch immer gesagt: "Sag das keinem". Sie war sich auch jetzt nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. Aber mittlerweile findet sie, dass es eine sehr gute Idee ist.
Sind Sie erleichtert? Haben Sie im nachhinein gemerkt, dass es Sie belastet hat?
Ich war in dem Moment erleichtert, als ich sagen konnte: "Ich kann dieses Lied machen". Auch wenn mich irgendwer angemacht hätte - was nicht passiert ist - wäre ich erleichtert gewesen.