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3. Oktober 2006, 09:00 Uhr

"Der Rock liegt im Sterben"

Sting am Nikki Beach während des 63. Venedig Film Festivals im September 2006© (Photo by MJ Kim/Getty Images

Aber Pop bedeutet auch "populär" - und den Leuten scheint das Einfache besonders zu gefallen.

Ich glaube, dass es einen Teil des Gehirns gibt, der tatsächlich auf leichte Akkorde abfährt. Aber es gibt auch einen Teil, der sich nach komplexeren Strukturen sehnt. Das eine ist naturgegeben, das andere ein Lernprozess. Man kann nicht erwarten, dass alle sofort einen verminderten Dominantseptakkord mögen. Bei Gustav Mahlers ersten Sinfonien saßen die Menschen mit Trillerpfeifen im Konzertsaal. Er war seiner Zeit weit voraus - und wenn wir seine Musik heute hören, wissen wir gar nicht mehr, wo der Skandal lag. Es kann doch nicht schaden, den einen Teil des Gehirns mit dem anderen zu verbinden.

Nun hören Sie sich fast an wie der Neutöner Wolfgang Rihm.

Keine Angst, ich bin und bleibe ein Populist aus Überzeugung, aber ich will ein neugieriger Populist sein, das Populäre nicht bedienen, sondern Fragen stellen, ob wir die populäre Musik nicht gemeinsam öffnen können. Ich suche einfache Songs, die sich der Chromatik öffnen. Sie sollen einfache Ohren nicht angreifen, ihnen aber davon erzählen, dass Musik größer ist als das Ghetto, in dem wir uns derzeit bewegen.

Dowland war ein Geschichtenerzähler, so wie Sie. Was haben Sie mit dem Liedermacher der englischen Höfe gemein?

Er war ein Popstar! Vielleicht einer der ersten. Dowland hatte kein Radio, keine Platten und keine CDs, aber er hat den Gesang zum Massenmedium gemacht, indem er seine Lieder als Buch gedruckt hat. In ganz Europa, sogar in Amerika waren Songs wie "Flow My Tears" große Hits.

Die er selbst von Hof zu Hof getragen hat.

Das vereint uns außerdem. Popstars reisen bis heute, um ihre Geschichten zu erzählen - nicht mehr von Königshaus zu Königshaus, von Hof zu Hof, sondern von Stadthalle zu Stadthalle. Aber, Sie werden lachen, das Prinzip ist immer noch dasselbe wie im 16. Jahrhundert.

Trotzdem liegen 400 Jahre zwischen Ihnen und ihrem Popvorgänger - gibt es da gar kein Fremdeln?

Dowland ist uns näher, als wir denken. Er hat in der Zeit vor dem Belcanto geschrieben. Die Oper war der eigentliche Bruch der Musikgeschichte. Plötzlich mussten Sänger mit ihren Stimmen ganze Opernhäuser füllen, sie künstlich projizieren, aufblasen und mit Vibrato singen - all das gab es nicht zu Dowlands Zeiten. Ich kenne meine Grenzen, würde nie Verdi oder Puccini aufnehmen. Aber Dowland hat im Kaminzimmer für eine Handvoll Ladys gesungen. So wie Sie und ich ...

... wenn wir ein Gutenachtlied singen.

So absurd sich das anhört, die wirkliche Errungenschaft des Rock war das Mikrofon, weil wir wieder mit ganz normaler Stimme singen konnten. Deshalb fühle ich mich auch zu Dowland hingezogen. Ich habe Countertenöre gehört, Soprane und Altstimmen, die seine Lieder interpretiert haben, aber ich glaube, dass ich mich mit meiner Interpretation viel näher an der Zeit Shakespeares bewege - ich kann ihn mit ganz normaler Stimme singen.

Crossover-Projekte sind wieder sehr beliebt. Paul McCartney hat gerade ein Oratorium komponiert, Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker haben den Soundtrack für den Film "Das Parfum" aufgenommen.

Aber mir geht es nicht um das "Crossover". Weil ich gar nicht davon ausgehe, dass Rock und Klassik zwei getrennte Welten sind. Ich will Dowland nicht mit Computern wiederbeleben, mit Trommeln oder modernen Rhythmen. Jede Harmonie, die ich singe, hat er genau so mit seiner Tinte geschrieben. Meine Aufgabe ist es, seine Musik zu interpretieren. So, wie sie auf dem Blatt steht. Ich weiß nicht, ob sich der gute Dowland dabei im Grabe umdreht. Aber wenn, dann würde es mir unglaublich leidtun.

An den Theatern wird Shakespeare gefeiert, und Sie entdecken Dowland. Ist uns die elisabethanische Zeit mit ihren Mythen, Weltbildern und der Sehnsucht nach Harmonie heute vielleicht wieder besonders nahe?

Ich kann mir vorstellen, dass wir nach der sogenannten Postmoderne wieder auf Sinnsuche sind. Und dann landen wir unweigerlich bei Dowland und seiner Zeit. Es ist doch verrückt, dass da ein Typ wie ich im 21. Jahrhundert über Noten sitzt, die jemand vor 400 Jahren aufgeschrieben hat. Man sieht plötzlich einen Menschen vor sich, den man mit den Fragen aus unserer Zeit konfrontiert.

Sie meinen, das ist wie bei Dornröschen - da kommt der Prinz und küsst die Schlafende?

Das Abgefahrene ist, dass man nicht erstaunt ist, wenn sie auch noch aufwacht. In der Klassik ist die Frage nach dem Alten in der Gegenwart längst eine Wissenschaft geworden, die man "historische Aufführungspraxis" nennt. So intellektuell will ich das gar nicht haben, ich bin schließlich nur ein Sänger.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 39/2006

Musiktipp Dowlands elisabethanischer Klangkosmos hört sich bei Sting verdammt modern an. Zutiefst intime Balladen, deren komplexe Komposition Sting mit seiner Schlichtheit der Stimme, begleitet von einer Laute, ins Jetzt holt. Ab 6. 10. (DG)

Interview: Axel Brüggemann
Seite 1: "Der Rock liegt im Sterben"
Seite 2: Aber Pop bedeutet auch "populär" - und den Leuten scheint das Einfache besonders zu gefallen.
 
 
 
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