
"Tokio Hotel": Bassist Georg Listing (l.), Schlagzeuger Gustav Schäfer (M. oben), Gitarrist Tom Kaulitz (r.), Sänger Bill Kaulitz (vorne)© Marcus Brandt/DDP
Diesen Spaß merkt man, sobald Bill von dem neuen Album erzählt, oder eben von der neuen Single. Ja, der Stress sei groß gewesen nach dem Erfolg des ersten Albums. Ja, sie hätten einen Haufen Preise erhalten, seien viel getourt. Und ja, die drei Wochen Urlaub rund um Sylvester seien nötig gewesen. Da hätten sie sich erholt. Er selbst, Tom und Georg auf den Malediven, wo Georg einen Tauchkurs gemacht habe, Gustav beim Skifahren in Frankreich. Aber jetzt, strahlt Bill, freue er sich darauf, die neue Single vorstellen zu dürfen, habe da richtig Lust darauf. Auf die Interviews. Das alles.
Darüber hinaus erfahren die Journalisten an diesem Abend allerlei Neben- und Hauptsächliches aus dem öffentlich-privaten Leben der Band. Fakten, die es der Fan-Gemeinde sofort zu berichten gilt: So wird etwa für "Tokio-Hotel" demnächst ein größerer Tourbus angeschafft, in dem, wie Tom spöttisch anmerkt, die Betten so groß sein werden, dass zur Not auch noch ein paar Hausaufgabenhefte hineinpassen. Das mit den Hausaufgaben ist, Achtung Eltern!, wichtig, weil die Jungstars nicht mehr zur Schule gehen. Sie versuchen es nun mit Internet-Unterricht.
In Sachen Gruppendynamik ist zu vermelden, dass Georg und Gustav es ganz in Ordnung finden, wenn die Zwillinge im Vordergrund stehen. Neid gebe es da nicht. Er sei ja eher ein zurückhaltender Typ, sagt der bullige Gustav. Deshalb sei das schon OK. Und weil Gustav so ein zurückhaltender Typ ist, küren ihn die anderen gleich zum ruhenden Pol der Band. Er sei vor Konzerten der einzige, der Ruhe bewahre, sogar ein wenig schlafe und sich noch andere Musik anhöre, etwa "Metallica".
Bill und die anderen beiden sind vor Konzerten dagegen völlig aufgedreht, erfährt man. Bill kann sich dann höchstens an den eigenen Songs ergötzen. Allen Freunden des deutschen Liedguts sei übrigens gesagt, dass "Tokio Hotel" auch in Angelegenheiten der heimischen Kultur- und Sprachförderung völlig politisch korrekt ist. Die Band will zwar auch künftig ausgewählte Lieder ins Englische übersetzen, aber es wird kein Lied nur auf Englisch geben, versprechen die Mitglieder in den Katakomben unter dem Potsdamer Platz. "Wir verstehen uns nicht als europäische Band", sagt einer.
Und so erzählen die Jungstars weiter von sich. Plätschernd. Freundlich. Irgendwann wird Bill gefragt, ob ihn die Kreischerei der Fans nicht an die "Beatles" erinnere. "Das ist natürlich ein krasser Vergleich", trillert der Sänger mit der hohen Stimme. "Aber natürlich freuen wir uns darüber". Überhaupt sei es ja nicht so, dass "Tokio Hotel" vor seinen Fans Angst haben müsse. Im Gegenteil. "Unsere Fans wollen uns nichts Böses", versichert Bill. Im Gegenteil. "Ich finde es immer cool, irgendwo anzukommen - und dann schon das Schreien zu hören."
Als die Jungs sich von ihren Sessel erheben, um in die noch kältere, graue Welt über den Katakomben zurückzukehren, geht es cynn auch schon wieder los, das Quieken aus dem Nichts, diese Geräusche, die eher an Slips erinnern als an Bergarbeiter-Wolle.
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