Warum man ihr das abnimmt? Vielleicht, weil sie mit 25 Jahren schon so einiges hinter sich lässt - ihre eigenen Zweifel und vermutlich auch ihre alten Fans. Sie hat sich einen neuen Manager gesucht und sich mit Hilfe von Anwälten von ihrer alten Plattenfirma getrennt, die fast alle TV-Popstars vermarktet. "Die haben mich einfach nicht verstanden und wollten mich als die Latina von den No Angels positionieren, die deutsche J-Lo", sagt Petruo, "aber ich wollte auf Reset drücken und meine eigenen Ideen verwirklichen."
Klar hätte sie die Latino-Diva geben können, sagt Petruo. Sie ist in der Berliner Salsa-Disco ihrer peruanischen Mutter aufgewachsen - "aber das kannte ich ja alles in- und auswendig", sie zuckt mit den Schultern, "ich langweil mich eben schnell." Frau Petruo liebt den Blues, alte Motown-Sachen, Bessy Smith und Janis Joplin. Sie schüttelt den Kopf und ihre Silberkreolen klimpern dazu im Takt. Das mit den No Angels war ohnehin nie ihr Plan - sie ist damals nur zufällig an dem Hotel vorbeigefahren, wo das Casting war, sprang mal kurz rein und sang "Ain't No Sunshine". Zu der Zeit hat sie in Berliner Rockbands gesungen.
Zu ihrem neuen Album kam es dann auch eher unerwartet, in ihrer "Reinigungsphase", wie sie es nennt. Es war im November vergangenen Jahres, kurz nach dem Besuch bei Großmutter Theophila in Lima, als sie die Berliner Produzenten "Oja Tunes" kennen lernte. Es funkte musikalisch sofort, erinnert sie sich, und sie verkrochen sich gemeinsam im Studio. Die neue Plattenfirma ließ sie gewähren, zehn Monate lang. "Ich kannte das vorher gar nicht", sagt Petruo, "im Gegensatz dazu waren die Alben der No Angels schnell produziert, wichtiger waren die Outfits und die Choreografie. Jetzt haben wir alles live eingespielt, bis zum Erbrechen an Details gefeilt, es ging einzig und allein um die Musik."
Herausgekommen ist ein aufwendig produziertes, manchmal etwas altmodisch klingendes Album. In den Songs, die Petruo alle selbst geschrieben hat, verarbeitet sie ihre Vergangenheit als Popprodukt: immer perfekt sein, immer lustig, immer schön; vom Studio zur Probe, vom Shooting zum Interview, vom Werbepartner zur Autogrammstunde. Sie habe zum Schluss unter Schlafstörungen und Depressionen gelitten, sagt sie, "ich musste zwei Stunden, nachdem mein Großvater gestorben war, auf die Bühne, tanzen und lächeln. Ich habe mich irgendwann selbst verloren. Ich wurde von meinem eigenen Traum verschluckt".
Jetzt ist sie dankbar, dass sie ihren Traum ein zweites Mal leben darf - "eine Nummer rougher": In den vergangenen Wochen hat sie mit ihrer Band auf versifften Club-Bühnen gespielt und im Tourbus geschlafen, sie hat nicht mehr in eine hysterische Masse geblinzelt, sondern den Besoffenen und Gelangweilten ins Gesicht gesungen. Früher gab es Catering, heute Currywurst. "Ist doch Rock'n' Roll", grinst Petruo. "Ich mag das."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 45/2005