Er ist bekannt als Musiker, Filmschauspieler und als kauziger "Tatort"-Pathologen. Im stern.de-Interview spricht Jan Josef Liefers über den Soundtrack seiner Kindheit und die letzten Tage der DDR.
Dass die ersten, die nach Schabowskis Pressekonferenz über die Grenze nach Westberlin gelassen wurden, einen Stempel in ihren Personalausweis bekamen, quer über das Passfoto. Damit waren sie, ohne es zu wissen, ausgebürgert worden. Ein netter Versuch, der in sich zusammenfiel, wie bald die ganze Mauer.
Ich stand angezogen zwischen Tür und Angel und sah die berühmte Pressekonferenz im Fernsehen, es war kurz vor 19 Uhr und ich musste dringend ins Theater, war mit zwei Freunden aus Westberlin verabredet. Später dann, als wir so um Mitternacht aus der Theaterkantine kamen und in Richtung Grenzübergang schlendern wollten, wurden wir einfach mit dem Strom der Menschen weggespült.
Es war die erste und einzige genehmigte Protestdemo in der Geschichte der DDR, und ich wollte etwas sagen, dass klar machte, dass wir dem alten SED-Apparat das Zepter aus der Hand nehmen wollen, und Tschüss, Genossen! Ein paar Vertreter der alten Garde standen nämlich auch auf der Rednerliste. Mehr als eine halbe Million Menschen waren gekommen, die sollten sich nicht verarscht fühlen, wie all die Jahre zuvor.
Es waren kleine Schritte, für sich genommen nichts Besonderes. Es begann mit einer Unterschrift unter den Gründungsaufruf des Neuen Forums. Den Text konnte man einfach nicht nicht unterschreiben, fand ich. Damit hat man sich zu erkennen gegeben und signalisiert, man war bereit, einen Weg zu gehen, von dem man nicht wusste, wo er hinführen würde. Ich stellte mich zur Verfügung, wollte helfen, wenn es ging. Auf einer Versammlung des Berliner Ensembles saß ich dabei, als beschlossen wurde, die Demo mit oder ohne Genehmigung auf jeden Fall durchzuziehen. Auch über die Rednerliste wurde heftig diskutiert. Ein Auftritt von mir war ursprünglich nicht geplant, erst kurz vor knapp wurde ich gefragt, ob ich nicht doch was sagen könnte.
Eine ziemlich bedeutungslose Kritik übrigens. Das Schöne an diesen Tagen im Oktober und November war, dass sich in dieser Zeit tatsächlich alle miteinander solidarisierten. Ohne Skepsis oder Neid. Sozialneid war in der DDR eh nicht so ausgeprägt, weil die Einkommen nicht den entscheidenden Unterschied machten und man mit Geld weniger weit kam, als mit guten Beziehungen. Herzchirurgen mussten ausgesprochen freundlich und spendabel zu ihren Automechanikern sein, wenn es um eine neue Auspuffanlage für den Wartburg ging.
Nicht wirklich. Das Ziel in den Tagen vor dem 9. November war ja nicht die Wiedervereinigung. Es hat nur wenige gegeben, die vielleicht geahnt haben, dass sie bald auf der Tagesordnung steht. Und dann ging es ab wie eine Lawine. Ich fand die Frage schon spannend, was aus der DDR hätte werden können, wenn nicht so rasant Fakten geschaffen worden wären. Andererseits ist es müßig, denn aufzuhalten war das damals nicht.
Mich macht das nicht traurig. Ich will ja keine Feierstunde abhalten. Es hat mit diesem überstrapazierten Begriff von Ostalgie nichts zu tun. "Hach, wie war das damals alles schön, seufz..." - das ist ja überhaupt nicht mein Ding. 1990 besuchte Jane Fonda Berlin und wollte ein paar Kollegen treffen, um zu verstehen, was in der DDR los war. Ich wollte ihr am liebsten alles erklären, aber wusste nicht einmal, wo ich hätte anfangen sollen. Wie kann man jemanden, der aus einer ganz anderen Welt kommt, die DDR erklären? Seitdem hatte ich eine Art Blockade, die erst durch die Konzerte und vor allem das Schreiben des Buches sich löste.