Zu Mozarts 250. Geburtstages steht dessen Heimatstadt Salzburg im Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Die Einwohner nehmen dies gelassen hin - und werden dem Komponisten genau damit gerecht. Von Carsten Heidböhmer, Salzburg

Ist das "Wolferl" oder "Wolfgang"? Die Salzburger bevorzugen letzteren© Kerstin Joensson/AP
"Heut ist nicht viel los. Ich steh hier schon seit Stunden." Die Taxifahrerin, die vor dem Salzburger Flughafen auf etwaige Mozart-Touristen wartet, hat von einem Rummel um den Jubiläumstag von Wolfgang Amadeus Mozart nichts mitbekommen. Keine Besuchermassen strömen in die Geburtsstadt des Komponisten. Es scheint ein Tag zu sein, wie jeder andere auch. Ihr ist es ganz Recht: Sie macht sich nicht viel aus klassischer Musik.
Auch in der Innenstadt ist es ruhig und übersichtlich. Keine Schlagen vor dem berühmten Geburtshaus. "Gehen's ruhig rein, sind gerad' eh nicht viele Leute drin". Die Ticketverkäuferin freut sich über jeden Kunden, der heute kommt und sich die von dem schrillen amerikanischen Opernregisseur Robert Wilson neu designten Räume in der Getreidegasse Nr. 9 anschaut.
In der Stadt herrscht eine abgeklärte Ruhe. Dabei wird der berühmteste Sohn der Stadt 250. Und die Medien machen kräftig Wind. Angeblich sollen sich rund 180 Kamerateams in der Stadt aufhalten, und die Salzburger "Kronen Zeitung" frohlockt gar: "Die ganze Welt blickt auf Salzburg". Den Salzburgern ist es einstweilen egal. Sie gehen weiter ihren Geschäften nach.
Und die drehen sich auch an den anderen 364 Tagen um Mozart. Kaum eine Stadt lebt so von der Vergangenheit wie Salzburg. Alles ist hier auf den berühmtesten Sohn der Stadt zugeschnitten. Jedes Jahr drei große Kultur-Events: Im Januar die Mozartwoche, dann die Osterfestspiele und die Salzburger Festspiele im Sommer. Daneben zahllose weitere hochkarätige Musikveranstaltungen über das Jahr verteilt. Dann sind da die großen Museen, das Geburtshaus und das Carolino Augusteum. Und schließlich unzählige Geschäfte, Restaurants, Cafés und Hotels, die Namen tragen wie Amadeus, Pamina, Don Giovanni oder Papageno. In jedem zweiten Schaufenster der Altstadt lacht einem das allseits bekannte Konterfei entgegen. Es gibt die berühmten Mozart-Kugeln, Mozart-Weine und -Liköre, ja sogar Mozart-Würste: Nicht ein Produkt, vor dem der Komponist nicht sicher wäre.
All das hat der Salzburger das ganze Jahr um sich, warum dann ausgerechnet am 27. Januar enthusiasmiert durch die Gegend laufen? Wer einmal im Sommer in der Stadt gewesen ist und die Touristenströme gesehen hat, die sich durch die engen Gassen der Stadt schieben - alle auf den Spuren von ihrem "Wolferl" - weiß, dass Mozart neben einer sprudelnden Einnahmequelle auch eine wahre Plage sein kann.
Die ganze Stadt wirkt in ihrer Mozart-Fixiertheit wie ein einziges Museum, in dem man am liebsten jeden Tag aufs Neue die Uhr zurückdrehen würde: auf das Jahr 1756. Weil es kein Mensch aushält, permanent in der Vergangenheit zu leben, haben sich viele Bürger der Stadt auf eine gesunde Distanz zu dem Komponisten begeben, legen ein freundliches Desinteresse an den Tag.