
Brotzeit in Rostock: In der Show-Halbzeit gibt es Sandwiches© Erik Weiss
Jürgens schreibt die Moderation, und er denkt sich Kunststückchen für seinen Schützling aus. Silbereisen studiert die Nummern ein, mit einem Perfektionismus, wie man ihn allenfalls von Rudi Carrell kennt. Über ein Hochseil gelaufen ist Silbereisen in der Show und auf einer Kuh geritten; mit Mireille Mathieu hat er gesungen, und er ist händchenhaltend mit Dagmar Koller über die Bühne spaziert; all das muss man sich erst mal trauen.
Tiefenbach bei Passau. Der Ortskern besteht aus der Kirche und dem Edeka, und man nennt den Nachnamen vor dem Vornamen. Hier ist der Silbereisen Florian aufgewachsen, als jüngstes von fünf Kindern, Vater Bauhofleiter, Mutter Hausfrau; die beiden sind inzwischen getrennt. Hier hat er Rainhard Fendrich aufgelegt und dazu seine erste Freundin geküsst. Hier hat er sich ein Haus gebaut, direkt neben dem Elternhaus.
Für andere mag das Kleinbürgerliche, Bodenständige Grund sein zur Rebellion - für Silbereisen war es das Nest, in dem er sich eingerichtet hat. Doch, eine Pubertät habe er schon durchlebt, sagt er. Pickel. Auch Zoff mit den Eltern. "Aber im Nachhinein muss ich zugeben: Sie hatten fast immer Recht", sagt er. Dass er die Volksmusik verflucht hätte, das gab es nie. Nach der mittleren Reife hat er kurz überlegt, eine Banklehre zu machen - die Liebe zur Harmonika war stärker.
Vielleicht fühlt Silbereisen sich in der volkstümlichen Szene so wohl, weil sie nicht viel größer als Tiefenbach ist: eine Ansammlung vertrauter Gesichter, ein Ort ohne große Überraschungen. Es gibt 20, 30 Größen in der Branche. Die dicken Wildecker gehören dazu, das Naabtal Duo, Patrick Lindner. Man kennt sich. Selbst sein "Schatzl", die Michaela, hat er in der Szene kennen gelernt: Ihre Schwester ist die Frau von Andy Borg, dem künftigen Moderator des "Musikantenstadls".
In Tiefenbach gibt es eine Franz-Silbereisen-Straße, benannt nach Florians Opa. Der war Bürgermeister, ein angesehener Mann. Enkel Florian hat ihn sehr gern gehabt. Von ihm bekam er seine erste Harmonika, mit der er bei Geburtstagen auftrat und in Bierzelten. Und weil er die Quetschn spielte, also Harmonika, hieß er bei seinen Kumpels "der Quetschi". Mit zehn nahm Silbereisen seine erste CD auf, und Karl Moik lud ihn ein in seine Nachwuchssendung "Wie die Alten sungen". Weil das Publikum so aus dem Häuschen war, durfte Silbereisen bereits eine Woche später in Moiks "Musikantenstadl" aufspielen. Mit 21 moderierte er im MDR seine erste Sendung, "Mit Florian, Hut und Wanderstock", in der er singend den Rennsteig überquerte.
An diesem Samstag präsentiert der Quetschi live aus Chemnitz das "Frühlingsfest der Volksmusik". Am Ende der Show wird er wieder Kusshände ins Publikum werfen und sagen "Bleiben oder werden Sie gesund!". Am Freitag darauf zeigt die ARD Silbereisens ersten Spielfilm, "König der Herzen", schnulzig-kitschig, happy endend.
Es gibt Leute, die möchten Silbereisen aus der Schunkelecke ins normale Leben holen. "Sie wollen ihn aus einem Gefängnis befreien, das er nicht als solches empfindet", sagt sein Manager Michael Jürgens. Eines Tages standen geschäftstüchtige Menschen in dessen Büro und sagten, wenn sie Silbereisen managten, wäre der in drei, vier Jahren reif, "Wetten, dass ..?" zu übernehmen. Mit allem hatten sie gerechnet, nur nicht damit: dass Silbereisen daran gar kein Interesse hat.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 13/2006