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23. Oktober 2002, 00:07 Uhr

Engel ohne Himmel

Zwar hat er noch keine Band, aber er übt schon für seinen großen Auftritt. Entwirft und zeichnet sorgfältig Plattencover und T-Shirts, die seine Fans einmal kaufen sollen - und werden. Gibt sich selbst Interviews vor dem Spiegel, schreibt imaginäre Starbiografien von einer Band, die auf Platz eins der Billboard-Charts steht. Er ahnt noch nicht, dass dieser Traum einmal zu seinem persönlichen Albtraum werden wird.

Es mag wie eine Popstar-Phrase klingen, doch die Musik ist Kurt Cobain schon damals eine Erlösung. Sie gibt ihm die Sprache, die ihm sonst fehlt. Wenn er auf Partys geht, was selten ist, kann er stundenlang in der Ecke sitzen. Stumm, abwesend. Er trägt einen Trenchcoat, im Sommer wie im Winter. Das macht ihn unnahbar.

»Ich zerbreche mir nicht den Kopf, was ich mit 30 mache«, sagt er laut seinem Biografen Charles Cross Anfang 1987, »weil ich es eh nicht bis 30 schaffe.« Du weißt doch, wie das Leben mit 30 aussieht - darauf kann ich verzichten.»

Nur auf der Bühne funktioniert er, dort ist er ein anderer. Charismatisch, charmant und nie sprachlos. Er hat Talent, er weiß das. Lange sucht Cobain nach einem Namen für die Band, die er 1986 mit seinem Freund Chris Novoselic gründet. Im Fernsehen sieht er eines Nachts eine Sendung über Buddhismus. Als der Moderator vom »Nirvana, dem Erlangen der Vollkommenheit«, erzählt, weiß Kurt Cobain, dass er den Namen seiner Band gefunden hat

»Wir sind bereit, den größten Teil der Kosten unserer LP und alle Studiokosten selbst zu tragen. Im Grunde wollen wir einfach nur bei Ihrem Label sein.« (Brief von Cobain an eine Plattenfirma)

Nirvana spielen, wann sie nur können. Und ihre Konzerte sind Sensationen, zu denen immer mehr Leute strömen. Sie erfinden nichts Neues. Sie spielen Punkrock-Songs, die aber keine dumpfen Holzhammer sind, sondern in denen stets feine Melodien versteckt sind. Die Musikjournalisten nennen das »Grunge«, ein gutes Verkaufslabel - es bedeutet Dreck.

Der Dreck verspricht eine Menge Geld, denn auf so einen wie Kurt Cobain haben sie gewartet. Kein Haarspray-Rocker wie Bon Jovi, kein künstliches Hit-Monster wie Michael Jackson. Cobain ist ein echter Verlierer von der Straße. Das wirkt. Zehn Millionen Mal verkauft sich das Nirvana-Album »Nevermind«, und MTV macht den Song »Smells Like Teen Spirit« zum Glaubensbekenntnis einer ganzen Generation - »Here we are now, entertain us.«

»Gottverflucht noch mal, Jesus Christus ... nun liebt mich doch, mich, mich, wir könnten es auf Probezeit versuchen...« (Tagebucheintrag von Cobain)

Kurt Cobain ist da angekommen, wo er immer hinwollte. Er ist der größte Rockstar der Welt - und doch so unglücklich wie nie zuvor. Er sucht Trost in den Armen der ruhmsüchtigen Rockdiva Courtney Love, die seine Heroin-Trips nicht verurteilt, sondern akzeptiert, ja sogar unterstützt - solange sie dafür auch im Rampenlicht steht. Eines ihrer ersten Dates verbringen die beiden in einem Hotelzimmer in Los Angeles. Courtney hat eine Überraschung mitgebracht: eine mit Seide bespannte Schachtel für das Fixerbesteck, das Cobain von diesem Tag an fast immer bei sich tragen wird. »Heart-Shaped Box« nennt er seinen Schatz und macht einen Song daraus, der später zum Hit wird.

Sie heiraten im Februar 1992 auf Hawaii und bekommen im selben Jahr eine Tochter, Frances Bean. »Rockstar-Baby als Junkie geboren«, entsetzen sich die Zeitungen, weil Courtney angeblich während der Schwangerschaft Heroin gespritzt hat. Der Polizei ist das Haus im 171 Lake Washington Boulevard East in einem Nobelviertel von Seattle bald wohlbekannt. Oft kommt es dort zu lautstarken Auseinandersetzungen zwischen Cobain und Love, die als »John und Yoko des Grunge« gefeiert und verachtet werden. Denn viele Nirvana-Fans befürchten, dass die egozentrische Courtney Love ihren zerbrechlichen Helden nur ausnutzt, um ihn dann wie einen abgekauten Apfel wegzuschmeißen.

»Womöglich ist es Zeit für die Betty-Ford-Klinik, um mich davor zu bewahren, meinen blutarmen Nagetierkörper noch länger zu quälen.« (Brief an einen Freund)

 
 
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