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29. Oktober 2002, 14:22 Uhr

Thank you for the Music

Nicht durch Zufall, sondern durch harte Arbeit: Benny sitzt am Klavier, entwickelt eine Idee, die Björn mit der akustischen Gitarre aufgreift, weiterspinnt und mit einem provisorischen Text an seinen Partner zurückgibt. Sechs bis acht Stunden pro Tag, drei Wochen lang, dann ist - vielleicht - ein neuer Song fertig. Oft aber auch nur eine Nummer für den Papierkorb.

Was diesen Musikdarwinismus überlebt, wird im Studio mit Toningenieur Michael B. Tretow auf Hochglanz poliert. Abbas Zauberformel für perfekten Pop: Die Melodie muss so einfach und der Sound so raffiniert wie möglich sein. Agnetha ist ein Sopran, Frida singt als Mezzosopran etwas tiefer. Tretow mischt die beiden Stimmen, wendet einen Haufen technischer Tricks an, und nach vielen aufreibenden Wochen ist er fertig, der neue Hit. Wie immer haben Agnethas und Fridas Stimmen dieses Strahlen, dieses Glitzern, das die Menschen glücklich macht. Und wie immer sind alle Beteiligten mit den Nerven am Ende.

Es entsteht Welthit auf Welthit: Nach »S.O.S.« folgt »Mamma Mia«, dann »Fernando«, schließlich »Dancing Queen«. Frida weint angeblich vor Freude, als ihr Freund Benny ihr den Song zum ersten Mal vorspielt. Die Popularität der Gruppe nimmt die beängstigenden Züge einer »Abbamanie« an: 1977 stehen für zwei Konzerte in der Londoner Royal Albert Hall 11.000 Tickets zur Verfügung - 3,5 Millionen Bestellungen treffen ein. In Australien löst eine Sendung über Abba die Live-Übertragung der ersten Mondlandung als meistgesehenes TV-Ereignis ab. Die erste Australien-Tournee von Abba 1977 gerät beinahe außer Kontrolle: Für einen Blick auf ihre Idole werfen sich Mütter mit ihren Kindern vor die Wagenkolonne, die Abba zum Flughafen bringt.

Manager Stig Anderson reibt sich die Hände: Mit an Besessenheit grenzendem Fleiß tingelt er durch die Welt, handelt für jedes Land Plattenverträge aus, die ihm und Abba maximalen Profit garantieren. Nebenbei erfindet die Gruppe das Musikvideo: Weil sie nicht überall gleichzeitig auftreten können, verschicken sie eben Videobänder. Lasse Hallström, heute einer der großen Regisseure Hollywoods, darf sich an den Abba-Videos austoben und dreht auch den Kinofilm der Gruppe mit weitgehend sinnfreier Handlung, aber vielen Bildern von der Australien-Tournee.

Doch auch die schönsten Bilder können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Leben in Tonstudio, Flugzeug und Hotel seinen Tribut fordert. Zwischen Agnetha und Björn kriselt es. Agnetha sehnt sich nach ihren kleinen Kindern Linda und Christian und will lieber Mutter als Megastar sein. Reisen ist für sie eine Qual, weil sie unter Flugangst leidet. Björn genießt den Ruhm und merkt nicht, wie sehr seine Frau leidet. Zugunsten der Familie zurückzustecken kommt für ihn nicht infrage.

Weihnachten 1978 zieht Agnetha nach der Bescherung aus dem gemeinsamen Haus aus. Abbas perfekte Oberfläche bekommt Risse - paradoxerweise tut das der Gruppe gut, weil Björns Texte nun Tiefe bekommen und Erfahrungen wie Schmerz und Trauer in die Songs fließen.

Nicht nur private Probleme zerren an den Nerven: Mit ihren legendären Kostümen und ihrem Image makelloser Großverdiener wird Abba in der Musikbranche zum Ziel von Verachtung und Spott. »Damals hätten wir Abba am liebsten geköpft, und ich hätte dabei die Axt geschwungen«, sagt U2-Sänger Bono heute, »wir haben gar nicht bemerkt, dass hier eine der besten Popgruppen aller Zeiten heranwuchs.« Und Malcolm McLaren, Manager der Sex Pistols, bemerkt rückblickend: »Abba stand für alles, was man nicht leiden konnte. Der Gedanke, dass Mum und Dad diese Melodien im Badezimmer ihres Vorortheims pfiffen, brachte einen sofort in Opposition!«

 
 
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