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8. April 2006, 10:03 Uhr

Der Klassik-Gipfel

Rollenwechsel: Rolando Villazón spielt gern den Clown und Alleinunterhalter, hier zeigt er sich einmal ungewohnt ernst© Ethan Hill

Netrebko: Ich war am Konservatorium dünn wie ein Nagel. Deshalb trug ich bei Auftritten ein Korsett, um einen großen Busen vorzutäuschen. Einmal sollte mir mein Gesangspartner ein Taschentuch aus dem Ausschnitt ziehen. Er suchte vergebens. Ich habe mich dann vom Publikum weggedreht und das Tuch in der Nähe meines Bauchnabels wiedergefunden.

Der stern schrieb vor zwei Jahren über Sie: "Die Verführung hat schwarze Augen, die jedem alles versprechen. Auf den Sandaletten von Manolo Blahnik schreitet sie wie eine Ballerina zur Zarenzeit, das Schlauchkleid trägt sie sinnlich wie eine Katze." Mögen Sie es, als Klassik-Babe wahrgenommen zu werden?

Villazón: Lass mich antworten, Anna! Es ist doch großartig, dass du auch eine wunderschöne Frau bist. Wäre ich unverheiratet, würde ich mir Groupies wünschen, die mir ihre Handynummer auf ihre Unterwäsche schreiben.

Netrebko: Wenn ich in Russland aus der Oper komme, lauert da immer ein Fanclub alter Frauen. Wir nennen sie "Babuschki". Sie bestürmen einen mit Sätzen wie: "Kindchen, heute hast du viel zu viel Make-up getragen." Oder: "Warum bist du denn in letzter Zeit so fett geworden?" Sie denken, man wäre Teil ihres Lebens, und wollen einen ständig korrigieren.

Opernsänger gelten als extrem abergläubisch. Pavarotti zum Beispiel bleibt am 17. jeden Monats am liebsten im Bett und wirft jeden aus seiner Garderobe, der etwas Purpurrotes trägt. Sind Sie auch so?

Domingo: Ich trage immer ein Gebetbuch in der Tasche und bete vor jedem Auftritt zu Santa Cecilia, der Schutzheiligen der Musik, und natürlich auch zu Sankt Blasius, dem Schutzheiligen des Halses. Nach dem Konzert gehe ich auf die leere Bühne, spreche ein Dankgebet und singe den Anfang der Oper, die ich als Nächstes mache. Auf die Bühne gehe ich immer mit dem linken Fuß zuerst, und wenn ich auf dem Bühnenboden einen Nagel sehe, bücke ich mich nach ihm und bewahre ihn auf.

Seit den "Drei Tenören" triumphiert der Kapitalismus auch in der Oper. Reut es Sie heute, mitverantwortlich zu sein für PR-Gewese und schnöden Kommerz?

Domingo: Wenn Sie sich die Geschichte der Oper ansehen, war die Show oft wichtiger als die Kunst. Der Lockruf des Geldes und der Virus des Ruhms sind keine neuen Phänomene. Die Gier nach Superlativen können Sie schon bei Farinelli und Caruso studieren. Caruso sang in Stierkampfarenen und bekam 1919 in Mexiko 15000 Gold-Dollar pro Auftritt - ein kleines Vermögen. Beim ersten Auftritt der "Drei Tenöre" 1990 in den römischen Caracallathermen ahnte keiner der Beteiligten, dass sich der Mitschnitt des Konzerts mehr als zehn Millionen Mal verkaufen würde. Unser Konzert 1994 in Los Angeles haben dann 1,5 Milliarden Menschen am Fernseher verfolgt. Puristen warfen uns Prostitution vor, aber diese Konzerte haben die Oper populär gemacht - bei den Massen und bei Politikern, die über die Vergabe von Subventionen entscheiden. Jeder, der etwas mit Oper zu tun hat, ist seither in einer sehr viel besseren Position.

Sie singen, dirigieren, leiten die Opern in Washington und Los Angeles, veranstalten den Nachwuchswettbewerb Operalia, betreiben ein mexikanisches Restaurant in New York, und zu Ihren zahllosen Schallplatteneinspielungen zählt selbst Entlegenes wie "Heidschi Bumbeidschi". Hatte Thomas Bernhard Recht, als er Sie den "Weltbeherrscher der Oper" nannte?

Domingo: Wollen Sie, dass ich nur noch golfe, Wein verkoste und gelegentlich bei einer Gala vor arabischen Ölscheichs auftrete? Mich würden schon vier Wochen Urlaub am Stück krank machen. Wenn ich singe, lenke ich die Zuhörer von ihren Problemen ab - dasselbe gilt aber auch für mich! Nichts ist für mich ausgleichender, reinigender und entspannender als ein Auftritt vor Publikum. Ohne Auftritte müsste ich mir wahrscheinlich schnell die Nummer von Ronaldos Psycho-Doktor besorgen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 14/2006

Rolando Villazón Sein Charisma ist einzigartig: Rolando Villazón, 1972 in Mexico City geboren, feierte 2003 mit seinem Debüt an der Met als Alfredo in Verdis "La Traviata" seinen endgültigen Durchbruch. Der Vater von zwei kleinen Söhnen, der mit seiner Familie in Paris lebt, begann bereits mit elf Jahren seine musikalische Ausbildung und erhielt zusätzlich Ballett- und Schauspielunterricht. In Europa machte sich der Tenor einen Namen mit umjubelten Auftritten in Genua, Paris, Berlin und Salzburg. Villazóns Begabung liegt in seiner Wandlungsfähigkeit: Er verleiht den dramatischen Momenten ebenso große Glaubwürdigkeit wie den leichten, komischen, clownesken Szenen

 
 
 
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