
Bassist Georg in einer ruhigen Minute im Hotelzimmer. Das geht zum Hof raus, vor dem Hotel kreischen die Fans© Thomas Rabsch
Die Jungs spielten in kleinen Magdeburger Clubs und machten bei lokalen Bandwettbewerben mit. Dann der Anruf vom Produzenten, große Euphorie. Doch der erste Plattenvertrag mit Sony BMG platzte, der Konzern hatte das Budget für Newcomer gekürzt. "Im Nachhinein war das gar nicht schlecht", sagt Trümper. "Die Jungs haben gleich gelernt, wie wechselhaft das Musikgeschäft sein kann und wie filigran der Erfolg." Und jetzt? Macht er sich Sorgen, dass sie irgendwann überschnappen? "Gedanken machen wir uns schon. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass sie durchdrehen. Sie sind unglaublich euphorisch nach einer Tour. Aber sie kommen auch schnell wieder runter. Dann finden sie es toll, dass zu Hause alles ganz normal ist", sagt er. "Es stimmt schon, was berühmte Leute häufig sagen: Man selbst verändert sich gar nicht so sehr - nur das Umfeld tritt einem anders gegenüber."
Ob die Band schon steinreich ist - dazu mag er nichts sagen. Der Vertrag zwischen dem Produzententeam von Tokio Hotel und der Plattenfirma Universal ist ein so genannter Band-Übernahmevertrag - das heißt, die Plattenfirma kauft jeweils das komplett fertige Songmaterial und muss sich nicht an den Herstellungskosten beteiligen. Die Band selbst hat einen angeblich gut dotierten Künstlervertrag, der sie an allen Einnahmen - CD-Verkäufe, Merchandising, Tournee-Erlöse - beteiligt. "Bisher", sagt einer der Plattenmanager, "kennt die Band seit Unterzeichnung ihres Vertrages nur einen Weg: steil nach oben."
David Jost, 34, ist im Produzententeam und schreibt zusammen mit der Band die Songs. Er trägt Turnschuhe und Lederjacke, unter den Augen tiefe Ringe. Freunde musste er schicken, sich eine neue Wohnung in Hamburg für ihn anzuschauen. "Mir bleibt dafür keine Zeit. Tokio Hotel ist ein Lebensjob", sagt er. Die Songtexte entwickelt er gemeinsam mit Bill Kaulitz. "Der hat schon mit acht Jahren angefangen, Texte zu schreiben", sagt Jost. "Vieles davon haben wir in die Songs eingebaut. Dass einer in dem Alter schon so emotionale Welten beschreiben kann, das macht ihn zum Ausnahmetalent."
Jost ist auch eine Art Band-Papa, der Mann für besondere Aufgaben. Er passt auf, dass die Jungs nicht über die Stränge schlagen. Die Zwillinge sind ja noch minderjährig und sollen nebenbei Hausaufgaben machen und für ihr Fernabitur lernen. "Das ist uns wichtig", sagt Bill, "falls es mal aus irgendeinem Grund nicht weitergehen sollte, wollen wir trotzdem einen Abschluss in der Hand haben." Die Schule haben die Kaulitz-Zwillinge nach der neunten Klasse verlassen, weil sie sowieso dauernd unterwegs waren. Und wenn sie doch mal da waren, brach der Unterricht zusammen, weil Fans aus ganz Deutschland den Schulhof belagerten.
Der Apfel auf Josts silbernem Laptop leuchtet immer, ununterbrochen fragt er seine E-Mails ab, ständig seien 400 ungelesen, sagt er. Er ist dabei, wenn die Jungs Konzerte geben, er begleitet sie auf jede Party. Und er meint beobachtet zu haben, dass langsam auch immer mehr Erwachsene "Believe" zeigen, wenn es um die Band geht. "Das mit dem Bill", sagt er, "ist irre. Bei der letzten 'Echo'-Verleihung zum Beispiel: Alle wollten mit dem reden. Chefs von anderen Plattenfirmen. Ich mein, das ist ja eigentlich tabu, bei einem fremden Artist. Aber die wollten ein Autogramm von dem. Der war ständig von 40 Leuten umringt. Wahnsinn." Selbst Herbert Grönemeyer, dessen Tochter Tokio-Hotel-Fan ist, gab den Magdeburgern kürzlich seinen Segen: "Zuerst habe ich von dem Hype gehört, dann wollte ich wissen, was dahintersteckt. Und als ich die Musik hörte, dachte ich, das ist kein zusammengeknalltes Etwas, sondern hat Substanz." Das Image der lange Zeit belächelten Teenieband hat sich gewandelt. Selbst ein Star wie Nena arbeitet jetzt mit Bill Kaulitz zusammen. Für den neuen Trickfilm "Arthur und die Minimoys" wirken beide als Synchronsprecher mit.
Und wie steckt Bill das alles so weg? "Erstaunlich gut. Aber klar, das strengt ihn auch an, unter Dauerbeobachtung zu stehen", sagt David Jost. In Hamburg-Bahrenfeld wohnen die Jungs inzwischen in einem Loft zusammen, das Aufnahmestudio ist gleich um die Ecke. So recht eingerichtet haben sie sich dort aber noch nicht, die hohen Räume mit dem Parkettboden wirken ein wenig karg. Dafür gibt es jetzt Einlasskontrollen vor der Tür, weil die Fans schnell davon Wind bekommen haben, wo die Jungs wohnen. Sie leben hier aus ihren Koffern, jederzeit aufbruchbereit, irgendwo wartet immer eine Fernsehgala, ein Konzert, eine Autogrammstunde auf sie.
Es gibt nur ein Badezimmer im Loft. "Da wird dann immer gestritten, wer als Letztes reindarf, weil derjenige dann am längsten drinbleiben darf", sagt Tom. Eigene Wohnungen wollen sie gar nicht, "aber wir freuen uns unglaublich, wenn wir zwischendurch mal wieder zurück zu unseren Eltern nach Hause nach Magdeburg fahren können", sagt Bill.
Es sind rare Momente, wenn Bill Kaulitz auch Schattenseiten seines Ruhms einräumt. Zu sehr wollte und will er das, was er jetzt hat: grenzenlose Aufmerksamkeit, 24 Stunden täglich. Nur manchmal rutscht es ihm raus: "Ich muss mich maskieren mit Mütze und Sonnenbrille, wenn ich mal einkaufen gehe. Und wenn mich dann doch ein paar Fans entdecken, dann wird aus einem Kurzeinkauf eine zweistündige Autogrammstunde mit Hunderten Fotowünschen. Das nervt schon manchmal." Sagt er, lauscht seinen Worten nach - und besinnt sich gleich wieder. "Aber die Fans sind toll, die sind alle total lieb." Jeder aus der Band hat seine eigene Methode gefunden, dem Druck zu entgehen: Gustav sitzt nach den Auftritten oft einfach nur im abgedunkelten Hotelzimmer, Georg stemmt schon frühmorgens Gewichte, und Tom sagt: "Ich komme am besten runter, wenn ich 13 Stunden lang im Bett herumliegen und ausschlafen kann."
Für Bill Kaulitz war Tokio Hotel immer mehr als eine Band. Für ihn war sie das Vehikel, sich selbst endlich zu einer öffentlichen Kunstfigur zu machen. Einer Figur, die er schon jahrelang auf kleinen Kellerbühnen erprobt hatte. Bill meinte es verdammt ernst. Noch bevor die erste Platte erschienen war, bevor man also wissen konnte, ob die Sache Erfolg haben würde, rief Bill Kaulitz eines Abends bei David Jost an: Ich werde mir das Tokio-Hotel-Symbol in den Nacken tätowieren lassen, ein "T" und ein "H", ineinander verschlungen. "Mann, du bist verrückt, hab ich ihm gesagt, nachher wird das nichts, und dann hast du für immer dieses Ding im Nacken!", erzählt Jost. Aber Bill sei ganz ruhig geblieben. "Er hat nur gesagt: Ich bin das, ich will das, und ich repräsentiere das. Auch wenn wir nicht erfolgreich werden." David Jost macht eine bedeutungsvolle Pause. Wäre das Ganze eine Filmszene, erklängen jetzt die Geigen.
In gewisser Weise ist die Erfolgsgeschichte von Tokio Hotel die Widerlegung eines alten Patentrezeptes der Musikindustrie: Man kann aus beliebigen Durchschnittstypen Stars machen, solange man alle Hebel der Maschine in Bewegung setzt. Die Magdeburger Schülerband war ein Rohdiamant, man musste ihn nur entdecken und schleifen. Ob es wirklich zur Weltkarriere reicht, wird sich zeigen. Dass amerikanische Jugendliche schon jetzt von der Existenz der Band wissen, liegt an einer simplen, aber wirkungsvollen Methode: Ein paar Neuigkeiten ins Netz stellen, ein paar Bilder und Videos - und die Verbreitung läuft wie von selbst. Magazine wie die "Bravo" oder deutsche TV-Sendungen hätten es nie geschafft, ausländisches Publikum so schnell zu erreichen wie die Internetportale Myspace oder YouTube.
Die Web-2.0-erfahrenen Fans, die das Netz als interaktives Kommunikationsmedium nutzen, fordern in erster Linie authentisch wirkende Stars, die direkt aus ihrer Mitte kommen könnten - und auch das lösen die vier Jungs aus der deutschen Provinz ein. Sie haben das richtige Aussehen, den richtigen Sound, und sie haben sich. Jetzt brauchen sie nur noch eine weitere Portion Glück.
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Stern
Ausgabe 05/2007