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19. August 2004, 14:34 Uhr

"Die Einschläge kommen näher!"

"Diese sechs Jahre gemeinsame Arbeit waren die längste und steinigste Reise zu mir selbst", sagt Udo Jürgens über die Entstehung seines Buches© Alfred Steffen

Sie werden am 30. September siebzig, wirken aber gespenstisch jung. Wie ist es, alt zu sein, wie fühlt sich das Alter von innen an?

Îch fühle mich nicht wie jemand, der Ihnen über das Alter Auskunft geben kann. Man darf sich von der Zahl nicht lähmen lassen. Körperlich empfinde ich kaum Unterschiede. Ich habe öfter Rückenschmerzen als früher, und wenn ich heute zu viel trinke, finde ich am nächsten Tag nicht mehr statt. Aber natürlich lese ich fast wöchentlich Todesanzeigen von Leuten, die jünger sind und mir nahe standen. Patsch! Patsch! Die Einschläge kommen näher! Der Blick in den Spiegel macht dich verletzlich, genauso wie das Betrachten alter Fotos von dir. Es gibt aber nur eine einzige Möglichkeit, dem Alter zu entfliehen, und die ist, früh zu sterben.

Sie gehören zur Kernzielgruppe von Mitteln wie Viagra.

Ich brauche es nicht. Ich habe auch keine Probleme zuzugeben, wenn ich mal Schiffbruch erleide. Ich habe schon als ganz junger Mensch vor lauter Angst Aussetzer gehabt. Da ging das Leben auch weiter.

Ertappen Sie sich dabei, nur deshalb mit Frauen zu schlafen, weil Sie meinen, es Ihrem Image noch schuldig zu sein?

Heute würde ich mich nicht mehr auf einen One-Night-Stand mit fremden Personen einlassen. Es ist zu schwierig, dabei die Würde zu bewahren. Früher habe ich mich gefragt: "Kannst du dieser Frau das antun?" Heute denke ich: "Das kannst du dir selbst nicht antun!" Ich rate inzwischen Frauen ab, sich mit mir einzulassen und sage ihnen: "Ich stelle für dich keine Perspektive dar."

"Was sind schon alle möglichen Verwicklungen der Liebe gegen ein neues Lied?", heißt es in Ihrem Buch. Macht Ihre Unfähigkeit zu lieben Sie stark oder schwach?

Ich habe akzeptieren müssen, dass ich Musik ernster nehme als irgendetwas anderes auf dieser Welt, aber unfähig zu lieben bin ich deshalb, glaube ich, nicht. Die Liebe ist eine wunderbare Verblendung, die nachlassen kann. Ein Lied dagegen hat länger Bestand.

Sie haben mit einigen Ihrer politischen Lieder bundesrepublikanische Sozialgeschichte geschrieben. Fällt Ihnen eine Song-Idee ein, wenn Sie von Ihrer Wahlheimat Zürich aus das Schlusslicht Deutschland dieser Tage betrachten?

Ich würde zuerst eine Metapher suchen, einen Plakatbegriff, der sofort klar macht, was ich meine. Warten Sie - vielleicht könnte "Made in Germany" richtig sein. Was mich an Deutschland zurzeit zur Verzweiflung bringt, ist diese Wehleidigkeit und Selbstzerfleischung, dieser fatale Hang, in düstersten Szenarien zu schwelgen. Der Begriff "deutsche Tugenden" wird weltweit als lobendes Prädikat verstanden. Warum besinnen sich ausgerechnet die Deutschen nicht darauf? Auch euch Journalisten trifft eine Mitschuld. Statt den Leuten Mut zu machen und positives Denken zu stärken, schreibt ihr das Land runter. Die Deutschen sollten endlich mit diesem tristen Lamentieren aufhören und an ihre grandiose Aufbauleistung nach dem Krieg denken.

Leben Sie nach Art alter Menschen mehr und mehr in der Vergangenheit?

Nein. Nur wer die Gegenwart sehr bewusst lebt, wird eine Vergangenheit haben, an die es sich lohnt zurückzudenken. Man muss jeden Tag mit dem Prinzip beginnen: Lasst uns Erinnerungen schaffen!

Woran merken Sie, dass Ihre zweite Frau Corinna 26 Jahre jünger ist als Sie?

Sie animiert mich zu mehr Sport, als ich Lust habe zu machen. Und sie hört Jugendmusikkanäle, mit denen ich zum Teil Mühe habe.

Was findet Corinna an Ihnen nur schwer erträglich? Dass ich ihr oft nicht genug zuhöre. Wenn Sie Corinna durch ein kurzes Schnippen mit dem Finger etwas beibringen könnten, was wäre das? Mit mir Fußball zu gucken.

Ihre bewährte Therapie für Liebeskummer?

Klavier spielen. Oder mit Freunden in der Kneipe hocken.

Was würden Sie tun, wenn Sie für einen Tag eine Frau wären?

Auf jeden Fall Acht geben, dass ich nicht einem Mann zu nahe komme.

Von Sven Michaelsen und Alfred Steffen (Fotos)
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