»Kronprinz der Generation X« (»Newsweek) nennen sie ihn, weil er in Interviews oft vom Tod erzählt, von Heroin und von einem Leben, das er unerträglich findet. Nur ernst nehmen sie das alles nicht. Für seine Fans, die mit der inszenierten Glamourwelt von MTV aufgewachsen sind, wirken solche Klagen nur wie eine gut geübte Pose. Und die fügt sich perfekt in das Gesamtkunstwerk des Antihelden, als das sie den Nirvana-Sänger von nun an sehen werden.
»Man hat ein kleines Monster im Kopf, das einem sagt: 'Es geht dir besser danach.'« (Brief von Cobain an seine Schwester)
Doch Kurt Cobain meint das alles bitterernst. Eine Todessehnsucht brütet in ihm, seit er Teenager ist. Er ist 16, als er sich nachts zu den Bahngleisen schleicht. Dort säuft und kifft er sich Mut an. Als er aus der Ferne einen Zug hört, legt er sich mit zwei Brocken Zement auf der Brust auf die Gleise. Doch es soll nicht sein. Ein paar Meter vor ihm springt die Weiche um. Der Zug donnert an ihm vorbei. Die Todessehnsucht bleibt bei ihm, schwirrt durch seine Gedanken. Sie klingt durch fast jeden seiner Songs.
Und in dieser Tatsache liegt wohl auch das größte Missverständnis um Kurt Cobain. Nicht der schnelle Ruhm war es, der ihn in den Tod trieb, sondern die Erkenntnis, dass auch der nichts an seinem Leben änderte. Er glaubt fest daran, er habe »Selbstmord-Gene« geerbt, auch weil drei nahe Verwandte in seiner Familie sich das Leben nahmen. Es mag zynisch klingen, doch Kurt Cobain hätte sich vermutlich auch umgebracht, wäre er Postbote geworden.
Sein Publikum hat davon nie etwas bemerkt. Auf der Bühne wirkte er mit seinen blonden langen Haaren und den hypnotischen blauen Augen wie ein zerbrechlicher Engel, nicht wie ein kaputter Junkie, dem am Ende sogar die finstersten Straßendealer aus Mitleid keinen Stoff mehr verkauften.
»Der Entzug ist genau so schlimm, wie man immer hört. Man kotzt, man schlägt um sich, man schwitzt, man scheißt ins Bett genau wie in dem Film 'Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo'.« (Tagebucheintrag von Cobain)
Am 30. März 1994 verfrachten ihn seine Manager nach Exodos, einer Entzugsklinik für Rockstars in Los Angeles - der letzte Rettungsversuch. 28 Tage soll er bleiben. In einem ersten Gespräch mit einem der Suchtberater wirkt Cobain einsichtig: »Ich will nur clean werden, und dann nichts wie raus hier.« Doch schon ein paar Tage später flieht er, klettert über die Mauer der Anstalt. Hat außer einer Kreditkarte nichts dabei, seine Tagebücher lässt er zurück. Die Sucht treibt ihn. Er fliegt erste Klasse zurück nach Seattle, Flug 788.
Einmal wird er noch gesehen, an einem Sonntagabend im Restaurant Cactus in Seattle. Dort hockt er, zusammengefallen, bleich, ausgehungert, mit ängstlichem Blick. Als er am Ende des Essens wie ein Hund seinen Teller ableckt, drehen sich die anderen Gäste entsetzt weg.
Es ist das letzte Mal, dass der größte Rockstar seiner Generation lebend gesehen wird.
Zitate aus: »Der Himmel über Nirvana - Kurt Cobains Leben und Sterben« von Charles R. Cross, Hannibal Verlag, 380 Seiten, 25,90 Euro