Selbst in Schweden wetzten die Kritiker die Messer: Abba verdiente gewaltige Summen, war profitabler als Volvo und versuchte dennoch alles, um sich vor der für Spitzenverdiener üblichen Einkommensteuer von 85 Prozent zu drücken. Im sozialdemokratischen Schweden der 70er Jahre eine Todsünde. Stig Anderson investierte, um Steuern zu sparen, in alle möglichen - und unmöglichen - Projekte und Firmen. Bald gehörten Abba Supermärkte, Bürotürme und Investmentfirmen, sie handelten mit Kunst und Sportbekleidung. Aus der Popgruppe war Ende der 70er ein Mischkonzern geworden, der unter anderem mit Rohöl spekulierte - ausgerechnet die gleichnamige Fischfirma hatte mit Abba nie etwas zu tun.
Doch Stig Anderson richtete Abbas schwer zu durchschauendes Firmenimperium zugrunde und bescherte der Gruppe horrende Verluste. In den letzten Jahren seines Lebens sprach er mit dem Quartett fast nur noch über Anwälte. Der Mann, der aus dem Nichts kam und einer der reichsten Männer Schwedens wurde, starb erschöpft und alkoholkrank 1997 nach einem Herzanfall. Als wäre der König gestorben, wurde seine Beerdigung live im schwedischen Fernsehen übertragen - eine späte Reverenz.
Als »The Day Before You Came« 1982 sang- und klanglos aus den Charts verschwand, war klar: Abba hatte sich musikalisch von seinem Publikum entfernt. »Eigentlich logisch«, sagt Björn heute, »Popmusiker können den Nerv der Zeit immer nur für eine gewisse Dauer treffen. Außerdem wollten wir nach so vielen Jahren einfach etwas anderes machen.«
Frida und Agnetha nahmen wenig erfolgreiche Soloalben auf, Benny und Björn schrieben gemeinsam mit Tim Rice das Musical »Chess«, das in England zufriedenstellend lief, in Amerika jedoch floppte. Ein zweites folgte 1995: »Kristina fran Duvemala«, die Geschichte schwedischer Amerika-Emigranten. Im Heimatland der Autoren war es sehr erfolgreich, die englische Version ist in Planung.
Nach dem Ende ihrer Solokarriere kämpfte Agnetha immer wieder mit Einsamkeit und Depressionen. Heute lebt die 52-Jährige zurückgezogen auf der Stockholmer Insel Ekerö. Ihr Resümee klingt bitter: »Ich habe nie ein Weltstar werden wollen.«
Der Trennung von Björn Ulvaeus folgten mehrere Beziehungen, die im Chaos endeten. Die zum Niederländer Gert van der Graaf, der sich als Achtjähriger in die Blonde verliebt hatte und mit dem sie von 1997 bis 1999 eine Affäre hatte, endete sogar vor Gericht. Als Agnetha Schluss machte, drehte er durch und terrorisierte Fältskog so lange mit Briefen und Anrufen, bis sie ihn verklagte. Die schwedische Boulevardpresse jubelte.
Frida war mit der Abba-Karriere stets besser zurecht gekommen. Ihr Glück fand sie an der Seite des deutschen Prinzen Ruzzo Reuß, eines Architekten, der aus dem verstoßenen Mädchen Anni-Frid Lyngstad 1992 eine echte Prinzessin machte. Doch das Märchen endete ebenfalls tragisch: 1999 starb Reuß an Krebs. Erst ein Jahr zuvor war Fridas 30-jährige Tochter Lise-Lotte bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Heute lebt Frida, 56, vorwiegend in der Schweiz und sagt: »Ich habe gemerkt, dass ich eine sehr starke Frau bin.«
1981 war Frida Knall auf Fall von Benny verlassen worden - für Mona Nörklit, mit der Andersson in einer Villa im vornehmen Stockholmer Stadtteil Djurgarden lebt. Heute spielt Benny, 55, ausschließlich schwedische Volksmusik und tourt im Sommer mit anderen Musikern durchs Land. Die anhaltende Abba-Euphorie macht ihn skeptisch: »Natürlich bin ich stolz, aber ist es nicht irgendwie seltsam, dass solche Erfolge durch etwas erreicht werden, das vor 20 Jahren geschaffen wurde?«
Auch Björn Ulvaeus, 57, in zweiter Ehe seit 1981 mit der Schwedin Lena Källersjö verheiratet, lebt wieder in Stockholm. Er hat die Schöpfer von »Mamma Mia!« beraten und reist in dieser Funktion noch immer als Abba-Botschafter um die Welt.
Wenn am 3. November in Hamburg der Vorhang für »Mamma Mia!« aufgehen wird, ist es 36 Jahre her, dass Björn und Benny ein paar Bier zusammen tranken. Noch immer betteln Abba-Fans auf der ganzen Welt, die Gruppe möge wieder zusammenkommen. Noch immer erkennen wildfremde Menschen Björn auf der Straße, schütteln ihm die Hand, lächeln und und murmeln ein verhuschtes: »Thank you for the music, Sir!«
Ein Unternehmer bot vor zwei Jahren eine Milliarde Dollar für eine letzte Abba-Tour - alles vergebens. Björn Ulvaeus sagt: »Die Leute sollten uns so in Erinnerung behalten, wie wir einmal waren.«