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Interview

Andreas Kümmert: "Ich dachte, ich sterbe"

Haushoch gewann Andreas Kümmert vor einem Jahr das Ticket zum Eurovision Song Contest. Dann tat er das Unfassbare: Er verweigerte sich. Er konnte nicht anders - er war krank.

Ein Interview von Arno Luik

Andreas Kümmert

Andreas Kümmert fühlt sich auf kleinen Bühnen wohl.

Herr Kümmert, vor gut einem Jahr schrieben Sie Fernseh- und Musikgeschichte.
Das war unfreiwillig, ich konnte da nichts dafür.

Sie gewannen triumphal den Vorentscheid zum Finale des Eurovision Song Contests, und dann … 

… stehe ich einfach da.

Ohne sich zu freuen, und Sie sagen zur Moderatorin Barbara Schöneberger: "Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen."

Ich weiß, was ich sagte: "Ich geb meinen Titel an Ann Sophie. Ich denke, sie ist einfach viel geeigneter und qualifizierter."

78 Prozent der Zuschauer sahen das anders, Hunderttausende, Millionen haben Sie bitter enttäuscht.
Nein. Sie sprechen von einem Triumph. Dass ich mich hätte freuen sollen. So konnte ich es in dem Moment nicht sehen. Es war ein Albtraum. Ein Traum wäre es gewesen, wenn ich in einer anderen Lebenslage gewesen wäre.

Was meinen Sie mit Lebenslage?
Ich hatte Angst. Panik. Ich litt damals unter Panikattacken, unter Depressionen. Immer wenn ich darüber nachgedacht habe, was passiert, wenn ich den Wettbewerb gewinne.

Sie hätten wahrscheinlich das Finale in Wien gewonnen.
Das glauben viele. Aber ich, ehrlich gesagt, nicht. Denn da kommt es ja nicht bloß auf deine Stimme an, sondern auf etwas ganz anderes: Glitter. Glamour. Show. Da muss ein Mann sich zur Frau stylen und einen Bart tragen. So wie die Conchita Wurst. Das ist doch absurd. Ich kritisiere Conchita überhaupt nicht. Ich mag Menschen, die von der Norm abweichen. Erwartungen durchbrechen. Aber um dort zu gewinnen, muss man auch optisch Erwartungen erfüllen. Sich rausputzen, sich stylen. Darauf habe ich keine Lust.

War an jenem 5. März 2015, dort auf der Bühne, der Gedanke in Ihrem Kopf: In Wien und in dieser Kunstwelt, da geh ich drauf?
Mir war klar, es würde mich überrollen, und ich werde es nicht verkraften. Ich musste diese Bühne verlassen, ich musste nach Hause, meine Wohnung von innen zuschließen. An dem ESC-Abend hat einfach meine Krankheit für mich entschieden, dass ich Nein sage.

Ihre Krankheit?
Ich leide unter Angststörungen.

Warum sind Sie dann überhaupt zu dem Wettbewerb gegangen?
Ich will ja, dass meine Musik lebt. Ich muss deswegen in die Öffentlichkeit. Jeder Künstler braucht Publikum. Es ist ein Paradoxon für mich: Ich brauch die Öffentlichkeit - und hab Angst vor ihr. So war das damals. Ich war so angreifbar. Und ich war gerade dabei, zu realisieren, dass da eine Krankheit in mir ist, dass ich etwas tun muss gegen diese Panikattacken.

Wann hatten Sie zum ersten Mal solche Angstzustände?
Das war vor 13, 14 Monaten. Da waren wir hier in diesem Studio, und plötzlich kam die Meldung, wer beim ESC-Vorentscheid antritt  - unter anderen ich.

Das ist doch eine schöne Meldung.
Ja. Eigentlich. Aber plötzlich riefen viele Reporter an, mein Telefon hat nicht mehr aufgehört zu klingeln. Alle wollten was von mir.

Sie hatten das Gefühl, da rollt eine Welle auf Sie zu, die Sie verschlingt.
So ähnlich. In meinem Kopf war bloß noch der Gedanke: Jetzt wird es ernst. Ich bin nach Hause gefahren. Plötzlich hatte ich Atemnot. Ich schwitzte. Ich fror. Kaltschweiß. Ich war ganz kurzatmig, hatte das Gefühl, der Sauerstoff, den ich einatme, erreicht meine Blutbahnen, meinen Kopf nicht mehr. Ich habe gedacht, ich sterbe. Ich ersticke. Ich kriege einen Herzinfarkt oder sonst was. Ich werde ohnmächtig, weiß der Herr. Todesangst. Ich bin zu einer Tanke, hab mir dort eine Dose Vitamalz geholt, ich dachte, ich bin in der Unterzuckerung. Ich habe das Getränk in mich reingepresst, es wurde nicht besser. Irgendwie habe ich es nach Hause geschafft.

Und dann kamen Sie ins Krankenhaus?
Ja. Ich wurde durchgecheckt, aber die haben nichts gefunden, physisch war alles in Ordnung. Aber in den Wochen danach habe ich gemerkt, dass diese Attacken immer wiederkommen. Ich hatte auf einmal Angst, dass nichts einen Sinn ergibt. Dazu extreme Angst vorm Sterben. Und dieses Wissen, das dich fertigmacht, nämlich dass wirklich nichts auf dieser Welt einen Sinn ergibt.

Nach Ihrem ESC-Abgang waren Sie in den sozialen Medien, auch in der Boulevardpresse ein Hassobjekt. Wie verkraftet man das?
Gar nicht. Soziale Medien? Asoziale Medien! Die Angriffe, die auf mich einprasselten, kann man nicht verarbeiten.

"Häng dich auf! Spring von der Brücke! Du Abschaum!" Solche Attacken gab es im Netz. 

Es gab noch viel Schlimmeres. "Ich hoffe, du verreckst auf der Bühne, Du fettes Schwein!" Ich bin kein Fan dieser Gesellschaft. Aber da hab ich erst gemerkt, wie böse und primitiv der Mensch sein kann. Man fängt an, obwohl man es nicht will, ein Misanthrop zu werden.

Was meinen Sie damit?
Man hält nichts mehr von dieser Gesellschaft. Da wächst Hass in dir.

Sie haben ja auch heftig zurückgeschlagen: "Verpisst euch, ihr degenerierten Arschlöcher!", twitterten Sie.
Ja. Durfte ich das nicht?

Hat es denn geholfen?
Natürlich nicht. Es war wie Benzin im Feuer. Die "Bild"-Zeitung hat es dann aufgerufen und ein bisschen abgeändert, bei Bild.de hieß es dann: "Kümmert beschimpft Fans!" Aber ich hab doch nicht meine Fans beschimpft. Ich hab mich gegen jene gewehrt, die mich zerstören wollten.

Da verzweifelt man.

Ja, sehr dunkel werden die Gedanken. Man kommt da nur raus, wenn man Menschen um sich hat, die einen lieben. Meine Eltern, meine Freundin standen mir bei. Jeden Tag. 

Viele, die unter Depressionen oder Angstattacken leiden, werden antriebslos, apathisch.
Ich hab versucht, jeden Tag zu arbeiten. Ich habe ja viele bürokratische Dinge zu erledigen, den Kontakt zur Plattenfirma zu halten, Auftritte zu planen. Aber häufig war das dann so, dass ich mich hinlegen musste. Ich wollte arbeiten - aber es ging nicht. Da kam immer wieder diese Sinnfrage, und die hat mir Angst gemacht. Irgendwann sagte ich zu meiner Freundin: "Pass bitte auf mich auf!" Man fühlt sich wie ein kleines Kind, das einfach ausgeliefert ist.

Schämt man sich da?
Ja. Ich hab mich oft entschuldigt bei Leuten in meiner Umgebung, dass sie so viel ertragen müssen.

Kurz nach dem ESC-Ereignis sollten Sie in Groß-Gerau auftreten.
Das war ein Fehler.

Andreas Kümmert

Sein Dilemma: Andreas Kümmert braucht das Publikum - und hat Angst vor ihm.

Sie hauten vor dem Konzert ab. Als "Arschloch" und "Schande für alle Musiker" wurden Sie nun im Netz verhöhnt.

Ja, ja. Warum ziehe ich diesen Hass auf mich? Wissen Sie, da schreibt einer so etwas, und der kennt mich nicht mal, Sie müssen sich das mal vorstellen! Das kotzt mich an. Was ist das für eine Gesellschaft, in der so etwas möglich ist? Ich hatte meinen Soundcheck in Groß-Gerau gemacht. Plötzlich überkam es mich. Richtige, tiefe Angst. Panik. Ich habe gemerkt, ich kann nicht auftreten. Ich habe mein Zeugs unglaublich schnell ins Auto geladen - ich muss weg, weg! Mir hat es leidgetan für die Veranstalter, für das Publikum. Aber ich konnte nicht anders. Nach diesem Groß-Gerau-Ding war mir aber klar: So kann es nicht weitergehen. Ich hab mir professionelle Hilfe gesucht, einen Therapeuten, ich bin seither in Behandlung - und seitdem habe ich keine Show mehr abgesagt.

Das letzte Jahr war hart für Sie, verdammt hart.
Es war extrem. Weil ich mir meiner Krankheit bewusst geworden bin. Ich verfluche sie, weil sie mich behindert. Aber Gott sei Dank hat sie mich nicht mehr im Griff. Ich beherrsche sie. Ich hab im vergangenen Jahr viel eingesteckt. Ich habe Dinge gelernt über meine Mitmenschen, die ich nicht unbedingt lernen wollte. Nachdem ich "Voice of Germany" gewonnen habe, ist die Welt um mich explodiert. Vorher habe ich auf der Straße mal schnell einen Fuffi verdient, habe in Kneipen und in Bars gespielt, vor 10, 20, 30 Leuten. Plötzlich war ich in Hallen vor 2000, 3000 Menschen.

Plötzlich waren Sie eine öffentliche Person.
Genau. Ich habe gelernt, dass ich meine Worte kontrollieren muss, dass ich aufpassen muss.

Wie? Sie denken ständig darüber nach, wie könnte eventuell interpretiert werden, was ich sage?

Ich passe auf. Ich bin vorsichtig geworden. Und misstrauisch. Das ist blöd. So will man nicht sein. Aber durch Schmerz wird man weiser. Ich hab ein Interview gemacht mit einer Frau von einer Boulevardzeitung. Sie war unglaublich nett zu mir, und ich hatte das sichere Gefühl, das wird eine schöne Geschichte, sie hat mich verstanden. Wir waren dann auf Tour, und an einer Tanke kauft mein Manager das Magazin dieser Dame. Ich habe ihren Artikel durchgelesen, und es war furchtbar. Die hat mich hingestellt als Vollasozialen. Als einen Penner. Sie schrieb von Kümmerts Ende. Ich hab sie angerufen, sie gefragt, warum sie diesen Scheiß schreibt, mir das antut? Sie hat sich rausgeredet. Sie habe das gar nicht gewollt, aber ihr Chefredakteur habe sie dazu gezwungen.

Auf Youtube gibt es ein kleines Video, auf dem Sie in einer Kirche Leonard Cohens "Halleluja" singen. Sehr eindringlich, Joe Cocker, denkt man, könnte vom Himmel runterschauen und sagen: "Ich habe einen würdigen Nachfolger!"

Das ist schön, dass Sie das so sehen. Jemand schrieb im Netz: "Mein Gott! Steht die Kirche noch? Der Freak kann Mauern einsingen!" Ich war da für eine Hochzeit gebucht. Ich war sehr nah an den Leuten dran, ich fand das eher unangenehm. Ich war sehr angespannt. Denn ich wollte das Glück des Paares vergrößern, also auf keinen Fall einen Fehler machen.


Während Ihres Vortrags hustet ständig jemand.
Das habe ich nicht mitgekriegt. Ich habe versucht, da wegzutauchen. Ich gebe immer mein Bestes. Ich tauche in der Musik ab. Da existiert dann das Gefühl für den Song, es existiert der Song, nicht ich als Person.

Muss ich mir das so vorstellen, wie es die Sängerin Erika Pluhar mal gesagt hat: "Auf der Bühne kann ich stimmlich, mir selbst oft ungeahnt, explodieren"?
Genau so ist es. Ich überrasche mich manchmal selbst. Es gibt Momente auf der Bühne, in denen ich auf einmal loslasse und Töne singe, die mich wirklich auch selbst beeindrucken. Das hat dann fast was Spirituelles: "Oh, wo kam denn das jetzt her?" Paul McCartney hat mal über den Song 'And I Love Her' gesagt, dass dies das erste Lied gewesen sei, das ihn überzeugt habe, dass er gute Musik machen kann. Songs, die ihn berühren und andere anrühren. Um solche Momente geht es.

Wann merkten Sie zum ersten Mal: Hoppla, ich kann nicht nur singen, mit meiner Stimme kann ich Menschen anrühren?
Ich denke, es war so mit 15, 16. Ich habe ja lange in Punk- und Metalbands gespielt, ich war am Schlagzeug, das war cool. Auch weil man sich dahinter gut verstecken kann. Ich habe lange nicht gesungen, das kam für mich gar nicht infrage. Ich war ja schüchtern.

Und auch nicht gerade der gut aussehende Frontman.
Bis zur zweiten Klasse war ich schlank, dann dick. Dann gab es Mobbing, Stress, Hänseleien. Es war schon heftig. Noch lange dachte ich bei Konzerten, wenn jemand lacht, der lacht mich aus. Aber immer wieder war meine Musik Rettung für mich, so wie es Nietzsche sagt: "Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum." Ich bin schon als Kind durch die Plattensammlung meines Vaters gegangen, ich habe mir viele Bluessachen angehört. Mit sechs habe ich in einem Plattenladen Guns N' Roses entdeckt. Da ging für mich etwas ab, was unter Umständen mehr als die Welt ist. Befreiung und Hilfe. Als ich das erste Mal Nirvana gehört habe, später, ich war ein Teenager, spürte ich: Die drücken pure Aggression aus, verpackt in durchdachter Lyrik. Ein pures Energiefeld, das man da hört. Ich konnte zu der Musik ausflippen. Ich hab mich in dieser Musik verstanden gefühlt, die Musik hat in meinem Kopf was ausgelöst, bewegt, angerührt. Und das möchte ich auch mit meiner Musik, meiner Stimme, meinen Songs erreichen.

Sie schreiben Ihre Lieder selbst.

Ja. Joe Cocker hat mich sehr beeinflusst. Aber wie gut er auch Lieder interpretiert - er singt letztendlich nur nach, was schon da ist. Das ist mir zu wenig. Ich will was Eigenes machen. Ich hab schon immer viel geschrieben, seit ich zwölf bin. Gedichte, Entwürfe für Theaterstücke, ich hab mir Storys ausgedacht, Unmengen von Notizbüchern habe ich vollgeschrieben. In mir war eine Lust auf Künstlerisches. Ich hab viel gelesen, Nietzsches "Jenseits von Gut und Böse", mir gefällt seine Erkenntnis: "Im Lobe ist mehr Zudringlichkeit als im Tadel." Goethes "Die Leiden des jungen Werther" fand ich wunderbar.

Und so düster wie so viele Ihrer Liedtexte.

Düster? Ich würde sagen: melancholisch. Und Melancholie hat was Schönes. Sie kann zur Erkenntnis beitragen.

Sie singen, dass Sie nicht gut genug für Ihre Freundin seien, Sie singen vom Tod und vom Sterben - etwa in der Ballade "Summer’s Gone".

Ja, eines meiner Lieblingslieder. "Summer’s Gone" als Metapher für die große Gemeinheit unseres Lebens: dass wir sterben müssen. In meine Texte fließt meine Erfahrung ein, sie sind gespeist aus allem, was ich bin, alles, was ich lese, was ich esse, was ich erlebe. Innerhalb von drei Monaten habe ich einige Menschen auf einen Schlag durch Krebs verloren. Seither habe ich Todesängste, beschäftige ich mich mit der Sinnfrage. Unsere Existenz -  was ist das bloß? Wir sind biologische Materie, die langsam abstirbt. Und wir gehen ins Nichts. Aber man kann sich ja kaum vorstellen, was das Nichts ist.

Reden Sie über solche Dinge mit Ihrem Therapeuten?

Ja. Ich erzähle, was mich bedrückt. Im Prinzip ist das so wie in unserem Gespräch jetzt, und ich hoffe herauszufinden, dass es noch andere Beschäftigungen im Leben gibt, als sich damit herumzuquälen, was passiert, wenn man gestorben ist.

Das finde ich auch.

Vielleicht mache ich deswegen Musik. Ich möchte, dass die Menschen sich ihr hingeben. Dass meine Songs Gefühle auslösen. Wenn mir jemand nach einem Konzert schreibt: "Ich habe gerade eine harte Zeit, aber du hast mir unglaublich Kraft gegeben", dann ist das schön. Dann hat das Leben in diesem Moment vielleicht doch einen Sinn. 





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