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Madonna ist ganz die Alte

Totgesagte leben länger. Madonna hat mit dem Auftaktkonzert ihrer Deutschlandtour bewiesen, dass sie so schlecht sein kann wie behauptet. Aber viel besser ist als erwartet.

Von Sophie Albers

Es fängt schon damit an, dass am Weg zur O2-World in Berlin Mädchen stehen, um Karten loszuwerden. Bei manchen lungert der Freund sogar daneben, schon im Deutschland-T-Shirt und mit Schwarzrotgold-Streifen im Gesicht. Madonna hat sich für ihr Auftaktkonzert des Deutschlandteils ihrer "MDNA"-Tour einen denkbar schlechten Tag ausgesucht. "Da wird es Trennungen geben", witzelt ein Konzertbesucher. Es sind also gute Mädchen, die die Karten loswerden wollen, um mit ihren Freunden das Spiel Deutschland - Italien zu sehen.

Das schlechte Mädchen, als das Madonna sich seit Anbeginn ihrer Karriere im vergangenen Jahrtausend immer so gern gegeben hat, erfüllt an diesem Abend sofort alle negativen Erwartungen. Nachdem ein technischer Fehler den Vorhang zu früh fallen lässt, eröffnet die "Queen of Pop" die heilige Messe, die sie um sich selbst zelebriert: Kirchenfenster, Mönche, Kirchenglocken, Weihrauch. Altmodischer Kitsch pur, fast ein bisschen Michael Jackson. Und dann holt sie auch schon die Maschinenpistole raus, zertrümmert die Heiligtümer, schießt um sich, und auf der Riesenleinwand pocht das Blut. Von "Girl Gone Wild" singt sie sich zu "Gang Bang", das im Titel anderes verspricht, als es hält. Madonna will "nur" wieder untreue Lover töten, ihnen "in den Kopf schießen", was sie in der Bühnenshow auch ausgiebig tut, bis einer tot von der Decke hängt. Ein Fan in der Menge hält eine Israelflagge mit der Aufschrift "Peace" hoch, während Madonna voller Inbrunst auf einen Bühnentoten spuckt: "You act like a bitch/ you die like a bitch". Der anschließende Uralthit "Papa Don't Preach" steht verlassen im sinnleeren Raum. Kein guter Anfang, Frau Ciccone.

Anders als das "MDNA"-Album, der größte Flop in Madonnas 33-jähriger Karriere, ist das Konzert ausverkauft. 13.100 Madonna-Fans sind laut Veranstalter trotz des Spiels gekommen. Aber die sind gerade nicht so überzeugt von der Frau, die sich in all der Blut-Friedhof-Folter-Voodoo-Ästhetik auf dem von ihr selbst errichteten Altar opfert. So imposant diese Bilderflut auch sein mag.

Alter Eisbrecher

Das alte "Express Yourself" wird zum Eisbrecher. Im Cheerleader-Kostüm, umrahmt von fliegenden und tanzenden Trommlern feiert Madonna die gute Laune in Kaugummifarben. Und ist endlich da, wo die dankbar schreienden Fans sie haben wollen: in der Vergangenheit. Da geht fast Madonnas genialer Seitenhieb an Popbratze Lady Gaga unter, indem sie deren Song "Born This Way" einflicht, der so deutlich von "Express Yourself" abgekupfert ist.

Wann immer die wirklich erstaunlich gut erhaltene, wenn auch etwas unbeweglichere 53-Jährige alte Stücke spielt, gibt es in den Rängen Standing Ovations. Und sie bedankt sich ausdrücklich für die Loyalität ihrer Fans, bevor sie in den Lovesong "Masterpiece" ausbricht aus ihrem ebenfalls gerade gefloppten Film "W.E.". Zum Glück kommt danach "Vogue", für das sie sogar den berühmten Spitz-BH wieder auspackt. Und bei "Human Nature" gibt es einen großartigen Tanz mit dem Spiegel zu sehen. Die Kabbala-Sekte, das Adoptions-Shopping und die Tatsache, dass Madonna schon länger nicht mehr Vor-, sondern Nachreiterin ist, sind kurzzeitig vergessen.

"Like A Virgin" als Chanson

Und dann kommt der Killersong des Abends: Madonna und ein Klavier, allein auf der Vorbühne. Im Meer ihrer Fans singt sie "Like A Virgin" als Chanson. In diesem Augenblick stimmt wirklich alles. Und es scheint auch gar nicht so schlimm, dass Deutschland von Italien schon zwei Tore kassiert hat. "No Fear" steht in Fontgröße 200 über Madonnas Rücken. Ein Fake-Tattoo, heißt es in den Klatschblättern.

Ebenso fake wirken Madonnas berühmte drei Konzertminuten über den Kampf gegen das Böse in der Welt, die uns alle so viel besser fühlen lassen sollen, hier im Warmen, Trockenen, Sicheren: Bilder von Bomben, Hitler, Burkas, Krieg, Tod, Mobbing, Schwulenhass, Black Panther, Occupy, Mütter, die ihre Kinder herzen, flimmern über den Köpfen. Aber da ist es wie mit Bono von U2: Er soll endlich aufhören zu reden und singen. Auch bei Madonna wartet man ungeduldig auf den nächsten Song zum Mitsingen. Und er kommt so sicher wie das Amen in der Kirche.

Vor dem Konzert wurde ein Mädchen gefragt, was wichtiger sei, das Deutschlandspiel oder Madonna. "Madonna", hat die Blondine geantwortet, "Deutschland sehen wir ja im Finale wieder." Sie hätte lieber das Spiel sehen sollen. Madonna kommt nämlich ganz sicher bald wieder. Jogi Löw wohl eher nicht.

Noch zwei weitere Konzerte in Deutschland:
30. Juni, Berlin/ O2 World
10. Juli, Köln/ Lanxess Arena

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