Sie spielen Fußball, hiphoppen und hängen ab. Mit Ballett hatten sie nichts am Hut. Hauptschüler aus Kreuzberg machten mit bei einem Tanzspektakel der Berliner Philharmoniker - und entdeckten eine ganz neue Welt.

Strawinskys Höllentanz: Als Diener des bösen Zauberers nimmt Sinan eine Prinzessin gefangen© Michael Trippel
Das Zauberwort heißt Fokus. Als Suz "Fokus!" brüllt, wird aus 40 lärmenden, schlenkernden, grölenden, kichernden Hauptschülern und Gymnasiasten in einer Kreuzberger Turnhalle plötzlich eine Truppe hochkonzentrierter Tänzer. Wie in den Boden gerammt stehen sie da, aufrecht, selbstbewusst, den Blick nach vorn gerichtet. Was "Fokus" ist? Suz, die Choreografin, hat es ihnen gleich beim ersten Mal vorgemacht. "Das - ist Stillstehen", hatte sie gesagt und stand da, na ja, wie man meistens so steht: schlaff und irgendwie, mit hängenden Schultern. "Und das", fuhr sie fort, "ist Fokus." Dabei ging ein Ruck durch ihren Körper, plötzlich sah Suz unheimlich stark aus, wie ein Ausrufezeichen mit Locken, und alle wurden ganz still.
Dritte Proben-Woche für den "Feuervogel". Die Turnhalle des Hesse-Gymnasiums ist erfüllt von Aufregung und Ablehnung, Fremdeln und Neugier, Hingabe und Widerstand. Warm-up. "Heute arbeiten wir etwas schneller", ruft Suz: "Kopf runter - one, two, three, four, five - in die Hocke und langsam aufrichten, Kopf hoch und - Fokus!" Immer schneller. "Und jetzt mit Musik!" 20 Gymnasiasten und 20 Hauptschüler gehen zu Boden wie Getreide im Sommergewitter und wachsen wieder hoch wie in der Sonne danach. "Good! Well done!", ruft Suz, "Ich sehe 36, die wirklich hart arbeiten. Und vier, die reden und kichern und das Ganze kaputtmachen. Wie heißt du?" Der 16-jährige Murad, der sich steif wie ein Greis gibt und hinten mit seinen Kumpels rumclownt, grinst verlegen. "Blamabel, wie faul du bist. Ich sollte hier alle beobachten. Stattdessen schaue ich nur auf dich." "Ich kann so was nicht", murmelt Murad, der in den Pausen wie ein Pingpongball über die blauen Matten titscht. "Du kannst", sagt Suz, "komm nach vorn!"
Es ist nicht sein Ding, er tanzt anders, wird Murad später sagen. Er findet es albern und lächerlich, "zu leicht". Für einen wie ihn, der seine Nachmittage mit Breakdance und Konditionstraining verbringt, der Gewichte stemmt, sich heiß boxt und aufs Pflaster spuckt am Kottbusser Damm. Er macht hier nur mit aus Solidarität, sagt Murad, "und weil es immer noch besser als Schule ist".

"Feuervogel"-Probe in der Arena in Berlin-Treptow. Die 214 Tänzer kommen von zwei Hauptschulen und einem Gymnasium in Kreuzberg, einer Grundschule aus Marzahn und zwei Tanzschulen. Auch eine Seniorengruppe ist dabei© Michael Trippel
Am Anfang waren sie fast alle dagegen, die Schüler der 10.1 und 10.2 der Friedrich-Ludwig-Jahn-Hauptschule in Kreuzberg. Als Herr Peter, der Konrektor, seinerzeit sagte, die Berliner Philharmoniker lüden sie ein, an ihrem neuen Tanzprojekt teilzunehmen, da haben sie erst mal mächtig gemosert. Vor allem die Jungs: Ballett! Haha. Weiberkram. Sie spielen Fußball. Und zwar Bombe. Bis zum Gesamtberliner Meister. Aber tanzen! Nicht mit ihnen. Nicht so. Berliner Philharmoniker? Nie gehört. Simon Rattle? Simon was? "Eigentlich", sagt Ali und grinst, "hat Herr Peter uns damals richtig gezwungen zu unserem Glück."
Dabei stehen - und nicht erst seit dem Erfolg des Films "Rhythm is it!" - die Schulen Schlange, um bei diesem größten Education-Projekt der Philharmoniker mitmachen zu dürfen. Jeweils im Frühjahr findet es statt: Sieben Wochen lang studieren Berliner Schüler ein Tanzstück ein - in diesem Jahr den "Feuervogel" von Igor Strawinsky -, das sie am Ende mit den Philharmonikern in der Arena Treptow spektakulär zur Aufführung bringen. Die Idee stammt von Simon Rattle, dem Chefdirigenten der Philharmoniker, der damit seine Spitzen-Bigband aus dem Elfenbeinturm herausholen und kulturferne Kids an die Musik heranführen will. "Musik ist kein Luxus, sondern etwas, das die Menschen brauchen wie Wasser und Brot", sagt er. Und er möchte auch solche Schüler gewinnen, denen derlei existenzielle Bedürfnisse bislang nicht mal im Traum einfielen: schwierige Schüler aus schwierigen Schulen aus schwierigen Stadtteilen.
Wenn Klaus Peter, 53, von seiner Schule spricht, dann ist es eine Mischung aus Liebe, Wut und Resignation. Liebe, weil ihm seine Schüler am Herzen liegen. Wut, weil die Berliner Politik Hauptschulen wie die Friedrich-Ludwig-Jahn gnadenlos den Bach runtergehen lässt. Und Resignation, weil man selbst als Konrektor daran kaum etwas ändern kann. Oder was soll man tun angesichts der Tatsache, dass Schulen wie seine zu Restschulen der Nation wurden für die Übriggebliebenen, die sonst keiner will? Wenn ausgerechnet an so einer Schule eine Schulstation fehlt, die hilft, wenn Schüler mal ausrasten? Wenn das Kollegium überaltert ist und der Anteil der Lehrerinnen zu groß? An einer Schule mit überwiegend türkisch- oder arabischstämmigen Jung-Machos! Nur noch 25 der insgesamt 329 Schüler kommen aus Deutschland.
"In vielen Familien gibt es riesige Probleme", sagt Klaus Peter. Die Eltern sind fast ausnahmslos arbeitslos, Hartz-IV-Empfänger. Sie tauchen in der Schule kaum auf, ihre Kinder sind ihnen egal. Weil sie es auch nicht anders kannten und vollauf damit beschäftigt sind, sich selbst durchs Leben zu bringen. Manche von Herrn Peters Schülern haben so viele Geschwister, dass es ihnen peinlich ist zu sagen, wie viele. Manche haben Geschwister, die sitzen im Knast.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 24/2005