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Rocklesbe im XXL-Format

Auf der Bühne sieht sie aus wie die weibliche Version des Michelin-Männchens. Trotzdem hat sie eine britische Musikzeitschrift zur coolsten Frau des vergangenen Jahres gekürt. Jetzt kommt Beth Ditto auf Deutschland-Tour.

Von Kathrin Buchner

Als "Queen of Cool" kürt das britische Musikmagazin "New Musical Express" sie im vergangen Jahr und widmet der amerikanischen Rocksängerin Beth Ditto diverse Titelgeschichten. Anfang Juni ziert dann eine gänzlich nackte Beth das Cover, Geschlechtsteile sind allerdings nicht zu sehen. Die eine Hand verdeckt den Busen, die andere, mit den rot lackierten Fingernägeln, hat Beth auf die Hüfte gestützt, ein Kussmund ziert ihr ausladendes Hinterteil, unter den Achseln kräuseln ein paar Haare hervor, daneben prangt der Schriftzug "Kiss my Ass!"

Schwarze Haare, rote Lippen, wären die Kurven nicht ganz so üppig, sähe sie aus wie eine lebendige Version der Comicfigur Betty Boop. Eine barocke Wuchtbrumme, mal im enganliegenden Catsuit in Knallpink oder im violetten Latex-Kleid - Hauptsache figurbetont. Die bekennende Lesbe sprengt die Konventionen gängiger Schönheitsideale und rebelliert so gegen althergebrachte Geschlechterprägungen in einem Business, in dem perfektes Aussehen das A und O ist - zumindest bei Frauen. Dass ein Marilyn Manson wie ein menschgewordener Zombie herumläuft, daran stört sich kaum jemand. Auch die Weather Girls brachten zusammen garantiert eine halbe Tonne auf die Bühne, aber auf die Idee, sich völlig unbekleidet ablichten zu lassen , ist bisher keiner von ihnen gekommen.

Fanzines und Punk-Kassetten

Beth Ditto liebt die Provokation. In ihrer amerikanischen Heimat stieß die 26-Jährige da auf wenig Verständnis. Aufgewachsen in Arkansas, tief im Süden der USA, wo Baptistenpriester regelmäßig fordern, dass Lesben in der Hölle schmoren sollen, engagierte sie sich zusammen mit ihrem späteren Bandkumpel Nathan Howdeshell in der örtlichen Punkszene. Sie verfassten Fanzines und hörten Punk-Kassetten von Nathans Cousin aus Louisiana.

Kaum volljährig brach Beth mit ihrer Familie und flüchtete zusammen mit Nathan nach Olympia, Washington. Und findet eine neue Heimat in der feministischen Rrriot Girls Szene. Als Gegenpol zu der von Machotum und Männlichkeitswahn geprägten Rockszene formierten sich dort Anfang der 90er Jahre politische Frauenbands wie Bikini Kill, Sleater Kinney oder Bratmobile. Auch Courtney Love und ihrer Band Hole gehörten zeitweise zu dieser Szene.

Besserer Resonanzkörper

Dort lebt Beth ihre politischen Überzeugungen, ihre Sexualität und vor allem ihre musikalischen Ambitionen aus. Drei Studioalben hat sie mit ihrer Band The Gossip, zu der neben Nathan noch Hannah Blilie am Schlagzeug gehört, veröffentlicht. Ihre Stimme erinnert an Blondie, aber mit mehr Soul, der Sound ist ekstatisch, ein bisschen White Stripes, ein bisschen Sonic Youth, viele New-Wave-Einflüsse, intensiv und kraftvoll. An Stimmvolumen übertrifft Beth Ditto die derzeit so angesagte Amy Winehouse um ein Vielfaches. KeinWunder, verfügt sie doch über den besseren Resonanzkörper. Ihr Song "Standing in the way of control" ist eine Hymne an die Zivilcourage, er soll die Menschen zum Kämpfen für ihre Rechte, ihre Ideale ermuntern.

So gut ihre Stimme ist und so viel Kraft ihre Songs haben, ist es sicherlich mehr ihr exzentrisches Äußeres als die Musik allein, die Beth Ditto zur neuen Kultfigur Londons machen. Seitdem der "New Musical Express", Großbritanniens Leitmedium der Independent-Musik, sie zur coolsten Frau des Jahres erklärt und aufs Cover gehoben hat, ist sie eine Berühmtheit auf der Insel. Fotoshootings, Fernsehauftritte und Interviewtermine häufen sich, Noel Gallagher lud sie zu seiner Brit-Award-Aftershow-Party ein, Kate Moss zieht mit ihr durch die Londoner Clubs. Noch bleibt Beth ihrer Punk-Attitüde treu. Sie hat Prinzipien: Weder für Nike-, noch für Cola- und schon gar nicht für Diätprodukt-Werbung würde sie ihre Songs hergeben. "Es ist total hohl zu glauben, abnehmen macht einen glücklicher", sagt Beth.

Gratwanderung zwischen Underground und Mainstream

Kürzlich hat sie das Angebot einer eigenen Reality-Show im Fernsehen abgelehnt. Auch als Vorband von Pearl Jam wollte The Gossip nicht durch die Stadien touren. Sie weigerte sich, in einer Filiale von Englands angesagtesten Klamottenläden TopShop zu spielen, weil sie keine Kleidung in ihrer Größe haben. Einmal sind The Gossip mit den Scissor Sisters aufgetreten, ein Gig, der im Chaos endete. "Die Leute wussten noch nicht mal, wer die Ramones sind", sagt Beth. "Wir wollen nicht im falschen Umfeld auftreten". Ob da das hippe London der richtige Ort für diese Kämpferin von Format ist? Ob sie die Gratwanderung zwischen Underground und Mainstream schafft?

Immerhin, die Regeln von Underground zu Mainstream sind nirgendwo fließender als in der Stadt an der Themse, in der das hoch bezahlte Topmodell den Rockstar-Junkie in die feine Gesellschaft einführt. Derzeit ist Beth sicherlich der schrägste Vogel im Paradiesgarten der Themse-Metropole. Denn soviel ist sicher: Wer Beth Ditto einmal gesehen hat, egal ob live oder auf einem Foto, der wird sie so schnell nicht vergessen.

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