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Der Godfather aller echten Männer

Die Zeiten ändern sich. Nur Bob Dylan bleibt. Seit 40 Jahren ist der Song-Literat ein Gott für seine Anhänger. Jetzt beginnt der 65-Jährige in Hamburg seine Deutschland-Tournee. Und da wird sogar das Wetter wieder ein bisschen melancholischer. Die Beschreibung eines Männerphänomens.

Von Ulrike Posche

Wer Männer verstehen will, muss Bob Dylan hören. Denn Bob Dylan ist, was Männer sein wollen. Unberechenbar, eigen, unabhängig. Forever young. Sie wollen alberne Hüte aufsetzen, wie er, und Hemden mit scheußlichen Kragen tragen. Sie wollen seinen Puffgänger-Bart haben, weil sie den schön finden, klassisch eben. Sie wollen Holz hacken, sie wollen einfach jetzt mal nicht reden müssen ("Ain't talkin', just walkin'"). Sie wollen in romantischen Momenten "Love Sick" hören. Und nicht "Angel" von Robbie Williams. Sie verachten Cat Stevens irgendwie, obwohl sie ihm nichts vorwerfen können. Aber der ist eben nun mal ein Mädchenmusiker, auch als Muslim.

Männern ist es egal, was nach ihrem Tod passiert. Aber es soll bitte "Knockin' on Heaven's Door" bei der Beerdigung gespielt werden. Und "When the Deal Goes down" und "With God On Our Side" vielleicht, am liebsten unplugged.

Nein, sie würden niemals im Restaurant dem rumänischen Rosenverkäufer Geld für eine Marshall-Nile-Rose geben. Aber wenn sich ein dürrer Mr. Tambourine Man mit Klampfe und Mundharmonika in der Fußgängerzone an "It ain't me, babe" vergreift, dann werden sie weich. Es ist manchmal schwer für eine Frau, Männer zu verstehen. Noch schwerer aber ist es, das Männerphänomen Bob Dylan zu begreifen.

Für viele ist er ein Gott

Bob Dylan fühlt, wie Männer fühlen wollen. Für die ist Dylan der größte "Sänger" aller Zeiten. Und "Sänger" schreiben wir auch nur deshalb, weil uns der Begriff "Pop-Star" im Zusammenhang mit Robert Allen Zimmerman alias Dylan aus Duluth, Minnesota umgehend die Fatwa seiner Jünger einbrächte. Bob Dylan ist schon 65, aber es ist ihm egal. Er sieht vollkommen bescheuert aus mit seinen verkrusselten Haaren, aber es ist ihm egal. Dylan ist für viele ein Gott, oder mindestens ein Heiliger. Er ist Kult. Bono von U2 und Wolfgang Niedecken von BAP wollten immer sein wie er - und auch das ist Bob Dylan egal.

Nun, ausgerechnet in der Osterwoche, startet er in Deutschland seine Tournee. Auf dass die Gläubigen zu ihm pilgern, die Gefallenen, die Gebrochenen: Die, die eigentlich längst schon den Highway No.1 auf einer alten Harley hatten fahren wollen, es aber bis heute nur mit dem Family-Van auf die A1 geschafft haben. Sie tapern nun in hässliche Hallen und Säle. Es ist ihnen egal, wo der Meister die Lippen verzieht, um Töne, die in ihm wohnen, herauszuquälen. Um durch die Stimmbänder komplizierte Texte zu pressen, die sich jedem Schulenglisch entziehen. Jede Strophe ein neues Gedicht, schwärmen die Pilger. Und jedes Gedicht einen Literaturnobelpreis wert, sagen die, die ihm jedes Jahr aufs neuen diese Ehrung gönnen.

Liebe verzeiht alles

Sicher, er macht es seiner Gemeinde manchmal nicht leicht. Hart, dass er einen seiner berühmtesten Songs im Jahr 2004 der New Yorker Unterwäsche-Firma "Victoria's Secret" für einen TV-Spot verkauft hat und sich selbst als Akteur gleich dazu. Aber Liebe verzeiht bekanntlich viel, alles. Hauptsache, sagen die Fans, Holy Bob singe zu ihnen. Hey! Mr. Tambourine Man, play a song for me, I'm not sleepy and there is no place I'm going to. Hey! Mr. Tambourine Man, play a song for me, in the jingle jangle morning I'll come following you.

Er hat sie schon so oft enttäuscht, die Fans! Man denkt zum Beispiel immer: Woodstock-Festival, 1969, Joan Baez, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Bob Dylan. Aber Dylan spielte gar nicht mit. Einfach nicht hingegangen, damals. "Ich träumte von einem Job von neun bis fünf", schreibt er erklärend in seinen Erinnerungen ("Chronicles, Volume One"), er träumte von "einem Haus in einer baumbestandenen Straße mit weißem Lattenzaun und rosa Rosen im Garten". Im Grunde seines Herzens nämlich war Bob Dylan ein Spießer wie du und ich, mit rosafarbenen Spießerträumen hinterm weißen Lattenzaun. Wenn er genug Holz gehackt hatte, ging er durch das Spielzeug, das seine vier Kinder im Garten vergessen hatten, rüber ins Haus und schüttete gern etwas Whiskey in die Sauce, die auf seinem Herd schmurgelte. Und das war es dann auch an Exzess, an Revolte, an Woodstock.

"Ich hatte die Schnauze voll davon, dass ich zum Obermufti geweiht worden war, dass man alles mögliche in meine Texte hineingeheimniste, dass ich zum Oberpopanz der Rebellion ernannt worden war. Es ging mir auf die Nerven. Ich war nicht der Grüßaugust irgendeiner Generation - dieser Zahn musste den Leuten gezogen werden."

Damals ging Dylan nach Israel, setzte sich eine Kipa auf und betete an der Klagemauer. "Alle großen Schundblätter machten über Nacht einen Zionisten aus mir. Das half ein bisschen", schreibt der Musiker in seiner Autobiografie. Bob Dylan ist der König der Eigen-PR. Der Meister des Sich-selbst-immer-wieder-neu-erfindens. Als er 1997 in Bologna vor Papst Johannes Paul II. und dessen Nachfolger Joseph Ratzinger sang, schrieb der spätere Papst Benedikt: "Ich war skeptisch und bin es in gewisser Weise noch immer, ob es wirklich richtig war, diese Art von Prophet auftreten zu lassen. Es war ein Treffen der Giganten und der Augenblick unvergesslich, als der große Rebell Dylan sich anschließend vor den Zuschauern und danach mit einem tiefen Diener vor dem Nachfolger Petri verbeugte". Ein Treffen der Giganten!

Zionist, Katholik und Dessous-Werber. Motorrad-Fahrer, Weichei und Rebell, Liebhaber und Vater, Genie und Idiot. Bob Dylan war und ist immer alles zugleich. Er ist das männliche Prinzip in seiner ganzen Gen-Bandbreite. Einer, bei dem der liebe Gott dachte: Jetzt rühre ich einmal alles zusammen und gucke, was herauskommt. Vielleicht ist Dylan ja auch ein Zyniker, einer, der sich zeitlebens lustig machte über die Deppen, die versucht haben aus den kryptischen Antworten schlau zu werden, die er Journalisten auf kryptische Fragen gab. Ein Kotzbrocken, der Lust daran verspürte, jene, die ihm zujubelten, immer wieder zu enttäuschen. Er nahm vierzig oder fünfzig Alben auf, manche sollen nach Aussagen der Experten grottenschlecht gewesen sein, schlechter als manche seiner Konzerte. Verkauft wurden sie trotzdem. Er sprach gelegentlich so ami-manieriert, so leidend, so angeekelt von der Welt, dass man sich persönlich bei ihm für alles entschuldigen wollte.

Die Folksängerin Joan Baez, mit der Dylan als sehr junger Bob einst eine Liebesbeziehung hatte, hat seine Masche, dieses schwere, vokale Georgel, in einem Dokumentarfilm von Martin Scorsese wunderbar parodiert. "How does it feel, To be on your own, With no direction home, Like a complete unknown, Like a Rolling stone?" Schmerzgesicht, Stimme quetschen, Wörter in die Länge ziehen. Neulich hat der Schauspieler Sylvester Stallone in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" verraten: "Bob Dylan boxt. Er hat zwischen Santa Monica und Venice ein eigenes Gym - und da boxt er. Ich schwör's!" Das ist doch unfassbar!

Und dann boxt der!

Man hört als Beifahrerin eines Bob-Dylan-Vereinsmitglieds etwa auf sehr langen Autofahrten sämtliche Folgen seiner "Theme Time Radio Hour", die man auf verschwurbelten Wegen aus dem Internet herunter gezaubert hat. "Dreams, shemes and themes", flüstert er da zu Beginn jeder monothematischen Sendung mit beschwörender Stimme, "thiiiihhms". Es geht um Themen wie "Baseball", "Drinking", "Mother" "Divorce" und "Jail". Also um typische Männerthemen. Baseball, Saufen, Mütter, Scheidung, Knast. Wir lesen die Biografien und Analysen der Dylan-Versteher. Und am Ende denken wir, wir wüssten alles über den Literaten-Opa. Und dann boxt der! Dylan ist verlässlich unverlässlich. Seit mehr als vierzig Jahren. Nichts an ihm ist, was es scheint. Wenigstens das steht fest.

Er ist der letzte lebende Held jedes ernst zu nehmenden Mannes. Wer Dylan nicht mag, nicht hört, nicht wenigstens eines seiner eigentlich unsingbaren Stücke nachsingen kann, soll doch wieder zu Mama ziehen, ins alte Kinderzimmer; sollte noch einmal ganz von vorne anfangen. Irgendwo bei der ersten Klassenfahrt, bei "The answer my friend is blowing in the wind" auf der letzten Bank des Reisebusses, der einen in die Jugendherbergen der Eifel, des Sauerlandes oder an die Plöner Seenplatte brachte. Sollte am Lagerfeuer der ersten Freundin "Lay Lady Lay" vorsingen, und in besetzten Häusern "The Times They Are A-Changin'" knödeln. Nur mal so zum Anfang.

Dylan spendet Trost

Bei der ersten Trennung sollten Dylan-Anfänger dann nach Hause gehen und "Don't think twice, it's all right" auf dem iPod anklicken. Das tröstet über jede verlorene Freundin hinweg. Oder "Shelter from the Storm". Schön klebriges Songwriter-Karamell: "Plötzlich drehte ich mich um und sie stand da. Mit silbernen Armbändern an den Handgelenken und Blumen in den Haaren. Sie kam so würdevoll auf mich zu, sie nahm mir die Dornenkrone ab, sie sagte: Komm rein, ich beschütze dich vor dem Sturm".

Und später, wenn ihr dann endlich Chefs und richtige Herren geworden seid, ihr Männer aus Pöseldorf, Münster und Köln, dann springt bei der Weihnachtsfeier Eurer kleinen Firma auf die Bühne, schnappt Euch das Mikrophon und ruft in den Saal: "Bitte, bitte, werdet niemals alt, Leute!"

Bob Dylan ist eine Mundharmonika spielende Legende, eine Ikone, der ewige Star. Er ist der letzte große Männer-Mythos. Er bleibt forever young. Wir werden ihn nie, nie ganz begreifen. Aber wir glauben an ihn - ob wir wollen oder nicht.

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