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Ein Mann mit vielen Masken

Lange bevor Popstars wie Madonna oder Lady Gaga das Spiel mit wechselnden Identitäten zum Stil-Prinzip erhoben, entzog sich Bob Dylan konsequent jeder Zuordnung. Er hat jedoch einen anderen Antrieb.

Von Carsten Heidböhmer

  Seit 1989 unermüdlich auf seiner "Never Ending Tour": Bob Dylan

Seit 1989 unermüdlich auf seiner "Never Ending Tour": Bob Dylan

Mitte der 60er Jahre war Bob Dylan auf dem Zenit seines Ruhms angekommen. Er galt neben den Beatles und Elvis als der größte Popstar der Welt. Ein schwerer Motorradunfall am 29. Juli 1966 beendete seine Karriere jäh. Die "Stimme seiner Generation", wie er tituliert wurde, gab es fortan nicht mehr. Ende 1967 meldete sich Dylan mit dem spärlich produzierten Folk-Album "John Wesley Harding" zurück, das textlich stark von der Bibel beeinflusst war. Im Jahr des grellbunten Summer of Love, als alle Hipster Drogen schluckten und freie Liebe praktizierten, gab es wohl kaum etwas Uncooleres. Als er dann 1969 "Nashville Skyline" nachschob, das ausschießlich als reaktionär empfundene Country-Songs enthielt, war der Bruch mit der Gegenkultur komplett, die Bob Dylan zuvor auf ihr Schild gehoben hatte.

Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass sich Dylan, der an diesem Dienstag 70 Jahre alt wird, erfolgreich seiner Gefolgschaft entledigte. Und es war nicht das erste Mal. Zuvor hatte er bereits seine treuen Folk-Fans brutal vor den Kopf gestoßen. Dabei war er auf der Welle des Folkrevivals zu nationaler Bekanntheit gesurft. Hatte mustergültige Protestsongs wie "Blowin' in the Wind", "Masters of War" oder "A Hard Rain's a-Gonna Fall" geschrieben. War beim berühmten Civil Rights March auf Washington publikumswirksam in der ersten Reihe geschritten. Und sogar eine Liaison mit Joan Baez eingegangen, der Vorzeigefrau der Folkszene.

Zwei Dylan-Platten unter den zehn besten Alben

Doch ein freier, kreativer Geist wie der des jungen Dylan kennt keine Loyalitäten, lässt sich nicht auf ewig an eine Gruppe binden. Der talentierte junge Songschreiber benutzte das Folkrevival nur als Trittleiter für Ruhm und Anerkennung, gegenüber den Dogmen dieser Bewegung fühlte er sich nicht im Geringsten verpflichtet. Er ging seinen eigenen Weg. Als er 1964 auf seinem vierten - programmatisch "Another Side of Bob Dylan" betitelten - Album private Themen anstelle von Weltfrieden und Rassenproblematik behandelte, reagierten die Fans irritiert. Zum Feind machte er sich die Szene, indem er seine Gitarre 1965 auf dem Newport Folk Festival in einen elektrischen Verstärker stöpselte. Der junge Weltverbesserer war in den Augen der Folkies kommerziell geworden. Auf der anschließenden Welttournee schlug ihm von Teilen des Publikums blanker Hass entgegen, in Manchester wurde er 1966 als "Judas" beschimpft.

Dylan ertrug diese Schmähungen mit Würde. Er war jetzt ein Popstar und stürmte mit seinen Folk-Rock-Alben "Bringing it all Back home", "Highway 61 Revisited" und "Blonde on Blonde" die Top Ten in den USA und in Großbritannien. Der 1941 als Robert Zimmermann geborene Musiker wurde das Idol der entstehenden Rockkultur. Noch 2003 wählte die Musikzeitschrift "Rolling Stone" zwei der drei genannten LPs unter die zehn besten Alben aller Zeiten, Dylans "Like a Rolling Stone" wurde 2004 sogar zum besten Song aller Zeiten erkoren. Dem Musiker schien damals alles zu gelingen. Textlich war er schon immer eine eigene Liga, er scharrte die besten Musiker um sich, die Songs schüttelte er nur so aus dem Ärmel. Es lief richtig gut. Bis zu besagtem Motorradunfall, von dem viele glauben, er sei für Dylan nur ein Vorwand gewesen, das Lager zu wechseln. "Ich war nicht der Grüßaugust irgendeiner Generation - dieser Zahn musste den Leuten gezogen werden", schrieb Dylan in seiner Autobiografie "Chronicles Vol. 1".

Verstörende Wende zum Christentum

Dylan tat auch in der Folgezeit alles, um es bloß niemandem Recht zu machen. Er warf mit "Self Portrait" ein Doppelalbum auf den Markt, voller lauer Coverversionen und lustlos eingespielter Varianten eigener Songs. Veröffentlichte mit "Tarantula" ein unlesbares Konvolut wirrer Assoziationen. Als die Gegenkultur in den letzten Zuckungen lag und politisches Engagement außer Mode geriet, setzte sich Dylan Mitte der 70er Jahre für den zu Unrecht inhaftierten Boxer Ruben Carter ein, tourte mit einer Reihe großartiger Künstler als Rolling Thunder Revue durch die Lande und erinnerte an das Leid der Schwarzen in den Minstrel-Shows, in denen sie im 19. Jahrhundert Stereotypen wie den ewig gut gelaunten Plantagensklaven spielen mussten. Mit "Blood on the Tracks" und "Desire" gelangen ihm in jenen Jahren zwei der besten Alben seiner Karriere, die viele alte Fans versöhnten.

Doch dann verstörte Dylan mit seiner Hinwendung zum Christentum. Zwischen 1979 und 1981 veröffentlichte er drei - musikalisch durchaus passable - Gospel-Pop-Alben. Auf Konzerten verstörte er seine Fans mit Predigten, hetzte sogar gegen Schwule. Doch auch die christliche Phase war nur eine kurze Episode, 1983 kündigte das Album "Infidles" (Ungläubige) bereits deren Ende an.

Die Geschichte zeigt: Bob Dylan entzieht sich jeder Kategorisierung, er macht einfach, was er will. So spielte er 1997 vor Papst Johannes Paul II. 2004 trat er sogar für einen Werbespot der Unterwäschefirma Victoria's Secret auf. 2009 nahm er ein Album mit Weihnachtsliedern auf. Und 2011 spielte er in China - und verzichtete dabei auf politische Songs wie "Blowin' in the Wind". Keiner vermag zu sagen, welche Überraschung Dylan als nächstes parat hat.

Mit seinen ständigen Wendungen wirkt Dylan wie ein Vorläufer von Popstars wie Madonna oder Lady Gaga, die den permanenten Stilwechsel zum obersten künstlerischen Prinzip erhoben haben. Doch das ist nur eine sehr oberflächliche Parallele. In Wirklichkeit gibt es einen grundlegenden Unterschied: Die ständigen Imagewechsel von Madonna und Lady Gaga sind Reaktionen auf die sich beschleunigenden Modezyklen des Kapitalismus. Dylan hingegen ist sein Image komplett egal. Seine Brüche sind Ausdruck eines radikal gelebten Individualismus, der sich niemand anderem unterwirft. Sei es der aktuellen Mode oder den Erwartungen der Fans. Dylans ständige Wandlungen sind Ausdruck einer Suche. Der Suche nach etwas Fundamentalem, einer tiefen Wahrheit.

Kein Konzert gleicht dem anderen

Genau diese Wahrheit versucht er mithilfe der Musik zu finden. Deutlich wird dies in der Art, wie er eigenes und fremdes Material behandelt. Seit 1989 reist er auf seiner "Never Ending Tour" unermüdlich durch die Konzertsäle dieser Welt. Während ein großer Teil des Publikums am liebsten seine größten Hits hören möchte, und zwar so, wie sie schon damals auf Platte geklungen haben, verwährt Dylan ihnen genau das. Ihm dient sein eigenes Werk nur als Rohmaterial, das er stets neu zusammenstellt. Tonart, Tempo, Programmfolge - all das ändert sich jeden Abend. Kein Konzert gleicht dem anderen. So lässt Dylan sein Oeuvre immer neu funkeln, und hofft, sich dem Urgrund seiner Musik auf diese Weise zu nähern.

So wie mit seinem eigenen Werk geht er auch mit der Tradition der Blues- und Folkmusik um. Auch hier bedient er sich schamlos, übernimmt die überlieferte Musik, passt sie in seine eigenen Songs ein. Ein Copyright scheint er dabei nicht zu kennen. Dylan klinkt sich immer wieder aufs Neue in den Strom der großen amerikanischen Musik ein und stellt sich so selbst in die Reihe der alten Meister. Das ist großspurig und bescheiden zugleich.

Die Großspurigkeit kann er sich leisten. Dylan ist der größte noch lebende Songschreiber. Die Bescheidenheit ist nur ein Zeichen seiner Weisheit. Anders als viele Musikerkollegen ist er sich in jeder Sekunde bewusst, bei wem er abkupfert. Das macht die Wucht und Gewaltigkeit seines Schaffens aus: Er selbst ist ein Riese, der auf Schultern von Riesen steht.

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