Ohne E-Street-Band, nur mit Akustik-Gitarre und Mundharmonika im Gepäck, wandelt Bruce Springsteen mit "Devils & Dust" auf Solopfaden - nicht immer ganz jugendfrei. Von Kai Behrmann

Bruce Springsteen präsentiert sich auf seinem neuen Album als ruhiger Songschreiber© Carlos Osorio/AP
Eines kann man Bruce Springsteen nicht vorwerfen: mangelnden Mut. Nach fast zehn Jahren Trennung hatte der "Boss", wie ihn seine Fans respektvoll nennen, 1999 seine E-Street-Band wieder zusammengetrommelt und mit ihr 2002 das erste gemeinsame Studioalbum seit "Born in the U.S.A." (1984) aufgenommen, "The Rising". Auf der anschließenden Welttournee füllten Springsteen und seine alten Weggefährten mühelos selbst die größten Stadien und bewiesen mit oftmals an die vier Stunden langen Konzerten einmal mehr ihren legendären Ruf, eine der besten Live-Rockbands der Welt zu sein. Die meisten Fans des US-Rockers hätten sich damals sicher gewünscht, die Wiedervereinigung ihres Idols mit seiner Band würde mehr als nur ein kurzes Intermezzo sein.
Genau diesen Gefallen hat Springsteen ihnen jedoch nicht getan. Für sein 13. Studioalbum "Devils & Dust" hat er Clarence Clemons, Max Weinberg, Steve van Zandt und Co. vorübergehend wieder in die Warteschleife geschickt. Einzige Ausnahme ist die Violinistin Soozie Tyrell. Das Ergebnis sind zwölf Country- und Folk-Songs, in denen ein ruhiger und nachdenklicher Springsteen sein Talent als Songschreiber zeigt.
Entstanden ist der Großteil der Songs bereits 1995, als Springsteen mit seinem zweiten Solo-Akustik-Album "The Ghost of Tom Joad" auf Tournee war. "Vieles schrieb ich in den Hotelzimmern nach den Shows", verrät der Mann aus New Jersey. "Ich war ja immer noch gut bei Stimme, da ich nicht die ganze Nacht gegen eine Rockband ansingen musste."
So überrascht es nicht, dass die Songs auf "Devils and Dust" nicht nur musikalisch, sondern auch thematisch an "The Ghost of Tom Joad" anschließen. Wieder streift der 55-jährige Springsteen auf verlassenen Highways und staubigen Seitenstraßen des Südwestens der USA umher und erzählt einfühlsame Geschichten von Verlierertypen, Außenseitern und illegalen Flüchtlingen aus Mexiko, für die der amerikanische Traum nur eine Illusion geblieben ist.
Bei der Instrumentierung hat sich der "Boss" eine strikte Bescheidenheit auferlegt. "Ich wollte alles bewusst rau und unverfälscht halten. Ich denke, dass es genau das ist, was der heutigen Country-Musik häufig fehlt. Dieser gewisse Sound, der unter die Haut geht", erklärt Springsteen. Und so hat jeder Song nur das bekommen, was er unbedingt braucht. Das Grundgerüst bildet dabei stets Springsteens schlichtes und zugleich eindringliches Gitarren- und Mundharmonikaspiel. Unterstützt wird er dabei in einigen Passagen von Soozie Tyrells sanftem Violinenspiel. An anderen Stellen sorgen wiederum Streicher, Bläser und ein Piano für einen dichten, atmosphärischen Klangteppich.
Wie so häufig in seiner Karriere leiht Springsteen in seinen Liedern denjenigen seine Stimme, denen man sonst nicht zuhören würde. Oder die nicht mehr für sich selber sprechen können, weil sie tot sind. So wie der namenlose illegale Flüchtling aus Mexiko in "Matamoros Banks", der den Versuch die Grenze zum gelobten Land USA zu überqueren, mit dem Tod bezahlen musste. Angelockt von der Hoffnung auf ein besseres Leben, treibt sein toter Körper nun in einem Fluss. Voller Dankbarkeit und Sehnsucht schickt er ein letztes Gebet an den Menschen, den er einst geliebt und in seiner Heimat zurückgelassen hat: "Goodbye, my darling, for your love I give God thanks / Meet me on Matamoros / Meet me on Matamoros / Meet me on Matamoros banks."
Springsteen wäre jedoch nicht Springsteen, wenn er seine Protagonisten an ihren oftmals tragischen Biografien zerbrechen ließe. Während die meisten Songs doch eher melancholisch und schleppend daherkommen, überwiegen in "Long Time Comin'" und "Maria's Bed" die optimistischen Töne. Besonders die flotte Country-Rock-Nummer "Long Time Coming" besticht durch eine fast unbeschwerte Leichtigkeit und gehört zweifelsfrei zu den Höhepunkten des Albums. Mit näselnder Stimme - Bob Dylan lässt grüßen - erzählt Springsteen darin die Geschichte eines Mannes, der in einem inneren Zwiegespräch nachts am Lagerfeuer unterm Sternenhimmel darum bittet, seinen zwei neben ihm schlafenden Kindern ein guter Vater zu sein.