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10. Februar 2007, 09:56 Uhr

"Hat Deutschland Style?"

Bei Stefan Raabs drittem Bundesvision Song Contest kämpften 16 Bands um den Sieg. Überraschungssieger Oomph! aus Niedersachsen konnten sich vor dem Hamburger Favoriten Jan Delay behaupten - nicht sehr zur Freude des Publikums. Von Thomas Soltau

Aufmarsch der Länder: Stefan Raab zu Beginn seines Song Contests im Berliner Tempodrom© Jörg Carstensen/DPA

Die 2500 Zuschauer im Berliner Tempodrom wollen lieber einen anderen Gewinner. Als die Gothic-Rock-Band Oomph! aus Niedersachsen mit Unterstützung der Sängerin Marta Jandová die Bühne entert, um ihren Sieger-Song "Träumst Du?" erneut zu spielen, setzen massive Buh-Rufe ein. Sänger Dero mault darauf beleidigt ins Mikro: "Ich finde es geil, dass Berliner so faire Verlierer sind."

Eigentlich hatte auch er mit dem Erfolg des Hamburgers Jan Delays gerechnet. "Ich hab ihn heute morgen überall im Frühstücksfernsehen gesehen. Er hatte die größte Promotion." Mit nur kleinen Abstand von neun Punkten erreicht der HipHopper von der Elbe aber nur den zweiten Platz. Und das, obwohl Jan Delay kurz vor Ende der Abstimmungen die entscheidende Frage an die Zuschauer stellt: "Hat Deutschland Style? Oder hat Deutschland keinen Style?" So gesehen hatte das ProSieben-Publikum offensichtlich keinen und wählte die Lederjacken aus Niedersachen zum Sieger.

Ex-Echt-Sänger Kim Frank wird Dritter

Freude hingegen beim ehemaligen Echt-Sänger Kim Frank. Für Schleswig-Holstein sichert er mit schönem Breitwand-Pop und dem Titel "Lara" einen respektablen dritten Platz.

Bevor der Wettkampf losgeht, tragen Vorjahressieger Seeed die hässliche Trophäe, um die sich alles dreht, auf die Bühne. Ex- oder Immer-Noch-Showpraktikant Elton treibt sich derweil Backstage bei den Künstlern herum, und verkündet schadenfroh, dass es das Bundesland Nordrhein-Westfalen bislang noch nie geschafft habe, seinen eigenen Künstlern volle Punktzahl zu verschaffen. Tresen-Philosoph Dittsche alias Olli Dittrich wiederum singt ein Loblied auf Jan Delay und muss sich mit blöden Fragen der "Radio Hamburg"-Moderatorin löchern lassen. Ein Auftakt nach Maß.

Berliner Heimspiel zum Auftakt

Die Berliner Musikkommune Mia eröffnen den Abend mit ihrem Song "Zirkus", ein passender Titel, findet doch der Bundesvision Songcontest in diesem Jahr im Berliner Tempodrom statt - einem Zirkuszelt. Feuerfontänen und Leierkasten allein reichen aber nicht aus, um das Publikum in Ekstase zu versetzen. Danach wird es erstmal schlimm: Meltron aus Mecklenburg-Vorpommern wären gerne Rammstein im Depeche-Mode-Kleid sind aber noch nicht mal deren Schmalspur-Ausgabe". Als die Mauer weg war", berichten sie, "haben wir alles erstmal in unsere Synthies investiert". Leider. Und Mädels mit roten Fahnen sind als Staffage nicht cool, sondern erinnern eher an eine ungelenke Ausgabe des DDR-Fernsehballetts.

Raab mit Gewinnerband Oomph! aus Niedersachsen© Jörg Carstensen/DPA

Der sonst so großmäulige Stefan Raab passt sich dem Niveau an, wirkt bei der Moderation so angeschlagen, als habe er vorher noch einen Boxkampf gegen Regina Halmich ausgetragen. Immerhin rettet seine Co-Moderatorin Johanna Klum die Situation. Während Raab taumelt, übernimmt die 26-jährige Berlinerin souverän die Ankündigungen und bewahrt den Fernsehzuschauer davor, langsam im Sessel wegzudämmern. Nach vielen glanzlosen Auftritten markiert Jan Delay mit "Feuer" schließlich den vorläufigen Höhepunkt des Abends. Die Bühne brennt, das Publikum im Saal auch.

Als es um die Vergabe der Punkte durch die Moderatoren der jeweiligen Partner-Radiosender geht, wird auch dem TV-Zuschauer heiß. Vor Scham. Denn hier wird schnell klar: Wer sich für alle anderen Jobs als zu unqualifiziert entpuppt, ist beim Radio bestens aufgehoben. Einstellungskriterium Nummer Eins: Hauptsache doof und immer die miesesten Witze auf Lager haben. Moderatorin Claudia aus NRW stammelt bei der Punktevergabe "Ich weiß gar nicht, was ich hier tue".

Ein Kollege aus einem anderen Bundesland kalauert: "Das ist ja hier wie im Swingerclub gestern Abend". Auch im Doppelpack sind die Radio-Stars nur schwer zu ertragen: "Ich gucke in deinen Ausschnitt, das lässt tief blicken, und zwar auf die Punkte". Echte Zoten, bei denen nicht mal Humorbombe Fips Asmussen die Mundwinkel verziehen würde.

Am Ende singen Oomph! dann doch noch einmal ihren Siegertitel "Träumst du" und alle Künstler stürmen die Bühne und winken brav in die Kameras. Was man bei aller Kritik nicht vergessen darf: es ist definitiv lobenswert, dass Stefan Raab mit seiner Show Musikern eine Plattform bietet, die es normalerweise noch nicht mal ins Radio schaffen.

Moderatoren wie Anheizer am Ballermann

Vor allem nicht in Radiosender mit Moderatoren, die sich aufführen, als wären sie Anheizer am Ballermann. Aber genau da liegt auch die Diskrepanz: hier werden Künstler jenseits des Mainstreams vorgestellt - die dann kläglich am ProSieben-Publikum scheitern. Wenn die Leute am Bildschirm ähnlich ticken wie die aufgepeitschten Schilder-Schwenker im TV, die besoffen "Saarland! Saarland!" skandieren, dann haben es gute Bands wie Anajo oder Tele schwer, sich durchzusetzen. Und damit wäre auch die Frage beantwortet: "Hat Deutschland Style?"

Von Thomas Soltau
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
LovesHamburg (11.02.2007, 02:36 Uhr)
Fehlgriff!
Was wurde diese Veranstaltung nicht angekündigt und wie wurde einem der Mund wässrig gemacht mit Namen wie Jan Delay, Kim Frank etc... und letzten Endes hörte man einen stimmschwachen Kim Frank und einen Jan Delay, von dem meine Tochter (9)dachte, dass er englisch singt.. ist halt schwer zu verstehen der Gute. Bei manchen Künstlern bewunderte man den Mut mit so einer Nummer aufzutreten, mit manch einem Bundesland hatte man Mitleid. Meine Tochter und ich sind uns nach dem Ergebnis nicht sicher, ob wir uns die Hauptveranstaltung ansehen sollten, da ja eh nicht mehr der Gesang im Vordergrund zu stehen scheint.
acenes (10.02.2007, 20:03 Uhr)
Unterschichtenfernsehen

Geilomat, das war Unterschichtenfernsehen für Unmusikalische.
Titania (10.02.2007, 12:00 Uhr)
Geschmacksache
Ob die teilnehmenden Bands was taugen oder nicht, wer welchen Platz verdient hat oder nicht, ist sicherlich Geschmackssache. Schwer zu ertragen war allerdings die Moderation. Stefan Raab stand ziemlich neben sich, und Johanna Klum war auch nicht viel besser als die katastrophale Ko-Moderatorin Janine vom letzten Jahr. Die Punktevergabe durch die Radiomoderatoren konnte man wirklich kaum noch aushalten, flache Sprüche, die mit sich überschlagender Stimme gegen den Partylärm angebrüllt wurden, während die Moderatoren versuchten, auf den Beinen zu bleiben und nicht vom Publikum umgeschubst zu werden, Besoffene, die sich nach "bin ich jetzt im Fernsehen?" - Manier in die Kamera drängten... Och nö!
Als Freund der schwarzen Musik freue ich mich natürlich, daß Oomph! gewonnen und Northern Lite auch recht gut abgeschlossen haben (nun gut, Melotron kehren wir mal besser unter den Teppich...) und daß der von Radio und TV gepushte Favorit Jan Delay offenbar nicht der Favorit des abstimmenden Publikums war. Was allerdings der Auftritt von Kalle sollte, erschließt sich mir noch nicht. Stimmlich völlig ausdruckslos, leerer Gesichtsausdruck, Bewegung als hätte er einen Stock verschluckt... War das jetzt ernst gemeint oder eine subtile Art von Gesellschaftskritik, die zeigen sollte, daß auch Leute, die wirklich gar nichts können, bei so einer Show auftreten können? Und was hat sich Thomas D. dabei gedacht, bei diesem Fiasko mitzumachen? Man weiß es nicht. Aber alles in allem war es ein unterhaltsamer Abend, Fremdschämen inklusive.
traldors (10.02.2007, 10:57 Uhr)
Musik?
Beim zweiten Durchlauf einer Castingshow sind handwerklich bessere Talente vorhanden als in dieser Show. So eine Ansammlung bemühter, aber relatv talentfreier Künstler habe ich selten erlebt. So manche Garagenband hat mehr drauf, als diese glattgeschmirgelten, mainstreamperformer.
Keine echten Bekenntnisse zu bestimmten Stilen, und wenn auch nur wieder die, die ohnehin pausenlos im Radio gedudelt werden. Bischen Metalelemente oder R&B und das war's.
Der Hamburger Beitrag von Herrn J. Delay (und ich komme aus Hamburg) ist 1a performed, nur singen kann der gute Mann nicht. Das trifft aber auch auf viele andere Künstler zu, sei es der Technik geschuldet (der Griff an's Ohr war ein Indiz) oder der eigenen Unfähigkeit Töne halten zu können.
War ich bisher der Meinung das "Superstar" der absolute Nullpunkt der Talente ist, bin ich seit gestern schlauer. Das geht noch besser mit dieser Show!

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